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Ausweg aus der Depression: Betroffene finden auch online Hilfe.

Ausweg aus der Depression: Betroffene finden auch online Hilfe.
© dpa

Digitaler Gesundheitsbegleiter

So helfen Apps bei Depressionen

Neue Apps und Internetseiten versprechen Hilfe bei Depressionen und persönlichen Krisen. Doch was taugen Initiativen wie die der Robert-Enke-Stiftung – und können Soziale Medien Leben retten?

Hannover. Ein Lämpchen leuchtet auf, das Smartphone vibriert, eine Nachricht ist eingegangen: „Ihre Schrittzahl liegt weit unter Normalniveau, Ihre Stimme klingt leise und monoton – bitte kontaktieren Sie Ihren behandelnden Arzt, wahrscheinlich steht ein depressiver Schub bei Ihnen bevor.“ So ähnlich könnten sich in naher Zukunft technische Geräte bei ihren Besitzern melden.

Das Smartphone als persönlicher Gesundheitsbegleiter? Für Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig, steht die digitale Revolution der Gesundheitsbranche unmittelbar bevor. „Die entsprechenden Daten – wie Infos über das Schlafverhalten, Messung von Schrittzahlen oder Mikrofonaufzeichnung – sind bereits vorhanden. Man muss nur noch lernen, sie auch im Sinne der Patienten zu nutzen.“ Er glaubt, dass Google und Facebook schon bald Programme anbieten werden, die mittels lernender Algorithmen individuelle Datenmuster erstellen können, die Betroffene dann für sich selbst nutzen und gegebenenfalls auch mit ihrem behandelnden Arzt teilen können.

Digitale Hilfe für Depressive

Schon heute gibt es immer mehr digitale Angebote, die speziell für Depressive entwickelt worden sind, darunter Apps und professionell begleitete Selbstmanagement-Programme, die das Verhalten von Betroffenen beeinflussen sollen. Außerdem tauschen sich Betroffene und Angehörige in moderierten Online-Foren aus und engagieren sich öffentlich auf Social-Media-Kanälen.

Engagiert sich für Depressive

Engagiert sich für Depressive: Teresa Enke, die Witwe von Robert Enke.

Doch woran erkennen Betroffene, ob es sich um ein seriöses Angebot handelt? Hegerl rät, sich darüber zu informieren, wer hinter dem jeweiligen Angebot steckt, und zu prüfen, ob psychiatrische Expertise oder ein akademischer Hintergrund vorhanden ist. Zudem sei Vorsicht geboten, sobald es sich um kostenpflichtige Angebote handle.

Große Bandbreite an spezialisierten Gesundheits-Apps

Die Bandbreite der auf psychische Erkrankungen spezialisierten Gesundheits-Apps ist groß. Als eine Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige versteht sich die Anfang Oktober von der Robert-Enke-Stiftung herausgegebene „EnkeApp“. Neben ausführlichen Infomationen, einem einfachen Mood Tracker und einem Selbsttest enthält die App auch ein SOS-Feature, mit dem Betroffene einen Hilfe-Notruf absenden können. Die Ortung funktioniert über die GPS-Funktion des Smartphones.

Die von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe entwickelte „GET.UP“-App wiederum hilft Betroffenen dabei, ihre Schlafzeiten zu kontrollieren und zu regulieren. Die in Kliniken erprobte Methode lindert die Symptome der Depression durch gezielten Schlafentzug. Noch in der Entwicklung befindet sich die „AryaApp“ der selbst unter einer Depression leidenden Unternehmerin Kristina Wilms. Die App ist ein Mood Tracker, der Emotionen und Verhalten abfragt und langfristig sogar dazu in der Lage sein soll, individuelle Aktivitäten zur Verbesserung der Stimmung vorzuschlagen.

Online-Programm überbrückt Wartezeit

Als Ergänzung zu einer ambulanten Behandlung oder zur Überbrückung von Wartezeiten auf einen Therapieplatz können Betroffene seit Oktober das von geschulten Ärzten begleitete Online-Programm „iFight Depression“ nutzen. Das in unterschiedliche Workshops unterteilte Selbstmanagement-Tool basiert auf den Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie und richtet sich an Menschen mit leichten bis mittelgradigen Depressionen.

Generell, sagt Hegerl, dürfe man die Wirkung von digitalen Hilfsangeboten allerdings nicht überschätzen: „Die Hauptgefahr besteht darin, dass die Menschen denken, sie kriegen das alleine in den Griff.“ Derartige Programme seien daher auch kein Ersatz für eine Psychotherapie oder Antidepressiva.

Prof Dr Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie d

Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig.

Darüber hinaus eignen sich digitale Hilfsangebote nicht für alle Betroffenen gleichermaßen. Das gilt auch für Social Media. Als die Journalistin Kati Krause im Oktober 2014 an einer Depression erkrankte, entwickelte sich die Beschäftigung mit den Social-Media-Anwendungen auf ihrem Smartphone für sie zu einem solchen Stressauslöser, dass sie schließlich alle Apps auf ihrem Telefon löschte. Forscher vermuten einen Zusammenhang zwischen dem in der Depression veränderten Hirnstoffwechsel und den auf emotionale Reaktionen programmierten Social-Media-Angeboten.

Betroffene nutzen Hashtag #ausderklapse

Anderen Betroffenen helfen dagegen die Kommunikation und der Austausch auf Social-Media-Plattformen bei der Bewältigung ihrer Depression. Der IT-Experte und Familienvater Uwe Hauck twittert unter dem Hashtag #ausderklapse über seine Erfahrungen in der Psychiatrie. Die Berliner Bloggerin Jana Seelig will mit dem Hashtag #notjustsad über die vielfältigen Erscheinungsformen von Depressionen aufklären. Nora Fieling bloggt sehr persönlich über das Leben mit Depressionen.

Und die ebenfalls selbst betroffene Sabine Lukas hat auf Facebook eine Selbsthilfe-Gruppe für Suizidgefährdete gegründet, in der sich mittlerweile mehr als 2600 Menschen austauschen. Welches digitale Angebot sich tatsächlich eigne, hänge – neben einer persönlichen Affinität – immer auch von der Art und Schwere der Erkrankung ab, betont Hegerl. Er plädiert dafür, bei einem Verdacht auf eine depressive Symptomatik ärztliche Beratung vor Ort in Anspruch zu nehmen.

Von RND/Lisa Stegner


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