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Der Kinofilm „Who Am I“ machte sie 2014 bekannt, privat sind sie ein Paar, beruflich gehören sie zur Speerspitze einer neuen deutschen Fernsehoffensive: Baran bo Odar (39) und Jantje Friese (40).

Der Kinofilm „Who Am I“ machte sie 2014 bekannt, privat sind sie ein Paar, beruflich gehören sie zur Speerspitze einer neuen deutschen Fernsehoffensive: Baran bo Odar (39) und Jantje Friese (40).
© Getty

Erste deutsche Netflix-Serie „Dark“

So schwarz war deutsches Fernsehen noch nie

„Niemand wird böse geboren“: Bei Netflix startet die erste in Deutschland produzierte Serie „Dark“ – ein geschickt konstruiertes, tiefschwarzes Spiel mit Raum und Zeit. Im Interview sprechen die Macher Baran bo Odar und Jantje Friese über Freiheit, Abgründe und Adolf Hitler – und ihre Tochter.

Baran bo Odar, Jantje Frise – die Serie „Dark“ ist nicht düster, sie ist finster. Tiefschwarz. Es geht um Hoffnungslosigkeit, dunkle Geheimnisse, das Böse im Alltag einer deutschen Kleinstadt. Ist das Ihre Auseinandersetzung mit der vielzitierten „German Angst“?

Odar: Es ist schon eine deutsche Serie, mit deutschen Schauspielern, Kameras und Machern. Nur das Geld kam aus Amerika. Ich mag den Genrebegriff „German Angst“. Er kommt ja eher aus dem Ausland. Wir Deutschen empfinden uns selbst ja gar nicht als so ängstlich, sondern eher als gemütlich, sauber, effizient und ordentlich. Wir wollten aber keine Serie machen, die nur auf einem Markt funktioniert. Wir haben uns vom ersten Tag an der Filmhochschule an vorgenommen: Wir wollen Geschichten erzählen, die alle gucken.

„Wir könnten noch viele Treppen tiefer gehen“

Wobei das Interesse an menschlichen Abgründen, also auch die Lust am Krimi, ja schon typisch deutsch ist.

Odar: Das stimmt. Diese Neigung teilen wir wohl eher mit den Skandinaviern – mehr als zum Beispiel mit den Franzosen. In deren Geschichten geht’s oft um die Sprache und das Gefühl. In unseren Filmen ist es eher so, wie Jantje neulich mal sagte: Wir bringen zwar viele Menschen um – man wird dafür hinterher aber schön sauber gemacht. Das ist unser Ding. Wir selber empfinden unsere Arbeit und speziell „Dark“ eigentlich gar nicht also so düster.

Friese: Wir könnten noch viele Treppen tiefer gehen…

Odar: Aber wir sind sehr interessiert an der dunklen Seite des Mondes. Das wird wohl in der Teenagerzeit festgelegt. Ab irgendeinem Moment habe ich damals gedacht, dass ich die ganze Zeit naiv war, wie das so ist in der Pubertät. Dass also alle anderen keine Ahnung haben, wie’s läuft - und nur ich checke es. Und dann kapierst du irgendwann, dass du in Wahrheit auch keine Ahnung hast. Ich habe mit zwölf Jahren Dostojewskis „Schuld und Sühne“ gelesen, was in meinem Inneren wirklich Türen geöffnet hat.

Ein gutes Alter, um mit Dostojewski zu beginnen.

Odar: Nicht wahr? Das empfehle ich jedem. Ich bin sehr froh darüber, denn damals begann ich, mich für menschliches Verhalten zu interessieren. Wir sind beide keine politischen Filmemacher. Uns interessiert immer das Individuum und die Frage, warum ein Mensch plötzlich etwas Fragwürdiges macht. Ob das nun böse ist oder nicht. Gut und Böse sind ja nicht immer klar zu trennen. Wir glauben nicht an Schwarzweißdenken – wir glauben an Grau. Auch Adolf Hitler war ja mal ein kleiner Junge und hatte sicher nicht als Sechsjähriger das Ziel, ein Massenmörder zu werden. Niemand wird böse geboren. Und dennoch muss irgendetwas im ihm passiert sein. Und genau dieser Moment – der interessiert uns wahnsinnig. Weil wir als Menschen Angst vor diesem Moment haben und ihn verstehen wollen, um vorbeugen zu können. Wir beide haben ja auch eine Tochter zusammen…

Friese (lacht): Wir wollen nicht, dass sie Adolf Hitler wird.

Odar: Genau! Deshalb sind wir fasziniert von Serienkillern. Wie wird ein Ted Bundy zum Beispiel zu Ted Bundy?

„Jetzt ist es zu spät, um Serienmörder zu werden“

Der Mann, der in den Siebzigerjahren in den USA 28 Mädchen und junge Frauen tötete...

Odar: Das interessiert mich. Auch, weil ich glücklich bin, dass bei mir selbst nichts schiefgegangen ist, das mich zum Serienmörder hätte machen können. Jetzt ist es zu spät dafür, ich bin fast 40. Das passiert viel früher.

„Dark“ ist die erste Serie, die Netflix in Deutschland produzieren ließ. Wie kam es dazu?

Friese: Netflix ist auf uns zugekommen, weil die unseren Kinofilm „Who Am I“ von 2014 gesehen hatten. Es gab zunächst die Idee, daraus eine Serie zu machen. Da hatten wir mit dem Thema aber schon ziemlich abgeschlossen. Aber die waren so interessiert an uns als Filmemacher, dass wir überlegt haben, welche Idee wir sonst noch im Angebot haben. Als Filmemacher hast du ja immer ein paar Ideen im Gepäck. Eine davon war „Dark“, damals noch als reines Crime-Drama ohne die übernatürlichen Elemente. Und eine andere Idee war ein Zeitreisefilm. Und als die beide nebenbeinander auf dem Tisch lagen, hatten wir plötzlich diese Eingebung: Wenn wir das verbinden, wird es etwas Besonderes. Das fanden sie super.

Was sind denn die Hauptargumente, mit denen Netflix Regisseure und Autoren ködert? Geld? Kreative Freiheit? Vertrauen?

Odar: Wir wollten erst gar nicht! Wir wollten keine Serie machen. Wir hatten eher Kinofilme im Kopf. Aber in den ersten Gesprächen zeigte sich, dass da eine Arbeitsatmosphäre entstand, die wir so nicht kannten – schon gar nicht aus Deutschland, aber auch nicht aus Hollywood. Dort hatte ich ja gerade „Sleepless Night“ mit Jamie Foxx und Michelle Monaghan gemacht. Bei Netflix ist man überzeugt, dass die einzige Chance auf herausragendes Fernsehen Vertrauen ist. Die suchen ihre Filmemacher schon sehr genau aus, aber dann lassen sie einen machen. Klar lesen die auch bei uns jede Zeile, kommentieren, gucken jede Schnittfassung. Aber dahinter steht immer der Satz: „You are the showrunner.“ Die Verantwortung liegt also bei dir. Dieses Vertrauen ist wunderschön. Das gibt es hier überhaupt nicht. Es reden immer Leute mit, die denken, sie wüssten, wie es besser geht. Gleichzeitig erhöht es aber den Druck auf uns. Denn wir sind dafür verantwortlich, dass es gut wird. Diese Kombination aus Druck und Freiheit ist neu und anders als alles, was wir bisher erlebt haben. Aber es war sicher die beste und gleichzeitig anstrengendste Arbeitserfahrung.

„Wir sind ja nicht ,Game of Thrones’

Das heißt: Eine Serie wie „Dark“ wäre bei einem klassischen deutschen Fernsehsender nicht möglich gewesen?

Friese: Schwierig. Das ginge schon deshalb nicht, weil Sendeplätze für solche Serien fehlen. Außerdem ist „Dark“ tatsächlich zum „Bingen“ ausgelegt – also dafür, möglichst viel davon am Stück zu gucken. Das funktioniert so nur auf einer Streamingplattform.

Eine deutsche Serie, die auf Knopfdruck in 190 Ländern der Erde startet. Spielt dieser Gedanke in der Produktion eine Rolle? Schüchtert das ein?

Friese: Wir haben das relativ gut ausgeblendet, gerade am Anfang der Produktion. Wir mochten unsere Idee und hatten einfach Bock, das zu machen. Uns geht’s ja um den Arbeitsprozess – das ist es, worauf es Filmemachern ankommt. Aber jetzt, wo „Dark“ fertig ist, spüre ich eine gewisse Nervosität. Das fühlt sich schon krass an. Aber was soll’s? Man kann ja eh nichts mehr machen. Und die Reaktionen, die wir bekommen, sind nicht die schlechtesten.

Odar: Das Tolle ist ja, dass „Dark“ abrufbar bleibt, auch in einem Jahr noch. Im Kino ist es so, dass ein Film plötzlich nach zwei Wochen verschwinden kann. Das war’s dann. Das ist wahnsinnig frustrierend, weil es so viel Arbeit gekostet hat. Oder er läuft Sonntagabends im Fernsehen und ist danach auch sofort weg. Die Netflix-Serie „Stranger Things“ zum Beispiel hat auch eine Weile gebraucht, bis sie ihr Publikum fand und zum Erfolg wurde. Es kann sich langsam herumsprechen, wachsen und dann plötzlich durch die Decke gehen. Wie die Telefonlawine bei den Drei Fragezeichen: Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Das könnte mit „Dark“ auch passieren. Wir sind ja nicht „Game of Thrones“, wo wirklich alle darauf warten.

Friese: Wir sind ein sehr nischiges, deutsches Produkt. Mal gucken, was passiert.

Die erste britische Netflix-Serie „The Crown“ war ein Welterfolg, die erste französische Serie „Marseille“ dagegen hat nicht so richtig funktioniert. Gibt es so etwas wie landestypische Erzählweisen überhaupt?

Odar: Deutsche inszenieren Emotionen schon anders als Franzosen, Spanier oder Italiener. Da werden Schauspieler schnell lauter. Das ist einfach Teil der Kultur. Bei uns werden Emotionen immer ein bisschen zurückhaltender dargestellt. Das ist bei „Dark“ ganz stark der Fall. Da geht’s um sehr große, starke Emotionen, die mit einem spanischen Regisseur und spanischen Schauspielern ganz anders aussähen. Das Harte, Düstere, Trockene wirkt im Ausland offenbar eher deutsch. Ich weiß nicht, woher diese Tradition kommt, vielleicht aus dem Preußentum, aus dieser Disziplin.

„Ideen können auch mal sterben“

Ein Schuss protestantisches Arbeitsethos steckt vielleicht auch noch darin.

Genau. Insofern sind wir schon eine sehr deutsche Serie. Und „The Crown“ ist in höchster Qualität mit sehr hohem Budget gedreht und wirkt auf mich schon sehr britisch, weil es so gemütlich ist.

Friese: Und gleichzeitig so ein bisschen sophisticated (spreizt den kleinen Finger an einer imaginären Teetasse ab).

Sie sind privat ein Paar und arbeiten auch zusammen. Wie funktioniert das bei Ihnen?

Odar: Ich bin eher fürs Grobe zuständig und Jantje fürs Detail. Ich habe meistens eine grobe Idee, aus der Jantje dann eine konkrete formt. Die lese ich dann und ergänze sie mit neuen groben Ideen. Es ist ein Pingpong-Spiel. Sie ist einfach viel besser im Detail, weil sie ein starker Kopfmensch ist und sehr geduldig. Ich bin eher ein Bauchmensch und ungeduldig. Außerdem schmeißen wir sehr schnell Sachen weg. Wir verstehen nicht, wie Filmemacher acht Jahre lang an einer Sache arbeiten können. Um in dieser Branche weiterzukommen, muss man viele Eisen im Feuer haben. Ideen können auch mal sterben.

Friese (verschmitzt): Und jeder Tod ist ja auch eine Geburt.

Odar: Wir sind sehr ehrlich zueinander, weil wir uns so gut kennen. Und wir mögen die gleichen Filme.

Friese: Das ist total wichtig. Wenn man geschmacklich nicht nah beieinander ist, wird’s schwer. Aber das heißt nicht, dass es vollkommen konfliktfrei über die Bühne geht. Wir streiten schon auch ganz gerne, aber wir gehen nie unter die Gürtellinie. Auch da sind wir sehr protestantisch.

Von Imre Grimm


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