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Medien „Die Welt ist komplizierter geworden“
Nachrichten Medien „Die Welt ist komplizierter geworden“
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18:00 17.12.2017
Auf die Haltung kommt es an: Claus Kleber, Moderator des „heute-journals“. Quelle: foto: Picture alliance / dpa
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Nachrichtenmann auf Umwegen: Der promovierte Jurist Claus Kleber arbeitete kurze Zeit als Anwalt, wechselte dann aber zum Journalismus und machte sich als USA-Korrespondent der ARD einen Namen. Das „heute-journal“, das Anfang Januar 2018 40 Jahre alt wird, moderiert er seit 2003.


Herr Kleber, vor 40 Jahren startete das „heute-journal“ im ZDF. Wie hat sich die Nachrichtenwelt seit damals verändert?

Fundamental! In den letzten zehn Jahren mehr als in den 30 Jahren, vielleicht sogar in den 100 Jahren zuvor. Wir haben heute eine völlig veränderte Welt, viel mehr Informationen als früher strömen auf die Menschen ein. Wir haben aber auch viel effizientere Recherchemittel, die jederzeit und überall auf der Welt jedem Journalisten zur Verfügung stehen – und jedem, der Journalisten auf die Finger schauen will.

Der Journalismus steckt bekanntlich in einer Vertrauenskrise: Viele glauben, dass Politik und Medien unter einer Decke stecken.

Es gibt so etwas wie den Mainstream der Medien, einen Konsens, der sich durchaus feststellen lässt. Der war zum Beispiel für eine gewisse Zeit eher flüchtlingsfreundlich als flüchtlingskritisch – oder sagen wir flüchtlingspolitikfreundlich. Manche haben deshalb das Gefühl, das werde zentral gesteuert. Aber ich kann aus dem Maschinenraum sagen: Dieser Vorwurf ist völlig unbegründet – niemand steuert das.

Die „Tagesthemen“ im Ersten sind 1978 am selben Tag gestartet wie das „heute-journal“ des ZDF. Welche Rolle spielt die ARD-Konkurrenz für Sie und die Redaktion?

Wir schauen jeden Tag die „Tagesthemen“, und bei unserer täglichen Kritik unserer Sendung fragen wir stets auch: Warum haben die Kollegen sich für ein anderes Thema entschieden, warum haben die ein Thema anders angepackt – und manchmal sagen wir auch: Die haben das besser gemacht als wir. Ich nehme an, dass es umgekehrt genauso ist. Wir spielen in derselben Liga dasselbe Spiel und wünschen den Kollegen aus Hamburg alles Gute. Wir sind auch persönlich untereinander befreundet und haben Respekt vor ihrer Arbeit.

Sind die beiden Sendungen wichtig für die politische Willensbildung?

Ich glaube schon, dass wir in die Gesellschaft hineinwirken. Immerhin hat das „heute-journal“ im Schnitt vier Millionen Zuschauer und die „Tagesthemen“ im Schnitt zweieinhalb Millionen, das sind sechseinhalb Millionen – das ist eine kritische Masse jeden Tag. Die Welt ist ganz eindeutig komplizierter und schneller geworden, und wenn man nicht vor 40 Jahren diese beiden Sendungen erfunden hätte, die Nachrichten für die Zuschauer in einen Kontext stellen, einordnen und Hintergründe erklären, müsste man das spätestens jetzt machen, weil der Bedarf dafür gewachsen ist.

Welches waren Ihre persönlichen Höhepunkte als Moderator?

Highlights sind meist Sendungen, bei denen wir das Gefühl hatten: Heute kommt es auf uns ganz besonders an. Leider sind das oft schreckliche Themen. Aber auch da gibt es, ehrlich gesagt, so etwas wie professionelle Zufriedenheit, wenn wir das Gefühl haben: Das haben wir anständig gemacht. Barack Obama zu interviewen war natürlich großartig. Aber noch lieber erinnere ich mich an das Interview mit Colin Powell, der Außenminister war vor dem Irak-Krieg 2003. Das war ein sehr kontroverses Gespräch, das ist mir prägnanter in Erinnerung.

Warum hat sich in den Interviews mit Politikern und Managern der Ton vonseiten der Journalisten so verschärft?

Ich finde nicht, dass er sich verschärft hat. Wir bemühen uns um einen gepflegten Ton, wir sagen „Guten Abend“ und „Danke“, und wir lassen unsere Gesprächspartner so lange ausreden, bis wir das Gefühl haben, sie wiederholen sich oder sie weichen der Frage aus.

Aber es gab auch schon Kritik an einzelnen Interviews, nach Ihrem Gespräch mit Siemens-Chef Joe Kaeser wurde Ihnen sogar ein inquisitorischer Ton vorgeworfen.

Joe Kaeser hatte Präsident Putin mitten in der Ukraine-Krise einen Besuch abgestattet, als wäre nichts geschehen. Dazu habe ich ihn scharf befragt – obwohl ich privat sein Verhalten verstanden habe. Aber das darf in einem Interview keine Rolle spielen. Danach gab es einen Aufruhr, wie ich mit dem Führer eines Weltunternehmens so reden könnte. Ein Jahr später trafen wir uns bei einer Podiumsdiskussion, und er sagte: „Das hat mich gewundert, das Gespräch war doch völlig in Ordnung.“ Ich habe es noch nie erlebt, dass sich ein Interviewpartner hinterher beim Chefredakteur beschwert hätte.

Hanns Joachim Friedrichs hat einmal gefordert: „Ein guter Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten.“ Heute heißt es, Journalisten müssten Haltung zeigen.

Ich fühle mich dem verpflichtet, was Hanns Joachim Friedrichs gemeint hat: Wir zeigen Haltung, aber wir zeigen keine Parteilichkeit. Ich weiß bei unserer ganzen Redaktion nicht, wo die parteiliche Zuneigung der einzelnen Kolleginnen und Kollegen ist, das spielt bei uns keine Rolle. Unsere Haltung ist kritisch gegenüber allen: Wir wollen nachhaken, durch die Wolken von Verbrämungen, gefälschten Argumenten, vorgetäuschten Besorgnissen stechen, um auf den Kern der Fakten zu kommen. Nicht weil wir dem einen oder anderen Böses unterstellen, sondern weil es unser Job ist zu fragen: Was steckt dahinter, wenn Martin Schulz oder Angela Merkel etwas sagen?

Aber bei der Flüchtlingsfrage standen Sie doch eindeutig auf der Seite der Kanzlerin, oder?

In den Sendungen im Flüchtlingsseptember 2015, die ich mir alle noch einmal angeguckt habe, haben wir schon in den ersten 48 Stunden auf die Probleme hingewiesen, wenn etwa unkontrollierte Zustände an der Grenze herrschten. Aber natürlich haben wir auch abgebildet, wie dieses Land sich über sich selbst gefreut hat – darüber, wie großherzig und hilfsbereit es ist.

Ihre „Tagesthemen“-Kollegin Caren Miosga stieg auf den Tisch, um den verstorbenen Robin Williams zu würdigen, Sie selbst mussten bei einer Moderation einmal mit den Tränen kämpfen. Muss Journalismus immer emotionaler werden?

Keineswegs. Und übrigens: In der Sendung, in der ich angeblich den Tränen nahe war, hatte in Wahrheit lediglich meine Stimme für eine Zehntelsekunde einen kleinen Kieks, als ich nach einem Beitrag zu den Nachrichten überleitete. Aber im kollektiven Gedächtnis bin ich unter Tränen auf dem Moderatorentisch zusammengebrochen und musste von Gundula rausgetragen werden (lacht). Da wird gern mal was überbewertet.

Von Cornelia Wystrichowski/RND

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