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Niedersachsen Friedland für Flüchtlinge ein Neustart
Nachrichten Niedersachsen Friedland für Flüchtlinge ein Neustart
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09:13 23.11.2009
„Unsere Kinder haben hier in Deutschland eine Zukunft.“ Der Start beginnt in Friedland. Quelle: Heinrich Thies

Das Datum dürfte bloßer Zufall sein – und ist doch von hoher symbolischer Bedeutung: Der 14. Juli 2009 ist nicht nur der französische Nationalfeiertag, er ist für William Al Bawari, seine Frau Sabrin und seinen Sohn Remon ein ganz besonderer Tag der Freiheit. Denn an diesem Tag steigen die Al Bawaris in Amman in ein Flugzeug, das sie nach Deutschland bringt. Drei Jahre haben sie als Flüchtlinge im Nachbarland Jordanien gelebt, drei Jahre war William Al Bawari zum Nichtstun verurteilt, da Flüchtlinge dort nicht arbeiten dürfen. „Wir waren lebendig begraben“, sagt der gelernte Zimmermann.

Die Flüchtlingsfamilie gehört zu jenen Tausenden von Irakern, die vor Krieg und Verfolgung aus ihrer Heimat in die Nachbarländer geflohen sind und dort unter oft erbärmlichen Bedingungen auf die Rückkehr hoffen – oder auf eine neue Heimat mit besseren Lebensbedingungen. Und die Al Bawaris gehören zu jenen Glücklicheren unter den Flüchtlingen, die seit dem Start der von den EU-Innenministern im März dieses Jahres beschlossenen Hilfsaktion nach Deutschland einreisen durften. Inzwischen sind rund 2000 verfolgte Iraker aus Flüchtlingslagern in Syrien und Jordanien nach Deutschland gekommen. Insgesamt will die Bundesrepublik 2500 besonders schutzwürdige irakische Flüchtlinge aufnehmen.

Allein in diesem Monat hat ein Charter-Flugzeug 134 irakische Flüchtlinge zum Flughafen Hannover gebracht. Dort sind sie in Busse umgestiegen, die sie zum Grenzdurchgangslager Friedland brachten. Dort machen sie alle zunächst einmal Station, um sich für das Leben in einer fremden Welt zu wappnen, die ihre zweiten Heimat werden soll. Und dort leben auch die Al Bawaris noch.

Schlimmer als die Zeit der Tatenlosigkeit in Jordanien, erzählt William Al Bawari, sei die Zeit davor gewesen. 2005 hatte er mit seiner Familie Bagdad verlassen, weil Angehörige religiöser Minderheiten dort immer stärker verfolgt wurden. Die Al Bawaris gehören der Glaubensgemeinschaft der assyrischen Christen an. Den endgültigen Entschluss, das Land zu verlassen, fassten sie nach der Einschulung ihres Sohnes Remon. Allein im ersten Monat des Schuljahres seien vier seiner Mitschüler entführt worden, berichtet der Vater. Sie hätten deshalb Angst gehabt, ihr Kind zu verlieren. „Ich habe dann alles zum halben Preis verkauft – wir wollten einfach nur weg.“ Per Bus reisten sie nach Jordanien aus. Dort waren sie zwar in Sicherheit, aber ohne Perspektive. Die Langeweile und die beengten Verhältnisse seien psychisch sehr belastend gewesen. „Die Wohnung war wie ein Gefängnis.“

Als Flüchtlinge mussten sie sich ständig bei den Behörden melden. Dadurch lernten sie auch andere Iraker mit ähnlichen Schicksalen kennen. Im Januar machte dann die Nachricht die Runde, dass die Europäische Union 10 000 verfolgte Iraker aufnehmen will. William Al Bawari kam mit seiner Familie auf die Liste der Flüchtlinge, die von den deutschen Behörden ausgewählt wurden.

Mitte Juli ist es so weit. Gemeinsam mit mehr als 100 weiteren Flüchtlingen besteigen sie in Amman das Flugzeug nach Hannover. Es ist der erste Flug ihres Lebens – und zugleich der Start in ein völlig neues Leben. „In Hannover haben wir alle gejubelt“, erzählt William Al Bawari. Nach der Ankunft in Friedland folgen weitere bewegende Momente. William Al Bawaris Bruder, der in Aurich wohnt, kommt zu Besuch. „Wir haben uns 13 Jahre lang nicht gesehen.“ Auch seine Frau Sabrin hat einen Bruder in Deutschland, sodass sie ein weiteres Wiedersehen feiern können. Rund zwei Wochen dauern die behördlichen Aufnahmemodalitäten. Dann werden die Neuankömmlinge vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge darüber informiert, in welchem Bundesland sie künftig wohnen dürfen.

Die Verteilung erfolgt nach demselben Schlüssel wie bei Asylbewerbern und Aussiedlern. Familie Al Bawari gehört zu denen, die in Niedersachsen bleiben werden. Sie wollen nach Aurich ziehen, wo auch der Bruder wohnt. Vorher aber absolvieren sie in Friedland noch den dreimonatigen Integrationskurs, um Deutsch zu lernen und sich auf das Leben in der Bundesrepublik vorzubereiten. Das Wichtigste sei jetzt, die Sprache zu lernen, sagt William Al Bawari. Alles andere werde sich dann schon finden: „Als Zimmermann kann ich überall arbeiten.“

Inzwischen sind mehr als drei Monate vergangen, der Kurs steht kurz vor dem Abschluss. Lehrerin Ince Sogöl übt an diesem Vormittag mit den irakischen Flüchtlingen das Konjugieren: „Ich spiele, du spielst, er spielt …“ Die Kursteilnehmer sind mit großem Eifer dabei. Am schwierigsten sei die Aussprache, berichten sie. Vor allem die Umlaute, „ch“ und „z“ bereiten Probleme. Wörter wie „putzen“ seien regelrechte Zungenbrecher für die Iraker. Doch keiner lässt sich unterkriegen, das Lernen macht ihnen Spaß.

Den Flüchtlingen ist klar, wie wichtig das Erlernen der Sprache für sie ist: „Wir müssen Deutsch lernen, denn das ist unsere zweite Heimat hier“, sagt eine Kursteilnehmerin, die sogar fünf Jahre in einem jordanischen Flüchtlingslager warten musste, bevor sie mit ihrer Familie nach Deutschland ausreisen konnte. „Wir wollen deutsch lernen und dann eine Arbeit suchen. Wir arbeiten gerne und wollen nicht von der Sozialhilfe leben“, sagt William Al Bawari. Am wichtigsten ist ihm aber eines: „Unsere Kinder haben hier in Deutschland eine Zukunft.“

von Heidi Niemann

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