Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Niedersachsen So wütend sind Hannovers Diesel-Besitzer
Nachrichten Niedersachsen So wütend sind Hannovers Diesel-Besitzer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:55 01.03.2018
Quelle: Fotos: Wallmüller
Anzeige
hannover

„Wir sind ein kleiner Familienbetrieb in der dritten Generation, eine kleine muckelige Firma. Wie soll ich da mal eben zwei neue Dienstfahrzeuge anschaffen?“ Marco Bernsee (37) weiß nicht, was er machen soll, wenn Hannover ein Dieselfahrverbot für die Innenstadt aussprechen würde.

Der Malermeister aus Rick­lingen besitzt drei Dienstwagen, einer fährt bereits mit Erdgas, „weil ich ja grundsätzlich für erneuerbare Energien bin“. Die anderen beiden aber sind um die 18 Jahre alte Diesel, „damit werden lange Leitern und Bohlen transportiert, die wir brauchen, wenn wir Decken tapezieren“. Bern­see ist nicht der einzige Handwerker, der dieses Problem hat. „Ich kenne mindestens zehn andere Malerwerkstätten, die alle Diesel fahren.“

Taxifahrer müssten ihre Preise drastisch erhöhen

Ziemlich „veräppelt“ von Politik und Autoindustrie fühlt sich auch Khushal Parwa (40), der seit 13 Jahren Taxi in Hannover fährt. „Fast alle Ta­xis fahren Diesel“, weiß er. „Wenn das Dieselverbot kommt und die Taxiunternehmen auf Benziner umsteigen, werden auch die Fahrpreise viel höher.“ Die Zahlen dürften auch Fahrgäste erschrecken: 540 der 600 Taxis in Hannover sind Dieselfahrzeuge.

Von „Beschiss hoch drei“ spricht Massimo Dall’Asta (65) vom gleichnamigen Eiscafé, der seine gekühlten Produkte mit einem drei Jahre neuen Diesel der Euro-5-Klasse in die Filialen am Steintor und am Aegi ausfährt. „Immer müssen es die Kleinen ausbaden“, ärgert er sich, der nun „über kurz oder lang“ einen Benziner kaufen muss. Für seinen Diesel hatte er 21 000 Euro gezahlt, „die werden aber wertlos, den kann man kaum noch verkaufen“.

Auch Caterer Kai Riedel aus Langenhagen findet es „unfair“, dass unter den Versäumnissen von Politik und Autoindustrie „gerade die Mittelständler leiden müssen“. Riedel hat zwar ein Elektrofahrzeug und einen Diesel der neuesten Generation (Euro-6-Klasse), aber eben auch zwei weitere Diesel, die bei einem Fahrverbot eben nicht mehr in die Innenstadt zum Suppenausliefern fahren dürften: „Wenn Langenhagen dann auch noch auf Fahrverbote setzen würde und wir diese beiden Diesel nicht einsetzen könnten, dann hätten wir richtige Pro­bleme.“

Nun sind nach dem Leipziger Urteil zu möglichen Fahrverboten tatsächlich noch vie­le Fragen offen. Auch jene nach den Ausnahmeregelungen. Von eben solchen geht Floristin Karen Hochfeld (42) von „Blume im Bahnhof“ aus. „Die Lieferfahrzeuge erhalten doch Ausnahmen, habe ich im Radio gehört“, sagt sie, die privat Benziner und auch gern Bahn fährt. „Die Blaue Plakette für Innenstädte würde ich gut finden“, so Hochfeld.

Was bedeutet die blaue Plakette für Hannover?

Um diese Plakette aber streiten sich Politiker in Stadt, Land und Bund, der bislang die Einführung ablehnte. Und es bleibt die Frage, wer sie kontrolliert. Etwa die Polizei, die selbst noch alte Dieselfahrzeuge in ihrer Flotte hat? Was passiert denn eigentlich mit den Schadstoffstinkern der Staatsgewalt? Eine Frage, die die Mitarbeiter im niedersächsischen Innenministerium durchaus umtreibt. „Man muss schauen, welche Polizeireviere in der Innenstadt betroffen sein könnten“, erklärt Sprecher Hans Gehrmann. Außerdem könne es möglicherweise „Ausnahmeregelungen für Blaulicht-Organisationen“ wie Polizei, Rettungssanitäter oder Feu­er­wehr geben: „Die schriftliche Urteilsbegründung aus Leipzig liegt noch nicht vor, da warten wir noch ab.“

Marco Bernsee beruhigt das alles nicht so richtig. Er, der Maßnahmen zum Um­welt- und Gesundheitsschutz für sinnvoll hält, traut aber Politik und Autoindustrie einfach nicht mehr. „Das Thema ist nicht neu, die Autobosse sind dennoch nur am Mauscheln. Irgendwie ist das halbseiden“, befindet er.

Von Petra Rückerl

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der 37-Jährige hatte seine Tochter dabei. Er verriet sich durch ein klassisches Eigentor.

11.03.2018

Es geht um zwei Seniorenheime in Nordfriesland. Ein Pfleger berichtet von schlimmen Zuständen, das Unternehmen dementiert.

11.03.2018

Die SPD sucht ihre Zukunft: Zu einer Diskussion der Jungsozialisten (Jusos) über eine mögliche große Koalition (GroKo) im Bund kamen am Donnerstagabend rund 200 Interessierte ins Verdi-Gewerkschaftshaus an der Goseriede (Mitte). Auch GroKo-Gegner Kevin Kühnert war anwesend.

21.02.2018
Anzeige