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Gestatten, Maus!

Gestatten, Maus!

Micky Maus wird 80

Weltkarriere eines Klugscheißers

Vor 80 Jahren erblickte Walt Disneys Micky Maus das Licht der Comicwelt – und wurde zu einer Ikone der US-Popkultur.

Natürlich nervt die Maus gewaltig. Wenn sie wieder Detektiv spielt mit dieser Klugscheißermiene. Wenn sie den armen Goofy alt aussehen lässt. Wenn sie wieder irgendwelchen Kannibalen im Bananenröckchen auf Hula-Bula den westlichen Lebensstil erklärt. Micky Maus ist ein Streber, ein Klassensprechertyp, ein spießiger Musterknabe. Wenn Mickys Dauerrivale Donald Duck der VW Käfer des Disney-Konzerns ist, der von aller Welt geliebte, knuffige Trotzkopf, der es aus Mangel an Wumms die Berge nicht hinaufschafft (Käfer) beziehungsweise die Karriereleiter (Donald) – dann ist Micky Maus der VW Golf: vernünftig bis zur Langeweile, kreuzbrav, funktionell und bieder. Donald lieben die Menschen, Micky mögen sie – höchstens.

Einerseits. Andererseits hat diese Maus eine Weltkarriere hingelegt. Die Silouhette ihres Kopfes, zwei kleine Kreise auf einem größeren, erkennt fast jeder – von Madagaskar bis Fidschi. Etwas muss dran sein an diesem Kerl.

Dass diese beiden Tierchen neben Coca-Cola, Elvis und Marilyn Monroe einmal zu den Ikonen der globalisierten US-Kultur gehören würden, das konnte auch Walter („Walt“) Elias Disney nicht ahnen, Sohn eines irischstämmigen Farmers, aufgewachsen in der Kleinstadt Marceline (deren „Main Street“ er später in Disneyland nachbauen ließ). Manche sagen: Er war ein rechtskonservativer, engstirniger Bauerntrampel aus dem Mittleren Westen mit einer Sehnsucht nach Jugend, der aus dem Traum von der Verlängerung der Kindheit bis zum Tod ein Milliardengeschäft machte. Der Disney-Konzern dagegen verklärt ihn heute lieber marketinggerecht zu „Onkel Walt“, dem genialen Phantasten und Menschenfreund. „Ich bin wie eine kleine Biene“, soll er mal gesagt haben. „Ich fliege durchs Studio und sammle Pollen.“ Süß.

In Wahrheit war er ein gefürchteter Herrscher seines Imperium. „Wenn Walt in der Kantine auftauchte, sprachen plötzlich alle zwei Oktaven höher“, sagt ein Disney-Mitarbeiter. „Die Frauen klangen wie Minnie Maus und die Männer wie Schweinchen Dick.“ Aber immer, wenn Disney das Lied der Vogelfrau aus „Mary Poppins“ hörte, fing er an zu weinen. Später baute er sich eine mannsgroße Eisenbahn in den Garten und inszenierte Unfälle, mit Ölkanne und Lokführermütze. Da war er 60 Jahre alt.

In einer Garage richteten sich Walt, sein Kumpel Ub Iwerks und sein älterer Bruder Roy 1924 ein kleines Studio ein. Sie produzierten Cartoonreihen für örtliche Kinos, zuerst „Alice in Cartoonland“, dann „Oswald, The Lucky Rabbit“. Eine gezeichnete Figur zum Leben zu erwecken, sie zu „animieren“, also wörtlich „mit einer Seele zu versehen“ – um diese Fertigkeit hat Disney einst die Popkultur bereichert. Er selbst freilich war ein Anti intellektueller. „Dieser Film wird Beethoven berühmt machen“, sagte er 1940 ohne Arg über das psychedelisch-bunte Filmexperiment „Fantasia“ mit Micky als Goethe’schem Zauberlehrling.

Die Legende will, dass Disney auf einer Zugfahrt die Idee seines Lebens hatte. Plötzlich habe er sie vor Augen gehabt, „diese neckische, fröhliche Gestalt mit Samthose und Perlaugen“. Einfach zu zeichnen sollte sie sein, mit runden Formen, weil diese leichter zu animieren sind als eckige. „Mortimer Mouse“ sollte sie heißen. Doch seiner Frau Lillian erschien der Name „zu prätentiös“. „Call him Mickey“, soll sie gesagt haben. Das tat er.

Frech und rattenähnlich, fast brutal trat Micky Maus in den ersten Filmen auf. Keine Spur vom süßlich-sentimentalen Kitsch späterer Disney-Märchenfilme. Schon der dritte Mausfilm „Steamboat Willie“, der Dienstag vor 80 Jahren im New Yorker „Colony Theatre“ Weltpremiere feierte, war eine Sensation – der erste Zeichentrick-Tonfilm der Geschichte, mit wildem Soundtrack aus Kuhglocken, Bratpfannen, Kastagnetten und Pauken. Disneys Firma explodierte. Der Humor, den er forderte, war simpel, die Mexikanerhüte riesig, die Tiere großäugig, die Frauen mit Schleifchen verziert. Micky wurde zum Superstar – und mit den Jahren auf Druck tugendsamer Elternverbände immer seriöser und moralischer. Dabei trug Micky, anders als Minnie und Donald, wenigstens eine Hose.

„Es gibt schon genug Hässlichkeit und Zynismus in der Welt“, war Disneys Credo. Micky wende sich „an jenen unsterblichen, kostbaren, alterslosen Teil in uns alltagsgeplagten Menschen, der die Ursache dafür ist, dass wir mit Kinderspielzeug spielen und völlig naiv über alberne Dinge lachen, in der Badewanne singen und träumen. Sie wissen: den Micky in uns.“

Viele entdeckten den Micky in sich: Der englische König Georg V. ging nur ins Kino, wenn ein Micky-Maus-Film lief. Königin Mary verpasste den Fünfuhrtee, weil sie das Ende eines Micky-Films abwarten wollte. Benito Mussolini, Joseph Goebbels und Adolf Hitler liebten Micky gleichermaßen. Nur in Russland fand er keine Gnade. Dort erfand man als Gegenheld ein Stachelschwein namens Yozh mit marxistisch-leninistischer Grundhaltung.

Disney stand schnell sinnbildlich für den amerikanischen Kulturimperialismus. „Die Disney-Maschine untergräbt die zwei kostbarsten Dinge der Kindheit – ihre Geheimnisse und ihre Verschwiegenheit“, schrieb 1968 Richard Schickel. „Und sie zwingt auf diese Weise jedermann die gleichen lebensbestimmenden Träume auf. Unter kapitalistischen Vorzeichen betrachtet ist sie ein wahres Wunderwerk, in kultureller Hinsicht hingegen ein Grauen.“ Ganz ähnlich klang vor wenigen Tagen Scheich Mohammed al-Munadschid, ein saudi-arabischer Prediger: Micky Maus sei „ein Soldat des Satans“.

Es hilft alles nichts. Die Maus hat gewonnen, auch wenn sie heute hoffnungslos altmodisch wirkt. Wenn Micky nach 80 Jahren wilder Ehe mit seiner Minnie jetzt auch endlich mal heiraten würde – Walt Disneys Traum vom Imperium des Glücks hätte sich erfüllt.

 

von Imre Grimm


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