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Niedersachsen „Schwarze Szene“ feiert beim M'era Luna-Festival die alten Helden
Nachrichten Niedersachsen „Schwarze Szene“ feiert beim M'era Luna-Festival die alten Helden
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10:37 13.08.2018
Die M’era-Luna-Besucher Björn (v.l.), Eli, Charlotte, Vanessa, Christin, Marleen, Jessy und Lisa. Quelle: Clemens Heidrich/dpa
Hildesheim

Es ist nicht ungewöhnlich, Sätze wie die folgenden von der Bühne des diesjährigen M’era Luna-Festivals auf dem Flugplatz in Hildesheim zu hören: „Wir sind jetzt zum 13. Mal hier. Oder war es das 20.?“ Oder: „Dieser Song ist 25 Jahre alt.“ Oder: „Wir spielen jetzt einen Song, den wir 1997 aufgenommen haben. Oder war es 1998?“ Diese Sätze stammen - in dieser Reihenfolge - von der Mittelalter-Rock-Band Tanzwut (Gründungsjahr 1997), der Elektro-Rock-Band Apotygma Bezerk (Gründungsjahr 1989) und den Szene-Platzhirschen In Extremo (Gründungsjahr 1995), könnten aber ebenso gut von fast jeder anderen Band des Line-Ups stammen.

Auf dem Flugplatzgelände in Hildesheim wurde wieder Europas größtes Gothic-Festival eröffnet: das M’era Luna 2018. 25.000 Besucher werden in diesem Jahr erwartet.

Doch das M’era Luna zeigt auch: Die Szene, deren Ursprünge in den späten 80er-Jahren liegen, ist trotz ihres Alters quicklebendig und hat kein Nachwuchsproblem. Schon im Zug von Hannover nach Hildesheim klimpern zahllose Glöckchen an der Kleidung der Festivalgäste den sanften Rhythmus des Holperns durch die Hildesheimer Börde mit, wird ein letztes Mal Lidschatten und Mascara angelegt, noch einmal der Sitz der Kontaktlinsen, Hörner, Lederaccessoires und Zylinder überprüft. Auf dem Gelände bestätigt sich der Eindruck: Das durchschnittliche Geburtsjahr der 25.000 Besucher des ausverkauften Festivals dürfte vor dem durchschnittlichen Gründungsjahr der meisten Bands liegen. Dem durschnittlichen Festivalbesucher ist das aber auch relativ egal.

Hörner? Reizwäsche? Da guckt niemand zweimal

Schon zur ersten Band des Tages, den Newcomern Cyborg, die eine Art Sci-Fi-Melodic-Death-Metal praktizieren, wird in einem Einspieler das Motto des Tages ausgegeben: „Ausfall der strukturellen Integrität. Bitte Ruhe bewahren.“ Strukturelle Integrität meint in diesem Fall: Die Welt da draußen, die anderen. Denn so musikalisch konservativ das M’era Luna als zweitgrößtes deutsches Festival der schwarzen Szene auch ist, so wenig sind es die Besucher. Hörner? Reizwäsche? Zerlumptes Brautkleid? Ganzkörper-Anzüge aus schwarzem Latex? Pärchen, von denen ein Teil den anderen an einer Kette übers Gelände führt? Gehört dazu. Da guckt niemand zweimal.

Auf dem M’era Luna wird vom Publikum ein Lifestyle zelebriert und ausgestellt, aber eben auch wieder an die Szene, die ihn lebt, zurückverkauft. Gerade deshalb ist die Verkaufsfläche für Schwarze-Szene-Accessoires mindestens genauso groß wie die vor der Bühne, gerade deshalb gibt es auch Modenschauen sowie Schmink- und Haarfärbeworkshops während des Festivals.

Genau deshalb spielen aber auch die alten Szenehelden auf: Sie sind der Soundtrack dieses Lifestlyes, der Soundtrack einer Art von Freiheit, und waren es schon immer. Auf dem Festival wird das im Spannungsfeld zwischen Mainstream, Jahrmarkts-Kapitalismus und Gegenkultur zelebriert. Bei bestem Wetter wird fröhlich eingekauft. Aber auch vor der Hauptbühne zur finnischen Dark-Rock-Band The 69 Eyes genauso getanzt wie zu Lord of the Lost, deren Mitglieder mit viel Facepaint, engem Latex und Glitzer aufwarten und gleich im ersten Song eine Gitarre zerkloppen, die in das freudige Publikum geworfen wird. Da wird auf der Hangarbühne zur Neuen-Deutschen-Härte-Truppe Eisbrecher, die mit Polarthema, Horror-Schneemann und Yeti daherkommt genauso getanzt wie zur Neuen-Deutsche-Welle-Minimal-Electropopband Welle:Erdball, deren Luftballon-Deko noch bis zum Abend in der Decke des Hangar hängt.

Kontra Donald Trump

Highlights des Sonnabends sind dabei die Bands Ministry und die Headliner The Prodigy. Ministry rückt mit zwei aufblasbaren Hühnchen an, die große Ähnlichkeit mit US-Präsident Donald Trump aufweisen. Sowie mit einem Set, während dem er immer wieder auf den Videoleinwänden gezeigt wird, begleitet von wutenbrannten Industrial-Metal mit schönen Refrains wie “You need a punch in the face, punch in the face”. Damit liefert Ministry auch die politischste Performance des Tages ab, wenn man einmal von Nachtmahr absieht, deren Mitglieder parallel dazu auf der Hangar-Bühne ihr altes, provokativ gedachtes Spiel mit Faschismus und Militarismus entlehnter Symbolik betreiben.

Auch beim Headliner und Hardcore-Legende The Prodigy fühlt es sich diffus an, als würde das Publikum zu irgendeiner Art von Aktivismus aufgerufen werden, was für einen genau, präzisiert Bandleader Liam Howett während der gut anderthalbstündigen, energiegeladenen Show nicht. Jedenfalls sei das Publikum „my prodigy army“. Mit „Breathe“ als erstem Song und „Firestarter“ als viertem verschießt die Band ihr 1997er-Hitpulver dabei recht früh - hält aber das Energielevel bis zum letzten Song vor der Zugabe, dem dritten Hit „Smack my Bitch up“ hoch. Die „prodigy army“ - wahlweise auch „my german people“ - dankt es mit Jubel und Tanz. Und macht sich dann auf den Weg, um noch ein paar Stunden Schlaf für den nächsten Tag voller alter Helden zu erwischen. Und dabei wenigstens ein bisschen Gegenkultur zu sein.

Von Jan Fischer

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