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Abu Walaa: Sein Gesicht zeigte der einstige Imam der Hildesheimer Terror-Moschee nie.

Abu Walaa: Sein Gesicht zeigte der einstige Imam der Hildesheimer Terror-Moschee nie.
© Facebook

Terror

Der „Scheich von Hildesheim“ wollte den „großen Bums“

Er gilt als die Nummer eins der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Deutschland: Ahmad Abdulaziz Abdullah A. (32) alias Abu Walaa. In Hildesheim war er jahrelang der Imam der Moschee des inzwischen verbotenen Islamkreises. Von hier aus radikalisierte er junge Menschen, schickte sie als Kämpfer zum IS, hetzte gegen Andersgläubige und den Rechtsstaat. Nun droht dem mutmaßlich schlimmsten Islamisten in der Bundesrepublik der Prozess.

Hildesheim. Sein erhöhter Sitzplatz hinter der Holzbalustrade in der geschlossenen Terror-Moschee in Hildesheim ist noch vorhanden. Auf dem rot-beige gemusterten Teppich im Gebetsraum steht eine vertrocknete Yucca-Palme im weißen Übertopf, überall liegen Glassplitter, Sitzkissen und kaputte Möbel – Spuren der letzten Polizei-Razzia. Im hinteren Teil hängen an einer Garderobe islamische Gewänder. Einst dürfte sie Ahmad Abdulaziz Abdullah A. (32) alias Abu Walaa getragen haben. Doch das ist mehr als acht Monate her. Denn jetzt hat der mutmaßliche Chef-Ideologe der Dschihadisten-Miliz Islamischer Staat (IS) in Deutschland Gefängniskleidung an. Seit November 2016 sitzt der einstige Imam des inzwischen verbotenen Deutschsprachigen Islamkreises (DIK) Hildesheim in U-Haft.

Der finale Akt um den Hassprediger, der sich gern mit dem arabischen Ehrentitel „Sheikh“ (Scheich) an­sprechen ließ, steht kurz bevor: Die Generalbundesanwaltschaft soll Anklage gegen A. erhoben haben. Laut „Fo­cus online“ beginnt der Prozess gegen den Mann, der zahlreiche junge Muslime ra­dikalisierte und sie als Kämpfer zum IS nach Syrien und in den Irak schickte, der zum Hass gegen Andersgläubige und zur Tötung von Abtrünnigen aufrief und sogar in Anschlagsplanungen in Deutschland verwickelt gewesen sein soll, bereits am 19. September. Ort des Showdowns ist das Oberlandesgericht in Celle.

Geschlossene DIK-Moschee

Geschlossene DIK-Moschee: Hier predigte einst der „Scheich von Hildesheim“. Nun liegen dort Glassplitter, Kissen und kaputte Möbel herum.

Quelle: Mahrholz

Gefängniskost: Thunfisch aus der Dose

Die breite Öffentlichkeit kennt Abu Walaa nicht. In Internet-Videos ist der stets schwarz gekleidete 32-Jährige nur von hinten zu sehen. Die Medien tauften den Iraker deshalb „Prediger ohne Ge­sicht“. In der JVA Sehnde, wo er seit November im Sicherheitstrakt sitzen soll, weiß man inzwischen, wie er aussieht. Und, was er isst: Meist würde er Thunfisch aus der Dose löffeln, heißt es. Angeblich, weil die Gefängniskost für ihn als gläubigen Moslem nicht „halal“ (arabisches Wort für ,erlaubt’) sei.

Erlaubt war in den Augen der Strafverfolger auch nicht, was der „Scheich von Hildesheim“ jahrelang in den Hinterzimmern der Moschee an der Martin-Luther-Straße trieb. Er radikalisierte gezielt junge Menschen. Seine Seminare übten eine magische Anziehungskraft auf sie aus. Aus mehreren Bundesländern und sogar aus Spanien, Frankreich und Bulgarien kamen sie, um ihm zuzuhören. Der 32-Jährige, der eine Erstfrau und vier Kinder in NRW hat und mit einer Zweifrau und drei Kindern in Bad Salzdetfurth (Kreis Hildesheim) lebte, ermutigte Muslime, sich dem IS anzuschließen. Oft soll er ihnen gesagt haben: „Findest du nicht, dass es eine Sünde ist, in diesem Land zu leben mit den Kuffar (Ungläubige, Anm. d. Red.), obwohl es ein Land (den IS, Anm. d. Red.) gibt, in dem man seinen Glauben frei ausleben kann?“

15 Ausreisen nach Seminaren bei Abu Walaa

Viele junge Männer soll Abu Walaa nach Syrien und in den Irak geschleust haben. Allein 15 Ausreisen von Personen aus Niedersachsen direkt im Anschluss an seine Seminare sollen belegt sein. Er soll gegenüber dem IS für die Kämpfer gebürgt haben. Sein Netzwerk besorgte falsche Pässe und Flugtickets. Auf die Ausreise soll der „Sheikh“ Gotteskrieger gut vorbereitet und ihnen eine Checkliste an die Hand gegeben haben: „Fit halten, Schlafrhythmus aufbauen, letzten Monat mit der Familie verbringen, Ab­schiedsbilder machen, PC löschen, Schulden abbezahlen, neues Handy besorgen.“ Neben männlichen Einzelpersonen sind aus Hildesheim auch mehrere Familien ins IS-Kriegsgebiet aufgebrochen – zum Teil mit kleinen Kindern und sogar Säuglingen. Was bislang nicht bekannt war: Abu Walaa hat auch selbst für den IS gekämpft. Zwischen dem 4. August und dem 25. September 2015 war er im Irak. Auf seinem Handy wurden Fotos gefunden, die ihn in martialischer Pose mit Ge­wehr zeigen, dazu eine vollverschleierte Frau mit Ma­schinenpistole. Auch sein Sohn ist zu sehen: Er trägt Kleidung mit IS-Symbolen.

Am 8

Am 8. November 2016 posteten seine Getreuen die Nachricht von seiner Festnahme und der Vorführung beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe.

Quelle: Facebook

Todesdrohungen gegen Teilnehmer

IS-Rückkehrer Abu Walaa kam – unbehelligt von Verfassungsschutz und Polizei – im Herbst 2015 nach Hildesheim zurück und machte weiter wie bisher: So gab er fleißig Islam-Seminare in der Terror-Moschee. An Weihnachten 2015 nahm auch der Tunesier Anis Amri daran teil, der fast genau ein Jahr später den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin verübte. Der Workshop fand unter strengen Sicherheitsanweisungen von Abu Walaa statt. Und unter absoluter Abschottung von der Außenwelt: Der Hassprediger gab die Anweisung, die Fenster geschlossen zu halten sowie weder Tonaufzeichnungen noch Bilder oder Videos zu machen. Wer es doch tue, dem würde er „die Knochen brechen“, drohte der 32-Jährige. Er rief die Teilnehmer außerdem dazu auf, potenzielle Spitzel zu melden: Wer mit Polizei und Verfassungsschutz zusammenarbeite, würde die Moschee nicht lebend verlassen. Amri war noch ein zweites Mal bei Abu Walaa in Hildesheim – im Februar 2016 und damit zehn Monate vor seinem Massaker auf dem Breitscheidplatz mit zwölf Toten.

Bei einem weiteren Islam-Seminar in Kassel im Mai 2016 erklärte Abu Walaa, wie mit einem Abtrünnigen in den eigenen Reihen umzugehen ist: „Schnappt ihn euch und tötet ihn, auch wenn ihr dann ins Gefängnis gehen müsst. Das ist unsere Pflicht.“ Dabei setzte er auf Abschreckung nach IS-Manier: „Schlachtet seinen Kopf, damit die anderen es sehen und das nicht nachmachen.“

Suche nach IS-Hinrichtungsvideos

Nachdem Verräter in den eigenen Reihen unschädlich gemacht sind, folge laut Abu Walaa der nächste Schritt: „Danach kämpfen wir gegen die Polizei und die Kuffar in Deutschland, die unsere Brüder und Schwestern töten.“ Über barbarische IS-Praktiken hatte sich der „Scheich“ immer auf dem Laufenden gehalten: Regelmäßig rief er Seiten der Terrormiliz im Internet mit Hinrichtungsfotos und -videos auf.

Seine Getreuen und Abu Walaa schmiedeten in der Moschee in der Hildesheimer Nordstadt auch Pläne für Anschläge in der Bundesrepublik. Mahmoud O. (27), der zusammen mit A. auf der Anklagebank in Celle sitzen könnte, hatte zunächst überlegt, deutsche Polizisten mit Gewehren zu töten. Dieses Vorgehen bezeichnete O. selbst als „kleinen Bums“. Ein weiterer Plan sah Anschläge wie in Paris 2015 vor, wo mit Maschinenpistolen viele Menschen getötet wurden und sich Attentäter in die Luft sprengten – laut O. der „große Bums“. Abu Walaa soll seine Zustimmung für den „großen Bums“ gegeben haben ...

Von Britta Mahrholz

Hildesheim Martin-Luther-Straße 41a

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