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Journalisten umringen den Staatsanwalt von Marseille, Brice Robin.© dpa

Germanwings

"Und wie ist die Stimmung?"

Der Germanwings-Absturz ist eine Herausforderung für die Medien. Es sind Tage des Konjunktivs. Nicht berichten ist aber auch keine Option.

Hannover. Und dann kommt sie natürlich doch. Die Frage, die man nicht stellen darf. Nicht an diesem Tag, nicht bei einem solchen Unglück. Gerade haben sie im ARD-„Brennpunkt“ nach Haltern in Nordrhein-Westfalen geschaltet, dort steht Markus Preiß vor dem Joseph-König-Gymnasium. Kerzen. Tränen. Zwei Lehrerinnen und 16 Schüler aus Haltern sind beim Absturz der Germanwings-Maschine 4U9525 ums Leben gekommen. „Markus“, fragt Moderatorin Ellen Ehni im Studio, „du hast sicher etwas mitbekommen von der Stimmung in Haltern?“ Tja – wie ist die Stimmung in Haltern? Die Frage klingt wie bei einem Wahlabend. Wie bei einem Fußballspiel. Wie ist die Stimmung bei der FDP? Wie ist die Stimmung bei den Hertha-Fans? Wie ist die Stimmung in Haltern am See? Wie soll die Stimmung schon sein, wenn 16 Kinder tot sind und zwei Erwachsene.

Wenn Informationen fehlen, schlägt die Stunde von Spekulation und Emotion. Die Medien flüchten in Erregungsroutine. Wir erleben die Eventisierung eines Unglücks. Der Absturz. Ausnahmezustand in den deutschen Medien. Es sind Tage des Konjunktivs. Hätte. Würde. Könnte. Vielleicht. Experten auf allen Kanälen. „Eine Notlandung hat offenbar nicht stattgefunden“, sagt einer bei Markus Lanz im ZDF. Nein, hat sie offenbar nicht. „Leider Gottes standen die Berge im Weg.“ Ja, leider Gottes. „Ausdrücklich gesagt: Das muss in diesem Fall überhaupt nicht so gewesen sein.“ Nein, muss es nicht. Aber warum sprechen wir dann darüber? Es ist ein schmaler Grat zwischen ganz nah dran und nicht ganz dicht.

Während ARD und ZDF die Bilder der Angehörigen am Flughafen pixeln, zoomt N24 tief in die verheulten Gesichter Halterner Schüler. „Brennpunkt“-Moderatorin Ehni fragt kalt nach den „Überresten“ der Passagiere und stellt seltsame Bezüge her zwischen der Größe einer Stadt und der Größe ihrer Trauer. „Morgen ist Niki Lauda bei uns“, sagt Markus Lanz, „möglicherweise mit neuen Erkenntnissen.“ Ja, möglicherweise. oder eben nicht. Die Essenz der stundenlangen Livestrecken ist ein Widerspruch in sich: „Wir wollen ja nicht spekulieren – aber was könnte da wohl passiert sein? Dazu jetzt unser Korrespondent ...“

Liveberichterstattung ist ein hartes Brot. Erst recht ohne Fakten, Bilder, Übersicht. Das gilt für alle Medien. Die Schwierigkeit besteht darin, dass Nichtberichten keine Option ist. Natürlich ist das Bedürfnis groß, etwas zu erfahren. 5,93 Millionen Menschen sahen den „Brennpunkt“. 4,37 Millionen sahen das „ZDF Spezial“ zum Thema. Doch die Livetickerisierung des deutschen Journalismus gerät an ihre Grenzen, wo es bei der simulierten Expertise bleibt, beim schillernden Rahmen für ein Bild, das nichts zeigt. „Es gibt nichts Schlimmeres für die Familienmitglieder als die permanenten Fantasien“, sagt die Psychologin Sybille Jatzko bei „Menschen bei Maischberger“. Was dann folgte: exakt diese Fantasien. Ein Korrespondent fabuliert, dass in den südfranzösischen Bergen Wölfe unterwegs seien, die jetzt Leichenteile fressen könnten.

Die Medienmaschinerie hat eine Tendenz zum Kalten, Technokratischen. Zuschauer, Hörer, Leser spüren das besonders schmerzhaft, wenn es ihr nicht gelingt,an solchenTagen die emotionalen und informationellen Bedürfnisse einer geschockten Öffentlichkeit unter einen Hut zu bringen. Als Gradmesser für die Zulässigkeit einer Spekulation kann ein schmerzhaftes Gedankenspiel dienen: Man stelle sich vor, Vater oder Mutter eines Opfers hören oder sehen zu.

Imre Grimm


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