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„Bei uns herrschen andere Bedingungen“

„Bei uns herrschen andere Bedingungen“
© Christian Behrens

Wirtschaft

Pfleger arbeiten lieber als Leiharbeiter

Immer mehr Klinik-Mitarbeiter lassen sich als Leiharbeiter einstellen – oder werden Freiberufler. Auch Niedersachsen ist davon betroffen.

hannover. Leiharbeit als Schutz vor Mehrarbeit? Was bizarr klingt, scheint in der Pflegebranche mittlerweile gang und gäbe zu sein. Laut NDR fühlten sich viele Festangestellte ausgebeutet, im Dauerstress, hätten kein Familienleben, das diesen Namen verdient. Weil dies so ist, kündigten viele ihre Festanstellung und ließen sich als Leihkräfte – unter besseren Bedingungen – wieder einstellen.

Das bestätigte auch der Direktor der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft, Helge Engelke, dem Sender. Wegen Personalmangels müssten Klinikchefs Leiharbeiter einsetzen, um die Rund-um-die-Uhr-Versorgung gewährleisten zu können. Leiharbeit sei jedoch nicht im Interesse der Kliniken, denn sie sei für die Häuser extrem teuer. Auch die MHH sei bereits betroffen.

„Der monetäre Faktor ist wichtig, aber schon lange nicht mehr das ausschlaggebende Kriterium“, berichtet Jasmin Arbabian-Vogel, deren Interkultureller Sozialdienst mit ambulanten Pflegekräften arbeitet. Deswegen würden in ihrem Unternehmen andere Arbeitsmodelle gelten, die nicht so „privatlebenfeindlich“ wären, erzählt sie der NP. „Das halten wir schon seit 20 Jahren so. Man kann die Angestellten nicht permanent am Wochenende einsetzen, sie permanent Überstunden machen lassen.“ Jedes zweite Wochenende arbeiten zu müssen, richte sich gegen das Privatleben – „egal, ob man Familie hat oder Single ist“.

Bei der Leiharbeit hat der aktuelle Trend auch mit dem Stundenlohn zu tun, der Mindestlohn bei Leiharbeit ist höher als der Mindestlohn bei Pflegehelfern. „Topausgebildete, examinierte Krankenpflegekräfte dagegen sind rar gesät“, so die Unternehmerin. Sie könnten es sich leisten, aus der Festanstellung zu gehen und als Freiberufler bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne zu verhandeln.

In der MHH ist dem NDR zufolge Pflegeleiharbeit aber noch die Ausnahme. Bei 2137 fest angestellten Krankenpflegekräften habe die Klinik im Jahr 2015 gerade einmal 30 Leiharbeiter eingesetzt. Allerdings ist der Trend auch hier zu spüren: Im vergangenen Jahr habe sich die Zahl bereits verdoppelt. Bis März diesen Jahres waren es auch bereits 47 Leiharbeiter.

Leiharbeit sei nicht im Interesse der Kliniken, denn sie sei für die Häuser extrem teuer, argumentiert Helge Engelke. Sollten Fachkräfte nur noch über Leiharbeit zu bekommen sein, stehe die Krankenhausversorgung an sich auf dem Spiel, befürchtet er.

Offizielle Zahlen belegten die hohe Arbeitsbelastung als Grund für die Flucht in die Leiharbeit, hieß es. So habe eine Stichprobe von Niedersachsens Gewerbeaufsichtsämtern im vergangenen und im laufenden Jahr in 19 Krankenhäusern mehr als 150 Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz festgestellt. Betriebsräte vermuteten eine wesentlich höhere Dunkelziffer.

Von Petra Rückerl


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