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Niedersachsen Atom-Protest mit Mundschutz und Geigerzählern
Nachrichten Niedersachsen Atom-Protest mit Mundschutz und Geigerzählern
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19:32 10.03.2013
Auch in Hannover protestieren Aktivisten am Sonnabend gegen die Atomkraft. Quelle: Christian Behrens / NP
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Allein 20 000 Menschen demonstrierten an 200 Standorten bei einer Katastrophen-Simulation rund um das Atomkraftwerk Grohnde im Landkreis Hameln-Pyrmont. Mit "Flüchtlingstrecks" und "Dekontaminations-Stationen" wollten die Veranstalter am Sonnabend veranschaulichen, wie eine Reaktorkatastrophe direkt vor unserer Haustür aussehen könnte. Mitorganisator Peter Dickel sagte: "Wir wissen, große Katastrophen sind möglich, der Schutz davor nicht." Es sei Aufgabe der verantwortlichen Politiker, solche Schutzübungen im Umkreis von bis zu 170 Kilometer um ein AKW zu organisieren.

Ein GAU nimmt keine Rücksicht auf das Wetter. Bei Nieselregen und Temperaturen knapp über null Grad wird am Sonnabendmittag auf dem Göttinger Wochenmarkt Strahlenalarm ausgelöst. Menschen in weißen Schutzanzügen sperren einen Teil des Platzes mit gelb-rotem Flatterband ab und spannen Regenschirme auf - "Schutzschirme gegen Radioaktivität" steht auf Schildern, die an den Schirmdächern befestigt sind.

"Im AKW Grohnde hat sich ein schwerer Unfall ereignet", erklärt Peter Kasten den umstehenden Passanten. "Die radioaktive Wolke ist auf dem Weg hierher". Der Lehrer und Attac-Aktivist hat einen kleinen Geigerzähler mitgebracht. An den umliegenden Obst- und Gemüseständen misst er, ob die Waren womöglich schon verstrahlt sind.

Die GAU-Simulation ist eine von rund 200 Aktionen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, mit denen Umweltschützer kurz vor dem Jahrestag des Atomunfalls in Fukushima auf die Auswirkungen einer tatsächlichen Katastrophe in Grohnde aufmerksam machen wollen. Der durchschnittliche Abstand zwischen den Aktionsorten und dem Atomkraftwerk von 40 bis 60 Kilometern markiert dabei in etwa die Grenze um das Gebiet, das nach Ansicht von Strahlenschutzexperten bei einem größten anzunehmenden Unfall sehr stark kontaminiert und für Jahrzehnte unbewohnbar werden könnte. Aber auch noch in 170 Kilometern Entfernung kann eine solche Katastrophe dramatische Eingriffe bis hin zu Umsiedlungen nötig machen", sagt Peter Dickel, einer der Organisatoren der Proteste.

Vor dem Göttinger Polizeipräsidium haben die Leute von der örtlichen Anti-Atom-Initiative einen "Dekontaminationsstand" und eine Kaffeetafel für diejenigen Strahlenflüchtlinge aufgebaut, die es aus der Gefahrenzone geschafft haben. Nördlich der Universitätsstadt, in Nörten-Hardenberg, trifft am Mittag ein kleiner Flüchtlingstreck mit Pferden ein. In den Nachbarorten läuten die Kirchenglocken. Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW hat in Bad Salzuflen, Hannover und Hildesheim "Dekontaminationszelte" errichtet. In Schutzanzügen mit Mundschutz und Handschuhen verteilen die Mediziner symbolisch Jodtabletten und klären Passanten über die Folgen einer Atomkatastrophe auf.

Ebenfalls in Hildesheim trommelt eine Sambagruppe "Evakuierte" zusammen. Die Initiative "Kanaldörfer gegen Schacht Konrad" und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland haben in Lamspringe eine weitere Sammelstelle eingerichtet. "Kontaminierte" werden mit Treckern und Anhängern abgeholt und zur Auffangstation gebracht. Auch in Detmold sind Menschen mit Mundschutz und Koffern auf der Flucht. In Lemgo informieren Strahlenschützer per Lautsprecherwagen und von einer Bühne über die Ausbreitung der radioaktiven Wolke. Und an der Weserbrücke in Bad Karlshafen macht das Anti-Atom-Plenum Kassel Messungen, kontrolliert "Flüchtende" beim Übertreten der Landesgrenze und stellt ihnen Verpflegung zur Verfügung.

In vielen Städten wollen die Aktivisten Menschenketten bilden und so zusätzlich für Aufmerksamkeit sorgen. Doch meist bleibt es bei dem Versuch, fast überall haben die Ketten große Löcher. Die Veranstalter sprechen von insgesamt 20.000 Teilnehmern an den Protesten rund um Grohnde, die Polizei hat in Niedersachsen 2.500 Demonstranten gezählt. "Natürlich lassen unsere Flüchtlingstrecks, Dekontaminationsstationen und anderen Aktionen nur erahnen, wie es wäre, wenn die Katastrophe wirklich eintritt", bilanziert Peter Dickel. "Es wäre eigentlich Aufgabe der Politiker, die den Betrieb der Atomkraftwerke verantworten, solche Katastrophenschutzübungen unter Einbeziehung der Bevölkerung zu organisieren." (dpa/dapd)

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