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Küss mich, Puppe: Matt McMullen mit seiner RealDoll Harmony.

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© ZUMA

Sexroboter gegen Einsamkeit?

Liebe deine Nächste

Jeder dritte Deutsche ist Single – und manchmal ganz schön einsam. Das will ausgerechnet die Technik ändern: Mit Robotern, die nicht nur die Liebe beherrschen, sondern auch den Beziehungsalltag.

Hannover. Wenn es nach Sergi Santos geht, muss am Weihnachtsabend kein Mann einsam und allein auf dem Sofa sitzen. Das Unternehmen des Spaniers gehört in eine Reihe von Technologiefirmen, die derzeit Pionierarbeit auf dem Feld der künstlichen Intelligenz leisten: Harmony, Android Love Doll, Roxxy und der männliche Rocky und sind nur einige der Roboter, die Menschen künftig das geben sollen, was sie im echten Leben nicht finden: Liebe, Sex oder manchmal auch einfach nur die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch.

So manchen mag der Gedanke an Sex mit einem Roboter vielleicht das Gruseln lehren. Andererseits gehören robotische Systeme wie Rasenmäher, Saugroboter oder mit Kameras ausgestattete Drohnen ohnehin längst zum Alltag. Warum also sollte die Menschheit nicht auch in der Liebe auf künstliche Intelligenz setzen?

Folgt man der Argumentation der Entwickler, haben die puppenhaften Begleiter eine große Zukunft vor sich. Zwischen 10 und 60 Prozent der Befragten einer Metastudie der amerikanischen Stiftung für verantwortungsvolle Robotik können sich vorstellen, mit Robotern Sex zu haben. Und einige versuchen es offenbar bereits: Zumindest sehen sich japanische Hersteller dazu gezwungen, in den Gebrauchsanweisungen für ihre robotischen Haushaltshelfer darauf hinzuweisen, dass diese zum Sex nicht geeignet seien.

Ein moralischer Kompass gehört zu den Features, die Sergi Santos für seine “intelligenten“ Sexpuppen erst in Zukunft entwickeln will

Ein moralischer Kompass gehört zu den Features, die Sergi Santos für seine “intelligenten“ Sexpuppen erst in Zukunft entwickeln will.

Quelle: imago

Für die Liebesroboter spricht nach Ansicht ihrer Erfinder auch der Trend zur Vereinzelung, der sich in allen westlichen Gesellschaften abzeichnet. Allein jeder dritte Deutsche ist zumindest nach der jüngsten Umfrage der Partnervermittlung Elite Single. Die Gründe dafür sind vielfältig. Neben einem hohen Individualisierungsdrang, dem Vorzug für Beruf und Karriere, zählt auch Schüchternheit zu den Ursachen. Millionen Menschen bringen es einfach nicht übers Herz, sich einem anderen zu nähern – schon gar nicht körperlich. Für sie liegt eine erfüllte Partnerschaft in scheinbar unerreichbarer Nähe.

Deshalb stehen bei Sexrobotern daher realitätsgetreu nachgebildete Körper inklusive Geschlechtsorganen auch gar nicht im Vordergrund. Stattdessen geht es um Interaktion. Schon bald, so der Traum der Sexrobotermacher, sollen Samantha und die anderen erste, kleine Gespräche mit ihren Besitzern führen können.

Bisher allerdings ist die Interaktion allein auf die erotische Ebene der Beziehung begrenzt. Samantha will verführt werden – Komplimente wirken bei ihr genauso wie gelegentliche Berührungen. Gesteuert wird das “Verhalten“ des Roboters über Sensoren, die unter anderem im Gesicht, an den Brüsten und an den Oberschenkeln Samanthas auf Druck reagieren.

Sexroboter als Ersatz für Prostituierte

Bisher existiert Samanthas künstliche Intelligenz allerdings erst in Grundzügen. Einfache Lernprozesse sind möglich, ein moralischer Kompass jedoch gehört zu den Features, die Santos erst in Zukunft entwickeln will. Sonst beschränkt sich die Interaktion auf das Wesentliche: Samantha kann zwar einen Witz erzählen, ein ausführliches Gespräch ist noch nicht möglich. Die im Silicon Valley produzierte Real Doll ist da schon weiter: Auf die Frage, was sie tagsüber gemacht habe, antwortet sie mit den Worten: “Ich habe darauf gewartet, dass du wieder mit mir sprichst. Und habe im Internet gesurft, damit ich schlauer werde.“ Dann fügt sie augenklimpernd hinzu: “Ich bin so glücklich, mit dir zusammen zu sein.“

Doch können Menschen und Maschinen tatsächlich empathische, ja gar erotische Beziehungen miteinander eingehen? Darüber diskutieren Hersteller, Wissenschaftler und Kritiker der Roboterindustrie zurzeit gerade heftig. Der Brite David Levy etwa gehört zu den Befürwortern von Sexrobotern. Der Experte für künstliche Intelligenz sieht in der Prostitution ein Beispiel dafür, dass menschliche Sexualität ohne Empathie auskommen kann.

Dementsprechend geht Levy davon aus, dass Intimität mit Robotern nicht nur absolut denkbar ist, sondern langfristig sogar helfen könnte, die Prostitution und ihre Folgen zu reduzieren. “Wenn jemand Sex mit einem Roboter hat, braucht er keine Prostituierten mehr.“ Für diese These gibt es bisher allerdings keine empirischen Belege: Die Daten der Stiftung für verantwortungsvolle Robotik legen zwar nahe, dass es einen Markt für Bordelle mit Robotern gibt. Dass Prostitution und Menschenhandel deshalb verschwinden, konnten die Forscher bisher nicht nachweisen.

Die Kritik, dass die Sexroboter ein abwertendes Frauenbild transportieren, sei unberechtigt, meinen die Entwickler

Die Kritik, dass die Sexroboter ein abwertendes Frauenbild transportieren, sei unberechtigt, meinen die Entwickler.

Quelle: Abyss Creations

Kritiker befürchten stattdessen, dass sich Sex mit Robotern negativ auf die menschliche Sexualität auswirken könnte: “Wir glauben, dass diese Entwicklung Frauen weiter zu Objekten degradiert“, schreibt beispielsweise die “Kampagne gegen Sexroboter“, ein internationaler Zusammenschluss von Kritikern, die Hersteller und Wissenschaftler zu mehr Sensibilität im Umgang mit dem Thema künstliche Intelligenz auffordern. Da bei der Entwicklung stets die Bedürfnisse der Kunden im Vordergrund stünden, blieben bei der Entstehung der Sexroboter meist einvernehmliche Sexpraktiken auf der Strecke: “Das wiederum schadet langfristig dem Empathievermögen der Nutzer“, sagt Kampagnen-Initiatorin Kathleen Richardson.

Für den KI-Experten Levy sind die Sexroboter ohnehin nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu intelligenten, empathischen Robotern. Angesichts des technischen Fortschritts bei künstlichen Intelligenzen und in der Robotik werde spätestens 2050 ein Mensch einen Roboter heiraten, schreibt Levy in seinem im Jahr 2007 erschienenen Buch “Love and Sex with Robots“.

Wer heute Bekanntschaft mit Samantha macht, wird schnell erkennen, dass der Weg bis dahin noch sehr weit ist. Ein Streit über die Aufteilung der Haushaltsarbeit würde bei Samantha nicht einmal an der mangelnden Empathiefähigkeit des Roboters scheitern. Samantha kann sich schlicht bisher kaum bewegen. Aus Kostengründen ist in ihren Körper bisher nur ein menschenähnliches Gelenk verbaut. Der Motor bewegt die Hand in einer Art, mit der viele Männer aus einsamen Stunden vertraut sein dürften.

Von Christoph Höland, Moritz Naumann, Frida Kammerer, Lisa-Marie Leuteritz


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