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Medien „Vergangenheit ist Vergangenheit“
Nachrichten Medien „Vergangenheit ist Vergangenheit“
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20:32 20.01.2010
Sibel Kekilli Quelle: ARD

Frau Kekilli, gleich nach der Auszeichnung des Films „Gegen die Wand“ bei der Berlinale 2004 hat der Boulevard mit großen Schlagzeilen auf Ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin aufmerksam gemacht. Würden Sie mit den Kollegen von der „Bild“-Zeitung heute ein Interview führen?
Ja, denn Vergangenheit ist Vergangenheit. Und ich habe längst wieder mit der „Bild“ gesprochen, in Südafrika und gerade eben, zusammen mit Dieter Wedel. Die machen ihren Job, ich mache meinen, da gibt es keine Vorbehalte. Ich bin natürlich wachsam geworden, habe aber überhaupt keine Berührungsängste mit dem Boulevard.

Die Handlung Ihres neuen Films würde bestens dorthin passen: „Gier“ handelt von Luxus, Glamour, Ausschweifungen, Neid, Selbstsucht – und Ihre Figur, ein Escord-Girl, ist mittendrin, ohne so recht dabei zu sein.
Genau, sie ist zerrissen in dieser Scheinwelt von Luxus und Reichtum. Sie fühlt sich von der Glamourwelt angezogen und abgestoßen zugleich. Alles Dinge, über die ich mir echt keine Gedanken machen muss – das ist so fern von meiner realen Welt.

Die von unverhofftem Reichtum schnell aus den Fugen geraten könnte.
Sicher, aber ich kann mir nicht vorstellen, in dem Fall mein ganzes Umfeld zu ändern oder meinen Lebensstil. Das ist mir ja auch durch den Eintritt in die Filmwelt nicht widerfahren, meine Freunde sind noch dieselben wie zuvor, meine Welt ist eigentlich die gleiche, und ich hoffe mal, dass das in alle Ewigkeit so bleibt. Diese Branche hat mich nicht mehr verändert, als das Leben einen in sechs Jahren verändert. Ich werde bald 30, da bin ich zum Glück nicht mehr dieselbe wie mit 23. Und natürlich nimmt die Filmszene Einfluss auf die Persönlichkeit, aber nicht im Sinne des Abhebens. In der Öffentlichkeit wird man vorsichtiger, man sucht sich seine Freunde genauer aus und versucht, dem Schein um sich herum zu entgehen, besonders beim Drehen, wo man für einige Wochen wie eine Familie lebt. Nach der letzten Klappe muss man also sehr genau in sich reinhören, was davon bleibt und was für den Moment war. Ich kann das ganz gut, denke ich, und halte mich von Partys, Veranstaltungen und all so was fern.

Auch von Rollenfestlegungen?
Ich versuche es. Und mittlerweile werden mir auch fast alle Rollentypen angeboten. Außer Komödien. Das höchste der Gefühle war eine finnisch-deutsche Tragikomödie. Schade, eigentlich, obwohl die unstillbare Lust auf Geld, Anerkennung, Liebe und Luxus in „Gier“ wie im richtigen Leben bisweilen lustige Züge annimmt. Was ich am Anfang natürlich viel auf dem Tisch hatte, waren türkische Rollen, aber auch das hat sich geändert. Heute spiele ich herkunftsloser. In „Gier“ bin ich eine Deutsche.

Umso mehr muss es Sie stören, wenn man Sie als gebürtige Heilbronnerin auf die Herkunft ihrer türkischen Eltern festlegt.
Sicher, wobei es türkischstämmige Schauspieler gibt, die damit weit mehr zu kämpfen haben. Es ist einfach nur schade, dass bei der Besetzung vor allem auf die Namen und die Nationalität geachtet wird und nicht darauf, wie gut die Schauspieler spielen können.

Wird man anders behandelt, wenn man wie Sie keine klassische Schauspielausbildung genossen hat?
Ach, Jürgen Vogel hatte ja auch keine, oder Daniel Brühl und Romy Schneider. Man muss sich vom Druck befreien, sich minderwertig zu fühlen, darf aber umgekehrt auch nicht denken, eine richtige Ausbildung sei unnötig. Das wäre unfair den Ausgebildeten gegenüber – als hätten sie ihre Zeit vergeudet. Das Wichtigste ist Talent, sonst ist das eine wie das andere schwierig. Außerdem Kritikfähigkeit, Offenheit, Praxis, Weiterbildung und ein guter Regisseur.

Und Mut, sich beim Drehen vor anderen so zu offenbaren?
Mutig sind Feuerwehrleute, nicht Schauspieler. Wobei ich wirklich Respekt vorm Mut zur Hässlichkeit habe, den nicht jeder in meinem Beruf so einfach aufbringt. Oder den Mut, wirklich etwas von sich preiszugeben. Mut ist dafür ein zu großer Begriff; man braucht manchmal Überwindung.

Hat es Ihnen geholfen, dass Sie sich vom armen Elternhaus über Gelegenheitsjobs nach oben kämpfen mussten?
Wie gesagt: Vergangenheit ist Vergangenheit. Die will ich nicht für das verantwortlich machen, was aus mir geworden ist. Dass Fatih Akin mich für „Gegen die Wand“ genommen hat, lag sicher daran, dass ich ihn beim Casting unter 350 Mitbewerberinnen überzeugt habe. Da glaube ich mehr an Zufälle, die man kaum beeinflussen kann. Und der gehörte sicher dazu.

Interview: Jan Freitag

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