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Niedersachsen Der deutsche Alltagsrassismus
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19:24 31.07.2018
Twitter-Debatte schafft es in die Gesellschaft: Menschen in Deutschland diskutierten über Vorurteile und Ressentiments. Quelle: imago
Hannover

Düzen Tekkal kann sich noch genau an diesen einen Moment vor rund 30 Jahren erinnern. „Als ich nach der Schule mit zu meiner Freundin ging, war ihr Vater ganz verwundert, dass ich einen Schulranzen trug“, sagt Tekkal und fügt hinzu: „In seiner Vorstellung, waren türkische Kinder sonst nur mit Aldi-Tüten unterwegs.“ Ein prägendes Erlebnis für die Journalistin. „Danach wollte ich jahrelang nicht bei Aldi einkaufen gehen. Ich habe mich geschämt.“

Lebt ihren „German Dream“: Düzen Tekkal will neben Alltagsrassismus auch auf die Erfolgsgeschichten junger Menschen mit Migrationshintergrund eingehen. Quelle: Privat

Es sind Erfahrungen wie diese, die seit Tagen im Internet veröffentlich werden. Unter dem Hastag #MeTwo melden sich Menschen mit Migrationshintergrund zu Wort und erzählen ihre ganz persönlichen Erfahrungen im Umgang mit Alltagsrassismus. Frauen berichten davon, verurteilt zu werden, weil sie zu kurze Röcke und eben kein Kopftuch tragen. Akademiker schreiben von Lehrern, die sie lieber auf die Haupt- oder gar auf die Förderschule stecken wollten – und das nur wegen ihrer Herkunft. Es ist eine Debatte entfacht, über ein Thema das in der Mitte der deutschen Gesellschaft existiert.

Uni veröffentlich Untersuchung zur Benachteiligung von Schülern

Eine Debatte, die nicht kleinzureden ist: Erst in der vergangenen Woche veröffentlichte die Uni Mannheim eine Untersuchung, die besagt, dass Lehramtsstudenten Grundschulkinder mit türkischem Vornamen schlechter benoteten. Und das, obwohl sie im Diktat die gleiche Fehleranzahl hatten wie deutsche Kinder. Es ist ein Thema das Deutschland bewegt. Auch Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) weiß: „Es ist in Deutschland noch immer einfacher einen Job zu finden, wenn man einen deutschen Nachnamen trägt statt eines türkischen.“ Das gelte es zu überwinden, die Twitter-Debatte könne dabei helfen.

Bildungssystem steht in der Kritik

Für Tekkal, deren Eltern kurdische Jesiden sind, muss sich vor allem etwas am Bildungssystem verändern. „Diese Debatte bestätigt nur das, was wir schon lange wissen: Wir brauchen Lehrer mit interkultureller Kompetenz.“ Es dürfe nicht sein, dass Pädagogen Schüler aufgrund ihres Migrationshintergrundes benachteiligen. Auch GEW-Vorsitzende Laura Pooth ist überzeugt: „Es ist für Lehrer immer leichter abzuschulen, statt den Schülern die Möglichkeit zu geben, auf eine höhere Schulform zu wechseln.“ Gerade in Zeiten, in denen es viele Geflüchtete zu integrieren gilt, sollte den Lehrern mehr Zeit zur Verfügung gestellt werden, um solche Fehler vermeiden zu können.

Vorurteile, um komplexe Welt zu vereinfachen

Doch woher rührt der Alltagsrassismus? Wieso bedienen sich einige Deutsche Ressentiments und legen damit jungen Menschen Steine in den Weg? Jochen Oltmer, Migrationsforscher an der Universität Osnabrück, weiß: „Menschen versuchen komplexe Zusammenhänge auf einfache Muster zu reduzieren.“ Das biete ihnen die Möglichkeit, mit der komplexen Welt klar zu kommen. Dieses Verhalten sei vor allem deswegen problematisch, weil jeder Mensch als einzigartig gelten will, „dennoch neigen wir dazu, Eigenschaften einer Person auf eine ganze Gruppe zu beziehen.“ So gelte seit dem 11. September 2001 fälschlicherweise jeder Muslim als potenziell gefährlich. Und weil in Deutschland die meisten Muslime Türken seien, würden die Deutsch-Türken zum Sündenbock einer Gesellschaft gemacht. Auch Forscher Oltmer sieht Handlungsbedarf in der Politik: „Es ist wichtig, dass auf die Wortwahl geachtet wird, dass man eben keine stigmatisierten Bilder verwendet, die anschließend in der Gesellschaft benutzt werden.“

Debatte entfacht: Tausende Menschen mit Migrationshintergrund twittern über Alltagsrassismus. Quelle: Twitter

Denn sonst passiere genau das, was sich in der jüngsten Türkei-Wahl abzeichnete: Deutsch-Türken wählten Erdogan, weil er in ihnen ein Heimatgefühl weckte. Dass junge AfD-Politiker das Deutschsein nicht mehr anhand der Staatsangehörigkeit festmachen wollen, sondern an der ethnischen Abstammung, erschwert das Problem.

Erfolgsgeschichten müssen auch im Fokus stehen

Hülya Häseler, Vorsitzende des Deutsch-Türkischen Netzwerkes Hannover kritisiert, dass Menschen mit Migrationshintergrund zu Deutschen zweiter Klasse gemacht werden. Düzen Tekkal warnt allerdings davor, eine Opferrolle einzunehmen. Viel wichtiger sei es, gemeinsam den „German Dream“ zu leben. Die Erfolgsgeschichten von Menschen mit Migrationshintergrund. Denn die seien genauso Teil von Deutschland.

Von Mandy Sarti

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