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Nachrichten Medien Warum die „Simpsons“ die Welt regieren sollten
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15:31 12.08.2018
„Halt die Klappe, Gehirn, oder ich piekse dich mit ’nem Q-Tipp!“: Homer und Marge in „Die Simpsons - Der Film“ von 2007. Quelle: dpa
Springfield

Agnostiker glauben nicht an Gott. Sie glauben aber auch nicht nicht an Gott. Sie glauben, dass die Existenz von Gott nicht beweisbar ist. Es könnte ihn geben. Es könnte ihn nicht geben. Alles ist denkbar.

Wahrscheinlich muss man Agnostiker sein, um ein Universum wie das der „Simpsons“ zu erfinden. Alles ist möglich, nichts ist sicher. Ein kleines, gelbes Mädchen wird US-Präsidentin, Pop macht Politik, Politik macht Pop, strenge Christen werden zu Sündern, Sünder werden zu strengen Christen, und in Springfield, dem normalsten Ort der Welt, geschehen die absonderlichsten Dinge.

Matt Groening ist Agnostiker. Er ist jetzt 64 Jahre alt, auf dem Kopf ein wenig zerzaust. Er hätte einer dieser gemütlichen Althippies werden können, die alternative Kulturfestivals organisieren und irgendwann von Bier auf Rotwein umsteigen. Stattdessen hat er die „Simpsons“ erfunden – und damit eines der größten Dauer-Kulturfestivals der Welt. Seinem deutschstämmigen Vater Homer Groening (einem Werbegrafiker und Filmemacher) setzte er mit „Homer Simpson“ ein Denkmal der Liebe, seiner norwegischen Mutter Margaret Groening (einer Lehrerin) mit „Marge Simpson“ ebenso. „Dabei sind Norwegen und Deutschland eigentlich die humorlosesten Länder der Welt.“ Nun ja.

„Ein Simpsons-Film ist genug“? Nichts da!

Diese Marge. Die heimliche Heldin. Man könnte ja meinen, Marjorie „Marge“ Simpson, geb. Bouvier, wohnhaft in 742 Evergreen Terrace in Springfield, hätte mit ihren 34 Jahren das Ärgste hinter sich: Sie war spielsüchtig. Sie hat als Polizistin ihren eigenen Ehemann verhaftet. Sie hat BHs verbrannt, sich in Ringo Starr verknallt und auch schon mal vor Homers Kumpels gestrippt, als sie damals statt der Fettabsaugung versehentlich zwei XXL-Brustimplantate bekam. Marge ist die Queen Mum all jener Mädchen, die viel cooler sind als ihr Ruf – von wegen nur Apfelkuchen und Kirchenkreis.

Doch all das genügte ihr nicht: Vor ein paar Jahren räkelte sie sich in blau-gelber Pracht auch noch auf dem Cover des US-„Playboys“. Nackt, wie Matt Groening sie schuf. Armer Bart: Man kann sich vorstellen, wie der fiese Nelson unter der Schulbank im „Playboy“ blättert und ihn dann anhähmt: „Haa-haa!“

Marges Wort hat Wert im „Simpsons“-Universum. „Ein Simpsons-Film ist genug“, hat sie mal gesagt, als Lisa in einer jüngeren Episode eine Doku über ihre Familie dreht und nach einer Fortsetzung fragt. Da zerstoben die Hoffnungen der Fangemeinde, dass es nach „Die Simpsons – Der Film“ von 2007 noch ein weiteres Kinoabenteuer der Gelblinge geben könnte.

Vieles in Springfield gilt für die Ewigkeit – aber eben nicht alles: Elf Jahre nach dem ersten Simpsons-Kinofilm soll das Team nun tatsächlich an einem zweiten arbeiten.

530 Millionen Dollar an den Kinokassen eingespielt

Laut „Wall Street Journal“ sind die Pläne weit fortgeschritten. Auch die anstehende Übernahme des „Simpsons“-Mutterhauses Fox durch Disney im Jahr 2019 bringe das Projekt nicht in Gefahr. Das war ja immer der größte „Simpsons“-Witz überhaupt, dass sie bei Fox laufen, ausgerechnet bei Fox, Rupert Murdochs giftig-galligem, rechtskonservativem US-Network, das sich durch eine nahezu einhundertprozentige Unfähigkeit zur Selbstironie auszeichnet. Erfolg macht unangreifbar. Die ultimative Unterwerfungsgeste des Medienzaren Murdoch vor den gelben Anarchisten kam dann, als er zum Super Bowl als Cartoon-Gast auftrat: „Ich bin Rupert Murdoch, Tyrann und Milliardär.“ Das schaffen nur die „Simpsons“. Denn sie haben gute Argumente: Mehrere Milliarden Dollar hat die Springfield-Connection im Laufe der Jahre in die Fox-Kasse gespült.

Das war die große Sorge der Fangemeinde, als vor elf Jahren „Die Simpsons – Der Film“ in die Kinos kam, geschrieben von elf Autoren der Serie. Wir das ein öder 90-Minuten-Aufguss? Einfach eine XXL-Episode. Nichts davon. Der erste „Simpsons“-Film war ein doppelt frittierter, zuckerglasierter, quietschbunter Donut von einem Film: wunderbarer Blödsinn. „Warum sollen wir für etwas bezahlen, was wir seit 20 Jahren umsonst im Fernsehen bekommen“, poltert Homer gleich zu Beginn - und der Film gab in den folgenden 87 Minuten die Antwort: Weil es einfach Spaß macht, diesem treudoofen, donutliebenden, biertrinkenden, notorisch überforderten Dösbaddel Homer bei der Rettung der Welt zuzusehen. Weltweit hat der Film rund 530 Millionen Dollar eingespielt.

Die Rückkehr von „Spider Pig“?

Wir erinnern uns: Homer Simpson hat sich mit einem seelenverwandten Schweinchen („Spider Pig“) angefreundet und versenkt ein Fass voll Gülle im Lake Springfield, was eine Umweltkatastrophe auslöst. Hals über Kopf fliehen die Simpsons vor ihren wütenden Nachbarn nach Alaska, wo die Kneipe nicht „Moe’s“, sondern „Eski-Moe’s“ heißt. US-Präsident Arnold Schwarzenegger (“I was elected to lead, not to read“) lässt Springfield mittels einer gigantischen Glasglocke von der Außenwelt abschotten - intelligente Lösungen á la US-Regierung.

Lisa verknallt sich Hals über Kopf in einen irischstämmigen Umweltaktivisten, Springfield versinkt im Chaos, an der Kirche steht geschrieben: „Thou shalt turn of thy cell phone“, Green Day und Tom Hanks treten in Gastrollen auf, und in einer zauberhaft-süßlichen Disney-Parodie entkleiden ein paar zarte Rehlein Homer und Gattin Marge bei einem trauten Stelldichein in einer Blockhütte. In den USA ist der Film erst ab 13 Jahren freigegeben, weil für einen winzigen Moment Barts Schniedelwutz bei einer rasanten Skateboardfahrt durch Springfield zu sehen ist.

Bei der Produktion der „Simpsons“-Serie findet nur einer von 100 Gags Verwendung, im Fall des ersten Kinofilms sollen für jede Pointe 999 andere rausgefallen sein. PR-Getöse oder die Wahrheit? Geschenkt. Das Werk ist perfekt ausbalanciert, mal mit extrem hoher Gagdichte, mal mit melancholischen Zwischentönen zum Luftholen – etwa, wenn sich Bart aus Enttäuschung über seinen eigenen Dumpfbeutel von Vater dem nervigen Christenmenschen, Ned Flanders, in die Arme wirft.

Der Wahnsinn hat die Wirklichkeit eingeholt

Wie die Geschichte weitergeht? Unklar. Auch die „Simpsons“ leiden – wie alle Satiriker – darunter, dass der Wahnsinn die Wirklichkeit eingeholt hat. Im Jahr 2000 tauchte in der Folge „Barts Blick in die Zukunft“ Donald Trump noch als Quatschpräsident auf – inzwischen sitzt er im Weißen Haus. „Being right sucks“ („Recht gehabt zu haben ist Mist“) schrieb Bart in der Folge nach der US-Wahl im Vorspann an die Schultafel. Jede Absurdität scheint inzwischen real. Und der Planet hat sich weitergedreht. Als die „Simpsons“ auftauchten, war Bill Cosby noch Amerikas größter Fernsehstar, geachtet und geliebt. Im #MeToo-Zeitalter würde sich Marge kaum im „Playboy“ räkeln.

Doch noch immer gelingt es dem „Simpsons“-Team, Funken aus dem Springfield-Universum zu schlagen. Natürlich – es wird enger zwischen „South Park“, „Family Guy“ und „American Dad“. Und sicher war Homer früher mehr Dad mit Herz und weniger egoistischer Depp. Aber noch immer ist die Show in ihren besten Momenten eine glänzende Abrechnung mit den Idealen des „American Way of Life“. Amerika im Zerrspiegel: korrupte Politiker, scheinheilige Prediger, doppelbödige Moral, marode Schulen, der Vater ein phlegmatischer TV-Junkie, der Sohn ein Satansbraten, der Supermarktbetreiber ein illegaler Einwanderer, der Arbeitgeber ein neoliberaler Sadist. Es sind die Frauen, die den Laden zusammenhalten: Ex-Hippie Marge und die politisch engagierte Lisa – aber sie stehen am Rand. „Nehmt nicht mich!“, ruft Homer, als Aliens ihn entführen wollen. „Ich habe Frau und Kinder! Nehmt die!“

Das Universum der „Simpsons“

Die „Simpsons“ sind die am besten funktionierende dysfunktionale Familie der Welt. Sie fluchen, sie lästern, sie sind biestig, faul, rebellisch und egoistisch – und damit viel näher an der menschlichen Wahrheit als die süßen, grimmschen Zuckerprinzessinnen und tanzenden Zwerge aus dem Disney-Kosmos.

„Simpsons“-Erfinder Matt Groening war ein arbeitsloser Comiczeichner und Gelegenheitschauffeur, als er Mitte der Achtzigerjahre den Auftrag bekam, einen Pausenfüller für die damals erfolgreiche „Tracey Ullman Show“ zu entwickeln. 1977 war der Freizeit-Rock-’n’-Roller Groening, geboren an der Westküste der USA in Portland (Oregon), nach Los Angeles gezogen und machte dort aus seinem Leben als Popschreiberling einen Hasencomic namens „Life in Hell“, der in der Westküsten-Undergroundkultur geradezu religiös verehrt wurde. Die Legende will, dass Groening nicht auf seine „Life in Hell“-Häschen zurückgriff, sondern innerhalb von 15 Minuten auf dem Studioflur eine nagelneue Cartoonfamilie samt Überbiss und Atomkraftwerk entwarf, die dann am 19. April 1987 Premiere feierte - und zwei Jahre später eine eigene Show bekam.

Seine wackelig gezeichneten, glupschäugigen gelben Helden mit Überbiss und vier Fingern pro Hand (nur Gott hat fünf) hatten bei den Fox-Managern Skepsis augelöst. Doch das Publikum entschied anders: Aus der Notlösung wurde ein Klassiker.

Die Produktion einer einzigen Episode dauert sechs Monate. Allein die Sprecher verdienen pro Folge jeweils rund 450 000 Euro. In Deutschland hat sich Anke Engelke als neue Stimme von Marge aus dem Schatten der verstorbenen Elisabeth Volkmann gelöst. Christoph Jablonka als Nachfolger des 2015 gestorbenen Homer-Sprechers Norbert Gastell sucht dagegen noch nach dem guten Ton.

Ganz sicher gehört Homer in die Galerie der größten sympathischen Verlierer der Cartoongeschichte – neben Donald Duck, Averell Dalton, Goofy und Charlie Brown. Homers Geheimnis, sagte Groening mal, sei, „dass er sich kopfüber in jeden impulsiven Gedanken stürzt, der ihm kommt“. Darin ähnelt er dem aktuellen US-Präsidenten. Auch der hält sich fern von Klugheit, Maß und Lehrsamkeit, würde dann aber vielleicht doch nicht mit einem glühenden Brennelement in der Hand aus einem Atomkraftwerk wanken. Obwohl: Weiß man’s? Trumps glühende Brennelemente heißen Tweets.

Das ist das kleine Geheimnis, das die gelbe (exakter Farbton: RGB-Wert 255/217/15) Bande zusammenhält: Sie lieben einander, auch wenn George Bush senior 1992 mal sagte, die Amerikaner sollten bitte „weniger sein wie die Simpsons und mehr wie die Waltons“, weil er absolut gar nichts verstanden hatte.

Der Lacher nach dem Rülpser

Sie sind die am längsten laufende Animationsserie der TV-Geschichte – und das berühmteste US-Quintett seit den Jackson Five. Sie sind zugleich Spiegel, Kristallisationspunkt und Motor der westlichen Popkultur. „Die ,Simpsons’ haben die Bibel und Shakespeare als wichtigste Quellen für Sprichwörter und Redewendungen abgelöst“, sagt US-Linguist Mark Liberman. Bart stand auf der „Times“-Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahrhunderts. Die Entschlüsselung des Springfield-Universums ist eine eigene Kulturtechnik (Homer würde sagen: „Halt die Klappe, Gehirn, oder ich pikse dich mit ’nem Q-Tip!“). Ay, caramba!

„Wir geben uns immer wieder eine Wahnsinnsmühe mit den Dialogen und diesen superfeinen Anspielungen auf Filme und Bücher“, hat Groening mal gesagt. „Aber dann kriegt den größten Lacher doch Homer, wenn er nach seinem Bierchen rülpst.“ Darauf ein Duff-Bier.

Von Imre Grimm

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