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© Julia Terjung/ARD Degeto/Moovie/dpa

Fernsehen

"Eine Grundfrage menschlichen Zusammenlebens"

Grundgesetz achten oder Leben retten? Der Fernsehfilm "Terror" wurde gestern Abend von über sechs Millionen Menschen gesehen, die anschließend über das juristische Schicksal des Majors Lars Koch abstimmten - und ihn für unschuldig befanden. Die NP hat mit Medienwissenschaftler Jo Groebel gesprochen, ob so etwas nicht gefährlich ist und welche Zukunft solche Ideen in Deutschland haben

Hannover. Beim Fernsehfilm „Terror“ dürfen die Zuschauer darüber abstimmen, ob der Angeklagte im Film schuldig ist oder nicht. Kritiker monieren, dass das Publikum über das Grundgesetz abstimmt – und das ein solches Votum nicht „populistisch“ im TV laufen sollte. Wie finden Sie als Medienwissenschaftler das?

Der Film steht in einer langen Tradition von Formaten, in denen mit Fiktion und Zuschauermeinung gespielt wird. Ich bin in diesem Fall fest davon überzeugt, dass es die richtige Form ist, um sich mit einem solch komplexen Thema auseinanderzusetzen. Das Grundgesetz wird ja nicht allein durch eine Umfrage oder eine Ausstrahlung in Frage gestellt. Dann dürfte man ja grundsätzlich keine Umfragen mehr zu gesellschaftspolitisch relevanten Themen durchführen.

Sie sehen also kein Problem in der Ausstrahlung?

Ganz im Gegenteil. Ich sehe es so, dass in diesem Fall eine Diskussion geführt wird, in der eine der zentralsten moralischen Fragen der Gesellschaft behandelt wird. Es ist wie die Frage, ob man den Diktator töten darf, um viele zu schützen. Oder denken Sie an den Fall des entführten und getöteten Jakob von Metzler, bei dem die Frage aufgeworfen wurde, ob man mit körperlicher Gewalt drohen darf, um ein Leben zu retten (siehe unten). Das eine ist die grundgesetzliche und juristische Seite. Auf der anderen Seite steht die moralische und sehr menschliche Dimension, dass man in eine wahrhaft tragische Situation geraten kann, in der jede Entscheidung die falsche Entscheidung ist. Es handelt sich um eine Grundfrage menschlichen Zusammenlebens.

Das Grundgesetz ist also nicht in Gefahr?

Keinesfalls, am Ende des Films steht ja nicht ein Referendum über das Grundgesetz. Im Übrigen ist die Art und Weise, wie das Thema umgesetzt wird, nicht die Spur reißerisch oder billige Meinungsmache. Die Form wird gewahrt, nach dem Film läuft noch eine Diskussionsrunde, somit ist das Thema auch gut eingebettet.

Kritiker monieren, dass die Zuschauer sich für eine solche Entscheidung mit dem Gesetz nicht ausreichend auskennen.

Sicher sagen manche, das Thema kann man nur in einer intellektuellen Diskussion seriös behandeln. Aber gerade die fiktive Form, die sich an einem realen und vorstellbaren Hintergrund orientiert, ist meistens aufklärerischer und lebensnäher als eine theoretische Diskussion. Jeder hat die Möglichkeit, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen – und sich selbst kennenzulernen: Wie würde ich reagieren, würde ich mich über das Grundgesetz hinwegsetzen? Denn man kann juristisch schuldig sein, aber moralisch alles richtig gemacht haben. Das ist wie eine altgriechische Tragödie.

Das Szenario ist sehr nah an der Realität, was im TV zuletzt häufiger vorkam, etwa in einem Tatort, wo scheinbar „live“ die Tagesschau gekapert wurde. Ist das Spiel mit Realität und Fiktion gefährlich?

Das muss eine Gesellschaft aushalten können. Dieser Film ist von der Machart und Ankündigung her so ausgestaltet, dass da eigentlich keine Missverständnisse entstehen können. Es gab eine umfangreiche Berichterstattung vor der Ausstrahlung, man kennt die Schauspieler, es ist keine Live-Sendung. Hier werden die Mittel des Films genutzt, um aufzuklären und eine Diskussion anzuregen. Nichts anderes. Hier wird nicht am Grundgesetz gekratzt, egal, wie viele Leute am Ende im Sinne des Grundgesetzes entscheiden. Das ist das Leben – und das ist auch die Lektion dieses Films. Es wäre ja schön, wenn man die Welt ganz einfach in Schwarz und Weiß einteilen könnte, aber dem ist eben nicht so.

Von der Urteilsverkündung wurden zwei Versionen gedreht, je nachdem, ob das Publikum auf schuldig oder nicht schuldig erkennt.

Ich hätte es besser gefunden, wenn das Urteil laut der aktuellen Rechtslage und auf dem Boden des Grundgesetz gefällt worden wäre, unabhängig vom Votum der Zuschauer. Es soll ja nicht so sein, dass das Recht gebeugt wird – und das ein Urteil der Mehrheitsmeinung entsprechen muss. Übrigens sind schon bedeutende Dinge in diesem Land passiert, gerade weil man den Boden des Grundgesetzes verlassen hat. Man denke nur an Helmut Schmidt, der bei der Hamburger Sturmflut von 1962 die Bundeswehr zur Hilfe rief, obwohl das nicht vom Gesetz gedeckt war.

von Inken Hägermann


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