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Niedersachsen Fahnenflucht ins Kriegsgebiet
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14:17 10.03.2017
Zwischen Hoffnung und Krieg: Deniz Demir blickt in eine ungewisse Zukunft. Quelle: Droese
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Celle

Deniz Demirs (30, Name geändert) Traum war immer, einmal der deutschen Bundeswehr zu dienen. „Andere Kinder wollten Polizist oder Feuerwehrmann werden. Für mich stand immer fest, ich werde Soldat“, erinnert sich der 30-jährige Jeside, dessen Eltern aus der Türkei stammen. Dass er einmal in den Irak reisen würde, um gegen den IS zu kämpfen, und dafür seine Truppe ohne ein Wort zurücklassen würde, konnte er sich damals nicht vorstellen.

Nach einer Ausbildung als Koch beantragte er 2011 die deutsche Staatsbürgerschaft – um Soldat werden zu können. Danach ging es schnell: „Ich habe verschiedene Ausbildungen durchlaufen, war Milanschütze und arbeitete dann als Oberstabsgefreiter.“

Als 2015 die ersten Flüchtlingsströme nach Deutschland kamen, diente er bereits seit vier Jahren. „Ich wollte unbedingt helfen, ich wäre am liebsten in den Irak versetzt worden, doch mein Chef genehmigte das nicht“, sagt Demir ganz sachlich. Nicht zuletzt, weil keine deutschen Truppen mehr im Irak stationiert waren.

„Während meiner Arbeit als Soldat habe ich ehrenamtlich in einem Flüchtlingsheim gearbeitet, ich konnte es nicht aushalten zu hören, wie schlimm die Menschen vor Ort leiden und wie die Frauen vom IS behandelt werden.“

Die eigenen Emotionen überkamen ihn. Demir verkaufte sein Auto, um von dem Geld auf eigene Faust in den Irak reisen zu können: „Ich habe das Geld genommen und mir einen Flug in die Türkei gebucht.“ Dass sein Handeln Konsequenzen haben könnte, verdrängte er, „es war ein Blackout“. Seine Verpflichtung gegenüber dem deutschen Staat wurde für den jungen Mann nebensächlich.

In der Türkei fuhr er zuerst in sein Heimatdorf: „Ich wollte das Grab meines Großvaters besuchen, um mich zu verabschieden, Ich wusste nicht, ob ich lebend zurückkehre.“ Mit dem Bus reiste er dann zur irakischen Grenze – er wollte nach Lalish. Ein Tal, das an der Grenze der autonomen Region Kurdistan liegt und für Kurden eine Pilgerstätte darstellt. „Um meine Sünden reinzuwaschen“, erklärt der 30-Jährige.

„Ich lernte dort eine Familie kennen, die mir anbot, bei ihr zu wohnen.“ Schnell stellte sich heraus, dass der älteste Sohn im Shingal-Gebirge für die Peschmerga als Kommandeur arbeitet. Weil es Demir allein nicht gelang, den Checkpoint zu passieren, schleuste der ihn in das Gebiet ein. Danach fuhr er per Anhalter nach Shingal weiter. „Als ich im Dorf der Widerstandskämpfer Shingals (YBS) ankam, habe ich nicht erzählt, dass ich deutscher Soldat bin. Ich wurde mit Waffen ausgestattet und einer schusssicheren Weste“, sagt der 30-Jährige. Dann schloss er sich den Kämpfern an.

„Als ich im Irak ankam, war Midian noch in der Hand des IS.“ Um das zu ändern, begab er sich mit der Truppe auf den Weg in das kleine Dorf: „Erst machten wir uns auf den Weg zu einem Berg, der Berg der Gefallenen genannt wird, dort verbrachten wir einige Nächte. Einzuschlafen war uns verboten.“ Der IS sollte nicht die Möglichkeit bekommen, den Berg zu beschießen. Dennoch kam es zum Schusswechsel – rund 45 Soldaten der 700-köpfigen Gruppe ließen ihr Leben. Drei Tage verbrachte die Truppe auf dem Berg – ohne fließend Wasser und ausreichend Nahrung –, bis sie nach einem Drei-Wochen-Marsch das Dorf Midian erreichte.

„Als wir ankamen, gab es keine Spur von Einheimischen.“ Ein ganzes Dorf war geflohen. Was blieb, war ein Minenfeld des IS: „In manchen Häusern waren bis zu 15 Bomben versteckt. In anderen fanden wir riesige Blutlachen. Es war offensichtlich, was hier passiert ist.“ Demir und die anderen Männer sicherten das Dorf und vertrieben die IS-Kämpfer. „Ich habe gelernt, mit dem Tod umzugehen, wir haben die Bilder, die wir gesehen haben, verdrängt“, gesteht Demir.

Die einzige Möglichkeit, das Gesehene zu verarbeiten. Doch eine Geschichte ergreift ihn noch immer: „Wir waren dabei, das Dorf zu sichern, da überraschte uns ein Kämpfer des IS. Nicht etwa ein erwachsener Mann, sondern ein zehnjähriger Junge. Mit einer Kalaschnikow, die viel zu groß für ihn war, kam er auf uns zugestürmt.“ Um ihn nicht töten zu müssen, lockten die Männer der YBS den Jungen in einen Hinterhalt: „Dort haben wir ihm das Gewehr abgenommen und ihm seine Weste ausgezogen. Seine gesamte Brust war mit Sprengstoff versehen.“

Als sein Freund Asad Hasso (27, Name geändert), der ebenfalls aus Deutschland stammt, von einem IS-Soldaten niedergeschossen wurde, verließ er das Dorf und reiste zurück nach Shingal: „Dort schaltete ich zum ersten Mal nach zwei Monaten mein Handy wieder ein.“ Seine Mutter hatte vermehrt versucht, ihn zu kontaktieren – die kleine Schwester war schwer erkrankt. Für Demir stand sofort fest: „Ich reise zurück.“

Im April 2016 landete er am Flughafen Düsseldorf. Noch bevor die Passagiere das Flugzeug verlassen konnten, stürmte das BKA die Maschine und nahm ihn fest – wegen Fahnenflucht. Kurzzeitig warfen die Beamten ihm vor, als Terrorist für die PKK gekämpft zu haben. Demir beteuert: „Das ist absoluter Quatsch“.

Nach der Verhaftung wurde er nach Lüneburg gebracht und dort dem Haftrichter vorgeführt: „Bis zum Verfahren muss ich mich wöchentlich bei der Polizei melden.“ Doch bereuen tut er seine Reise in den Irak nicht: „Gereist wäre ich in jedem Fall. Ich bereue nur, dass ich keinen Antrag auf vorzeitige Entlassung gestellt habe.“

Nun muss sich der 30-Jährige einem Strafverfahren stellen – Fahnenflucht wird mit einem Freiheitsentzug von bis zu fünf Jahren bestraft.

Mandy Sarti

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