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Nicht in Festtagsstimmung: Kira Dorn (Nora Tschirner) mit Prof. Eisler (Ernst Stötzner) und Lessing (Christian Ulmen).

Nicht in Festtagsstimmung: Kira Dorn (Nora Tschirner) mit Prof. Eisler (Ernst Stötzner) und Lessing (Christian Ulmen).
© ARD

„Tatort“ zu Weihnachten

Schrille Nacht in Weimar

Nora Tschirner und Christian Ulmen im Einsatz: Im „Tatort“ am Zweiten Weihnachtstag geht es um psychische Macken, Buchstabensuppe und lustige georgische Namen. Heimlicher Held der thüringischen Sause: Jürgen Vogel.

Weimar. Doch, der Titel ist lustig: „Der wüste Gobi“. Dem Kalauer als Kunstform ist in Deutschland viel Unrecht geschehen. Hierzulande gilt die spleenige Spielart des Humors als Witzeljagd für Comedyidioten, im Angelsächsischen dagegen ist sie völlig zu Recht die Königsdisziplin der Komik. „Der wüste Gobi“ jedenfalls ist ein guter Kalauer. Wüste, weißte? Knickknack.

Der wüste Gobi – das ist im fünften Weimar-„Tatort“ der vermeintliche Dreifachmörder Gobi (hübsch irre und rührend: Jürgen Vogel), der mit einer heftigen Delle in der Bimmel in der forensischen Psychiatrie einsitzt. Man darf das in diesem Fall so flapsig sagen, denn der Film geht in Sachen Psychiatrieklischees selbst eher grobschlächtig als sensibel zu Werke („Es ist ein Wahnsinniger ausgebrochen!“). Gobis vollen georgischen Nachnamen Bigamiluschvatokovtschvili findet das Autorenduo Murmel Clausen und Andreas Pflüger so lustig, dass es die Schrulligkeit, dass einzig Kommissar Lessing (Christian Ulmen) in der Lage ist, ihn unfallfrei auszusprechen, ungefähr sechzehnmal wiederholt.

Wer ist hier Arzt und wer Patient?

Gobi also sitzt ein – nur bewacht von zwei sturzverliebten Klischeekrankenschwestern. Hinter Gittern lebt er seinen heftigen Strickwarenfetisch aus und stellt für jedes weibliche Wesen in seinem Umfeld farbenfrohe Unterwäsche her, bis alle untenrum aussehen wie eine Prilblume. Der seltsame Oberboss im Psychoknast und Gobis behandelnder Arzt ist Chefarzt Elmar Eisler – gespielt von Ernst Stötzner, der gerade als Generalmajor Seegers in „Babylon Berlin“ zu sehen ist. Eislers Lieblingsdiagnose ist die „dissoziale Persönlichkeitsstörung“, denn das passt irgendwie immer. Zu Gobis zahllosen Verehrerinnen gehört die kulturverzauselte Harfenistin der Staatskapelle Weimar, Mimi Kalkbrenner (Jeanette Hain).

Gobi möchte gern in den Regelvollzug, darf aber nicht. Noch mal fünf Jahre in der Psychiatrie? Nicht mit Gobi. Er bricht aus, zurück bleiben eine tote und eine geschockte Krankenschwester. Dann stirbt Chefarzt Eislers Frau, die „Selleriekönigin 1965“. Ist Gobi auf Rachefeldzug? Welche Rolle spielt die eifersüchtige Harfenistin? Welches dunkle Geheimnis verbirgt der Chefarzt? Wer ist hier eigentlich Arzt und wer Patient? Lessing und Ehefrau Kira Dorn (Nora Tschirner) tauchen tief ab in die Weimarer Kanalisation, um der Sache auf den Grund zu gehen. Außerdem ist zu Hause die Heizung kaputt, obwohl sie doch endlich mal wieder Sex haben wollen. Irgendwas ist halt immer.

Extradoofe Hah-hah-Witze und skurrile Krimiklischees

Der Weimar-„Tatort“ tanzt in seinen besten Momenten auf dem schmalen Grat zwischen absichtlich extradoofen Hah-hah-Witzen („Der ist so monogam wie ein Karnickel kurz vor Ostern“), skurrilen Krimiklischees (kein Mensch macht mit dem Taschenmesser Luftröhrenschnitte im Treppenhaus!) und poetisch-absurder Groteske. Leider dümpelt die Sache diesmal eine Stunde lang lustig-popustig vor sich hin, bevor der Fall Fahrt aufnimmt. Die Gagdichte ist einfach zu niedrig, um die dürre Geschichte von der Ausbrecherjagd – die halbherzig mit einem Fall von Polizeikorruption verknüpft ist – zu übertünchen. Mancher Scherz sitzt („Der ist zwar Legastheniker, aber das fällt ja verbal nicht so auf“), mancher nicht („Der Junge war so chancenlos wie ein Pinguin in der Hai-Disco“).

Lessing und Dorn frotzeln sich pflichtgemäß verliebt an. Aber auch Ulmen und Tschirner leiden trotz ihrer sympathischen Rotzigkeit und ihrem nach wie vor grandiosen Timing an den Holprigkeiten des Buches. Das braucht einfach zu lange, um die durchaus putzige, von Regisseur Ed Herzog in Szene gesetzte Story in die Gänge zu bringen. Das ist schade, denn das Potenzial dieser Reihe als feines, schräges Humorangebot neben den brachialen Blödelkrimis aus Münster ist weiterhin enorm hoch. Beispiel:

Buchstabensuppe schmeckt ja auch mal ganz gut

Lessing: „Herr Eisler, wenn meine Frau jahrelang krank wäre – ich weiß auch nicht, was ich tun würde!“

Dorn (seine Frau): „Mir geht’s doch genauso, Lessing! Aber wir haben Kinder, wir müssen durchhalten.“

Dieser „Tatort“ ist eher Buchstabensuppe als Gänsebraten. Aber das schmeckt Weihnachten ja auch mal ganz gut.

„Tatort: Der wüste Gobi“ | ARD Mit Nora Tschirner und Christian Ulmen Dienstag, 26. Dezember, 20.15 Uhr

Mehr „Tatort“ an den Festtagen

Neben der neuen Folge aus Weimar sind zu Weihnachten gleich sechs „Tatort“-Wiederholungen zu sehen: „Weihnachtsgeld“ aus Saarbrücken mit Devid Striesow (Heute, 22.10 Uhr, ARD), „Fangschuss“ aus Köln (25. Dezember, 20.15 Uhr, WDR), „Die Reise in den Tod“ mit Peter Sodann (27. Dezember, MDR, 1 Uhr), „Wer bin ich?“ aus Hessen mit Ulrich Tukur (27. Dezember, HR, 20.15 Uhr), „Der Fluch der Mumie“ aus Münster (27. Dezember, SWR, 22 Uhr) und „Adams Alptraum“ (27. Dezember, SWR, 23.30 Uhr) ebenfalls mit Striesow.

Von Imre Grimm


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