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16:35 11.10.2018
Technik, die zu mir passt. Und nicht solche, die für jemanden entwickelt wurde, der ich gar nicht bin. Quelle: Getty Images/iStockphoto
San Francisco

Tech-Unternehmen haben das Gefühl für sich entdeckt und wittern darin den Markt der Zukunft. Umso eifriger investieren sie in die Entschlüsselung der Gefühle. Die Neurowissenschaftlerin Poppy Crum arbeitet daran im Auftrag von Dolby. Nur wenige Unternehmen wissen so viel über das Zusammenspiel von Gefühl und Technik wie der amerikanische Audiogigant, der den Surround Sound ebenso wie hochauflösende Filmformate entwickelt hat. Crum verantwortet bei Dolby die Integration von Neurowissenschaft und Sensorentechnik in zukünftige Technologien. Durch ihre Arbeit sollen Medien entstehen, die alle Sinne gleichsam adressieren.

Frau Crum, Sie beschäftigen sich mit der Messung von Emotionen. Das klingt ein wenig abstrakt. Wie kann ich mir das vorstellen?

Da gibt es verschiedene Methoden. Die Analyse des Gesichts beispielsweise kann Aufschluss darüber geben, ob ein Lächeln ernst gemeint ist oder aufgesetzt. Die Weitung der Pupillen hingegen zeigt, ob und wie stark das Gehirn gerade arbeitet, während Wärmemessungen der Haut Schlüsse auf Stress und das Engagement in Gesprächen zulassen. Anhand von Sprachanalysen wiederum kann künstliche Intelligenz Anzeichen für Demenz und Diabetes erkennen. Im Fall von Alzheimer-Erkrankungen zeichnen sich in einigen Fällen sprachliche Symptome bereits zehn Jahre vor der klinischen Diagnose ab.

Was Gesundheit angeht, erschließt sich der Nutzen dieser Analysen sofort. Aber wozu braucht es das Ganze im Alltag?

In dem Bereich, in dem ich forsche, geht es vor allem um die Vermittlung von Medieninhalten. Angenommen, Sie schauen einen Film im Kino, der für das Kino produziert wurde – der könnte ganz anders auf Sie wirken, wenn Sie ihn außerhalb des Kinos konsumieren. Wie ist es also möglich, dass nichts von seiner Kraft verloren geht? Wie kann er anders und dabei möglichst echt erlebbar gemacht werden?

Im Alltag nun ermöglicht künstliche Intelligenz Verbesserungen ungeahnten Ausmaßes. Geräte in unserer Umgebung – den Räumen, in denen wir uns aufhalten etwa – werden sich schon bald uns anpassen und nicht mehr wir uns ihnen. Wissen sie erst, wie wir uns gerade fühlen, können sie alle Parameter unserer persönlichen Erfahrung anpassen: Etwa die Lautstärke erhöhen, wenn wir in einer lauten Gesprächsumgebung sind, oder Bass und Farben betonen, um uns je nach Kontext tiefer in eine Situation einzubeziehen. Intelligente Wohnungen hingegen können Temperatur und Luftfeuchtigkeit variieren, wenn sich Stress anbahnt. Smartphones können das Umfeld analysieren und entsprechende Angebote bereitstellen. Sie können Rücksicht nehmen im Schlaf und ihr Verhalten anpassen, wenn wir unter Menschen sind. Das würde einen unglaublichen Fortschritt bedeuten. Ich zumindest möchte Technik besitzen, die zu mir passt. Und nicht solche, die für jemanden entwickelt wurde, der ich gar nicht bin.

Violinistin und Neurowissenschaftlerin

Dass Dr. Poppy Crum irgendwann eine der bedeutendsten Emotionsforscherinnen der Welt sein würde, war selbst während ihrer Studienzeit kaum absehbar. Denn die Amerikanerin machte zunächst einen Bachelor im Fach Violine. Nur durch Zufall entdeckte sie dabei die Neurowissenschaften für sich und belegte sie als eines ihrer Wahlfächer. Für die Funktionsweise der Wahrnehmung jedoch interessierte sich Crum schon damals – nämlich seit sie merkte, dass sie manches anders wahrnimmt als andere. Heute zählt Crum zu den Besten ihres Fachs. Ihr Lebenslauf liest sich so lang wie manches Geschenkbuch. Sie forscht an der Stanford University, ist US-Repräsentantin bei der International Telecommunication Union, erhielt zahlreiche Auszeichnungen der Industrie und ist Mitglied in ebenso zahlreichen Forschungs- und Industriegremien.

Einige Menschen kann ich lesen wie ein Buch, aus anderen werde ich beim besten Willen nicht schlau. Geht es künstlicher Intelligenz da ähnlich? Sind einige Menschen schwerer zu lesen als andere?

Genau das ist ja der Vorteil einfühlsamer Technologien. Das Gesicht spiegelt nicht alles, was im Inneren eines Menschen vor sich geht. Und das, was dort geschieht, ist bei jedem verschieden. Jeder hat zu einer Situation eine individuelle Wahrheit und eine individuelle Reaktion. Die ist – je nachdem – technisch messbar, aber eben nicht mit bloßem Auge sichtbar. Wenn das Gehirn stark arbeitet, arbeitet es stark. Diese Messung ist objektiv. Derzeit ist die Klage über das Verlernen des Sozialen laut. Empathische Technologie kann entstandene emotionale Trennungen überbrücken. Im besten Fall können wir mit ihr besser nachvollziehen, wie und was andere fühlen. Wir stehen vor dem Beginn einer empathischen Ära.

Aber was, wenn die Technik eine Emotion meldet, die tatsächlich eine andere ist? Werden Emotionen fehlgedeutet, weil scheinbar objektive Messungen sie belegen und wir uns danach richten, könnte das fatale Folgen haben.

Technische Messungen geben Auskunft über Wahrscheinlichkeiten. Sie können ergänzen, können hilfreich sein, können Entscheidungen vereinfachen, aber sie erlösen uns nicht vom Laster der Interpretation. Eine soziale Situation besteht immer aus Erwartungen, Wahrnehmung, Voreinstellungen und einer Vergangenheit. Sie gilt es zu berücksichtigen. Aber ich denke zum Beispiel an Menschen mit Autismus. Für sie könnte das Wissen um eine Emotion und ihre Folgen enorm hilfreich sein. Generell gilt: Wird eine neue Technologie eingeführt, muss ihr Nutzen die Kosten überwiegen. Allein: Die Kosten richtig einzuschätzen ist schwierig.

Sie spielen auf das Problem der Privatsphäre an?

Ja, da gibt es bei vielen eine reflexhafte Abwehr. Und das nicht ganz zu Unrecht, weil in vielen Bereichen klare Richtlinien noch fehlen. Die Europäische Union hat zuletzt recht erfolgreich versucht, eine deutlich benutzerfreundlichere Gesetzgebung zu schaffen, aber mit einer sich dynamisch entwickelnden Technologie entwickeln sich gleichsam Datenbestände völlig neuen Ausmaßes und von völlig neuer Privatheit. Der Umgang damit ist noch weitestgehend unklar, denn die Gesetze hinken den Entwicklungen hinterher. Zumal sich diese von Land zu Land unterscheiden. Bei einfühlsamer Technik darf es nicht darum gehen, unser Innenleben vollständig offenzulegen, sondern darum, wie konkrete Situationen verbessert werden könnten. Vor uns liegt eine Entwicklung ständiger Wachsamkeit, Kontrolle und Abwägung. Das hinzubekommen ist schwierig. Aber wir müssen es tun. Es ist an uns, diese Entwicklung, die sich nun tut, positiv zu gestalten. Wenn das gelingt, ist das Ergebnis eine Welt, in der wir und unsere Technologien effizienter und einfühlsamer aufeinander achtgeben.

Von welchen Zeiträumen reden wir hier? Wann wird das alles Wirklichkeit werden?

Alles, wovon ich bisher gesprochen habe, ist nichts Neues. Aber erst jetzt gibt es die Kapazitäten und die technischen Möglichkeiten, diese Technologien auch einzusetzen. Was es jetzt braucht, sind Regularien, wie diese Technik so eingesetzt werden kann, dass sie jedem größtmöglichen Nutzen bringt.

Von Julius Heinrichs/RND

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