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Niedersachsen Christian Pfeiffer: „Macho-Reaktionen in fremder Welt“
Nachrichten Niedersachsen Christian Pfeiffer: „Macho-Reaktionen in fremder Welt“
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00:17 06.01.2018
EXPERTE: Der Kriminologe Christian Pfeiffer fordert neue Ansätze in der Flüchtlingspolitik. Quelle: dpa
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Hannover

Der Kriminologe Christian Pfeiffer aus Hannover erklärt die Studie im NP-Interview. Er fordert, Entwicklungshilfe und Flüchtlingspolitik miteinander zu verkoppeln.

Professor Pfeiffer, warum steigen durch mehr junge Männer unter den Flüchtlingen die Straftaten?
Junge Männer sind in jeder Kultur der Welt immer das Gefährlichste eines Volkes, weil sie in der Phase zwischen 14 und 30 Jahren noch auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft sind. Es gibt die Unsicherheiten und Ängste der Pubertät. Und es gibt ein hohes Risikopotenzial, weil sie stärker als Mädchen zu Gewaltproben tendieren und zum gewaltsamen Durchsetzen ihrer Interessen.

Also würden deutsche junge Männer in einer Flüchtlingssituation auch so reagieren?
Natürlich. Allerdings verstärkt sich der Effekt bei den nordafrikanischen Flüchtlingen durch deren Macho-Kulturen. Die Flüchtlinge kommen ja aus Kulturen, in denen männliche Dominanz vorherrscht. Das bewirkt aber nicht der Islam, denn wir haben auch sehr angepasste, friedfertige Kriegsflüchtlinge in der gleichen Altersstruktur. Um die Macho-Kultur zu befrieden, muss man den Leuten also Chancen und Perspektiven bieten. Noch ein wichtiger Unterschied: Der Anteil der Frauen ist bei den Kriegsflüchtlingen deutlich höher als bei  denen aus Nordafrika. Pauschal können wir sagen, je höher der Anteil von Schwestern und Müttern ist, umso niedriger ist die Gewaltrate  der Männer, weil Frauen eine zivilisierende Wirkung auf Männer haben.

Spricht das für den Familienzuzug?
Eigentlich ja. Das kostet mehr Geld, aber eine Befriedung der Männer wäre eine Perspektive, die damit verknüpft wäre.

Haben Sie keine Angst, dass junge Männer aus nordafrikanischen Staaten durch Ihre Studie einen noch schwereren Stand bei uns haben?
Die hatten von Anfang an einen schwereren Stand. Denken Sie an Köln vor zwei Jahren – das waren Männer aus Nordafrika, die sich wild aufgeführt und ihre Asylzettel vor lauter Enttäuschung zerrissen haben. Die hatten ihr Leben riskiert, viel Geld in die Schlepper in­vestiert, große Strapazen auf sich genommen, und hier erfuhren sie als Erstes, dass sie wieder zurück müssen. Das waren dann Macho-Reaktionen in einer fremden Welt, die wa­ren von Anfang an auf der Verliererstraße. Unsere Erkenntnisse ändern nichts daran. Wir sagen sogar, auch für die Nordafrikaner sollten wir Geld investieren. Damit sie den Mut be­kommen, auch in ihrer Heimat die Kurve zu kriegen, dort einen Arbeitsplatz zu finden. Das wird aber nur gelingen, wenn sich die neue Bundesregierung zu einem großen Schritt entscheiden wird.

Welcher wäre das?
Von einem 35-Milliarden-Euro-Überschuss wenigstens eine Milliarde dafür nehmen, dass wir über die Entwicklungshilfe in diesen Ländern Perspektiven für die Rückkehrer eröffnen.

Was meinen Sie?
Wir können deutsche Firmen über Entwicklungshilfe motivieren, zum Beispiel Filialen in Rabat zu eröffnen. Und dort Arbeitsplätze aufzubauen und anzubieten. Das wäre gleichzeitig ein Signal für die jungen Leute, dort zu bleiben. Über die Entwicklungshilfe könnten wir also auch Fluchtursachen be­kämpfen. Die Heimatländer wären dann außerdem eher motiviert, ihre jungen Männer zurückzunehmen. Bisher weigern die sich überwiegend. Das Abschieben funktioniert so ja nicht. Wir konnten nur einen Bruchteil derer abschieben, die von uns die rote Karte bekommen haben.  

Sollte es dennoch Ausnahmen etwa für Männer geben, die zum Beispiel homosexuell sind?
Natürlich, das ist ja ein Asylgrund. Die werden auch Asyl bekommen. Wenn sie belegen können, dass das stimmt, ha­ben sie auch gute Chancen. Das ist aber nur ein kleiner Teil. In jedem Fall sollten wir in die Menschen investieren, die hier sind, weil wir sie damit von Straftaten abhalten. Sonst hängen Männergruppen untereinander herum, es gibt eine negative Dynamik unter Ma­cho-Gruppen. Wer in Praktika oder Sprachkursen ist und das ernst nimmt, erarbeitet sich Chancen, zu Hause einen Ar­beitsplatz zum Beispiel als Kellner im Hotel zu bekommen, weil er Deutsch spricht.

Die Anzeigebereitschaft gegen Migranten ist höher, sagt Ihre Studie aus. Woran liegt das?
Das ist weltweit so. Wenn zwei Bayern sich streiten und die Maßseidel fliegen, dann zeigt man sich nicht gegenseitig an. Es geht gegen die Männerehre, dass man die Polizei holt. Wenn sich aber ein Migrant erdreistet, das Gleiche zu tun, dann holt man schon die Polizei. Das ist überall so. Die Fremden haben immer ein höheres Risiko, weil man sich von ihnen bedroht fühlt, weil man mit ihnen nicht über Schadensbegleichung usw. reden kann. Seitdem wir Opferuntersuchungen machen, bekommen wir immer diese Ergebnisse. Die Anzeigebereitschaft bei fremden Tätern ist immer ungefähr doppelt so hoch.

Aber umgekehrt zeigen Flüchtlinge Deutsche weniger an, die sie überfallen ...
Das liegt an einem – nicht begründeten Misstrauen – der Polizei gegenüber. Man glaubt, der deutsche Polizist hält zum Deutschen.

Die Polizei zeigt nach Köln eine hohe Präsenz bei Festen wie Silvester. Sehen Sie eine Trendwende bei den Gewalttaten?
Wir hoffen auf eine Verbesserung der Wohnverhältnisse für Flüchtlinge und darauf, dass sich die Integrationsbemühungen gerade der Ehrenamtlichen positiv auswirken. Weil die Rahmenbedingungen besser werden, erwarten wir, dass die Gewaltkriminalität der Flüchtlinge rückläufig ist. Und es kommen weniger neue Flüchtlinge. Es würde mich sehr überraschen, wenn 2017 die Zahlen nach oben gegangen wären.

Brauchen wir abseits von dem Asylrecht ein richtiges Einwanderungsgesetz, da wir ja auch Fachkräfte benötigen?
Auf jeden Fall. Wir sollten uns an Kanada orientieren. Die ha­ben das großartig gemacht. Das ist ja schon immer ein Einwanderungsland. Normalerweise stellt man sich in die Schlange vor den Botschaften Kanadas und füllt Fragebögen aus und kommt über die Hürden – oder nicht. Die Kanadier haben jetzt vielen Flüchtlingen, die sie mit dem Flugzeug geholt haben, Bedingungen gestellt. Wenn sie einen Beruf haben, wenn sie die Sprache lernen, wenn sie sich sozial verankert haben, können sie innerhalb weniger Jahre Kanadier werden. Das schafft einen Anreiz für Flüchtlinge, sich richtig anzustrengen. Das sollten wir nachmachen, wenn im Zuge der neuen großen Koalition ein Einwanderungsgesetz verabschiedet wird. Man sollte einen Anreiz schaffen, dass man Deutscher werden kann, gleichzeitig müssen wir in Entwicklungshilfe investieren. Da gebe ich der CSU recht, die sagt, man müsse Entwicklungshilfe und Flüchtlingspolitik miteinander verkoppeln.

Von Petra Rückerl

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