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Alles anders in Pjöngjang: Journalismus in Nordkorea muss die Größe des Landes beschwören.

Alles anders in Pjöngjang: Journalismus in Nordkorea muss die Größe des Landes beschwören.
© Karte: NN

Medien

Nordkorea – Der weiße Fleck

Wenn Tante Ri spricht, erzittern die Feinde vor Angst. Pjöngjang, Propaganda und die Prinzipien der freien Presse – wie Westmedien in Nordkorea arbeiten und wie sich das nordkoreanische vom westlichen Journalismusverständnis unterscheidet. Eine Bestandsaufnahme.

Hannover. Niemand singt so hübsch wie Tante Ri. Da sitzt sie in ihrer rosafarbenen Tracht vor wechselnden Bergpanoramen, hebt erst die Ellbogen und dann die Stimme und setzt an zu einem pathetischen Sprechgesang über die Großartigkeit von Kim Jong Un und die Erfolge der nordkoreanischen Waffentechnik – und wirkt dabei, als würde sie vor Begeisterung in Kürze abheben. Mehr als 30 Jahre lang war Ri Chun Hee Chefansagerin im Staatsfernsehen, seit 2012 ist sie im Ruhestand. Anlässlich großer Erfolge aber, wenn das Land etwa eine Mittelstreckenrakete über Japan hinwegschießt oder eine Wasserstoffbombe zündet, geht sie noch einmal auf Sendung und startet ihr akustisch-theatralisches Ganzkörper-Erdbeben. Oder wie es in der Staatszeitung „Chosun“ heißt: „Wenn sie spricht, erzittern die Feinde des Landes vor Angst.“

Tante Ri berkündet staatliche Erfolgsmärchen

Nun ja. Manchmal zittern die Feinde des Landes auch vor Lachen. „Pink Lady“ nennt der feixende Westen Ri Chun Hee. Niemand steht so klar wie sie für die gegensätzlichen Vorstellungen von nordkoreanischem und westlichem „Journalismus“. Staatliche Erfolgsmärchen hier, demokratische Kritik und aufklärerische Wahrheitssuche dort. In der Rangliste der Pressefreiheit der Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) steht Nordkorea auf Platz 180 – als Schlusslicht. „Wer beim Konsum ausländischer Medien erwischt wird, muss mit drakonischen Strafen wie etwa Zwangsarbeit oder sogar der Todesstrafe rechnen“, berichtet ROG. Telefonate mit Ausländern sind verboten. Lediglich hohe Kader haben Zugang zum Internet.

Und umgekehrt? Das Interesse an den Vorgängen in der verschlossenen Volksrepublik ist gewachsen, seit Kim Jong Un und US-Präsident Donald Trump sich gegenseitig mit vollständiger Vernichtung ihrer Länder drohen. Aber welche unabhängigen Quellen gibt es überhaupt in Nordkorea? Nur wenige internationale Medien unterhalten ein Vollzeit-Korrespondentenbüro direkt in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang. Dazu gehören die japanische Agentur Kyodo, ausgewählte russische und chinesische Medien – und die US-Agentur Associated Press (AP) sowie seit 2016 die französischen Kollegen von Agènce France Press (AFP). Beide Agenturen sind Untermieter im Hauptquartier der nordkoreanischen Staatsagentur KCNA. Mit westlichen Maßstäben sei die Arbeit vor Ort nicht zu messen, berichten dort tätige Kollegen – sie erfordert permanent große und kleine Kompromisse.

Nordkoreas Behörden wählen die AFP-Mitarbeiter aus

„Die Informationen, die eine Agentur dort sammeln und verbreiten kann, sind begrenzt und streng kontrolliert“, sagte AFP-Sprecherin Michèle Léridon. „Wir hoffen aber, dass durch unsere Arbeit vor Ort mehr Informationen das Land verlassen können, wenn auch in bescheidenem Maße.“ AFP beschäftigt in Pjöngjang einen Video- und einen Fotojournalisten, beide von AFP ausgebildet – aber zuvor von den nordkoreanischen Behörden ausgewählt. Dass beide dem Staat gegenüber loyal sein dürften, ist mit Sicherheit anzunehmen.

AP schraubte bereits 2012 sein Türschild an eine hölzerne Tür im streng bewachten Agenturgebäude in der Hauptstadt. „Wir waren sehr stolz, die Ersten zu sein“, erinnert sich Jean H. Lee, damals Büroleiterin. Auch für AP arbeiteten zwei Nordkoreaner, ein Redakteur und ein Fotograf, beide in westlichem Journalismus unterrichtet, aber von Gnaden des Regimes. Zwei Musterbürger der Propagandamaschinerie als AP-Mitarbeiter? Das sei – so die US-Agentur – immer noch besser, als gar nicht in Pjöngjang vertreten zu sein.

Werden westliche Medien zu Propagandavollstreckern?

Ist ein westliches Medienbüro in Pjöngjang trotz aller Einschränkungen eine Chance? Oder machen sich AP und AFP zu willigen Vollstreckern der Propaganda? Die Arbeit der Kollegen unterliege denselben Standards wie die aller anderen, hieß es bei AFP. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) aber plant kein Büro in Pjöngjang. „Wir prüfen das von Zeit zu Zeit“, sagte dpa-Chefredakteur Sven Gösmann dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Jedoch ist nach unserer Kenntnis eine unkontrollierte oder auch nur eingeschränkte Recherche in Nordkorea derzeit nicht möglich. Damit könnten wir unsere selbst gesetzten Standards für wahrhaftige, nachprüfbare Berichterstattung nicht einhalten.“ Die dpa berichtet über Nordkorea aus ihrem Büro in Seoul, die Informationen stammen aus regionalen Medien, eigenen und südkoreanischen Quellen. „Dazu kommen durch Reisen durch Nordkorea gewonnene Erfahrungen.“

Die Freie Presse ist ein unverständliches Mirakel

Dass auch AFP inzwischen in Pjöngjang tätig sei, sei nicht unbedingt ein Zeichen für größere Offenheit des Regimes, findet Lee. „Nordkorea demonstriert damit eher seine gewachsene Zuversicht, auch ausländische Journalisten unter Kontrolle halten zu können“, schreibt sie in einem Blogbeitrag. Es sei eine Herkulesaufgabe gewesen, langsam das Vertrauen der Nordkoreaner zu gewinnen, die eine völlig andere Vorstellung der Aufgabe von Journalisten hätten. „Mir ging es um Geschichten zum täglichen Leben – ihnen um Storys, in denen Nordkorea stark, attraktiv und mächtig erscheint.“ Ein dialektisches Dilemma: Für Nordkoreaner ist Journalismus gleichbedeutend mit Propaganda. Alles andere gilt als verdächtig, zerstörerisch und gefährlich und widerspricht der Chuch’e-Ideologie – dem von Kim Il Sung entwickelten Autarkie-Dogma, bei dem die parteiliche Informationspolitik den unangreifbaren Kern der nordkoreanischen Gesellschaft ausmacht, die von Ihren Bürgern nicht konstruktive Kritik, sondern bedingungslose Loyalität erwartet und Korea als Mittelpunkt der Welt ansieht. Eine freie Presse ist in diesem Denksystem nicht nur unerwünscht, sondern ein unverständliches Mirakel.

„Das geschriebene Wort gilt als große Bedrohung“

Seit 2013 erlaubt Pjöngjang Ausländern immerhin die Benutzung von internetfähigen Handys, bis dahin mussten sie versiegelt am Flughafen hinterlegt werden. Das machtvollste Werkzeug der Kontrollbehörden gegenüber westlichen Journalisten ist nicht direkte Zensur, sondern der streng kontrollierte Zugang zu Ansprechpartnern und Orten.

Überhaupt seien die Zensoren bei Fotos und Videos großzügiger als bei Texten. Lee: „Das geschriebene Wort gilt hier als große Bedrohung.“ AP hat nach eigenen Angaben aber niemals Beiträge durch Zensoren „abnehmen“ oder „korrigieren“ lassen müssen, allerdings sind sich die Journalisten - auch auf den organisierten Pressetrips - stets bewusst, dass alles, was sie sagen, schreiben oder tun, beobachtet und aufgezeichnet wird.

2012 habe sie die Eröffnung eines Büros in einem Land, mit dem die USA faktisch noch im Krieg liegen, mit Champagner gefeiert, erinnert sich Lee. „Dieser Moment fühlte sich an wie ein Sieg, aber in Wahrheit hat die Schlacht gerade erst begonnen.“

Von Imre Grimm / RND


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