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Foto: Harald Schmidt kehrt zurück zu Sat.1.

„Was kann ich dafür, dass ich so gut bin?“: Harald Schmidt kehrt zurück zu Sat.1.© Sat.1

Comeback bei Sat.1

Harald Schmidt will wieder „Dirty Harry“ sein

Wo ist zu Hause, Mama? Seine Rückkehr zu Sat.1 hat Harald Schmidt perfekt inszeniert. Am Dienstagabend startet sein Comeback – mit dem Schmidt an alte Zeiten anknüpfen will.

Kleinreden. Beschwichtigen. Erwartungen senken. Druck rausnehmen. Das war so der Job von Günther Jauch in den vergangenen Wochen. Sollte bloß niemand glauben, er werde als ARD-Talker das Fernsehen neu erfinden. Und was dann zu sehen war nach dem „Tatort“ an diesem Sonntag, dieser merkwürdige Mix aus „stern tv“-Kitsch, heidenreichschem Fundamentalpazifismus und Jürgen Klinsmanns tapsigen Anmerkungen zum Amerikaner als solchem, war tatsächlich kaum Mittelmaß. Nicht auszudenken, wie groß das Fiasko erst geworden wäre, wenn Jauch den Ball weniger flach gehalten hätte.

Ganz anders der zweite große TV-Rückkehrer dieses Herbstes: Seit Wochen baut Harald Schmidt vor seinem SAT.1-Comeback Druck auf. Wie ein Boxer, der sich mit offensiver Großkotzigkeit für seinen nächsten Auftritt pusht. „Was kann ich dafür, dass ich so gut bin?“, trompetete Schmidt im „stern“. Und: „Man bleibt Real Madrid, auch wenn man mal fünf Jahre nicht die Champions League gewinnt.“ Und überhaupt: „Ich bin der Einzige, der es kann.“ „Mediales Flächenbombardement“ nennt er das. Im Grunde wie bei Charlotte Roche, nur ohne Analfissur.

Am Diensatgabend um 23.15 Uhr startet die neue alte „Harald Schmidt Show“ bei SAT.1, und der 54-Jährige inszeniert seinen Neustart wie die Rückkehr des verlorenen Sohnes in die Arme der Mutter. In einem sehr lustigen Musik-Werbevideo fragt er als schlaksiger Johnny-Cash-Parodist: „Wo ist zu Hause, Mama?“ – mit der Pointe: „Endlich daheim“. Experimente? Keine. Erdfarbenes Studio, Stand-up-Auftakt, links Helmut Zerlett & Band, rechts ein Tisch, ein Sessel, Feierabend. Seine ARD-Mannschaft bleibt zusammen, Katrin Bauerfeind inklusive.

Kann das gut gehen? Kann man einfach anknüpfen an seine wilden Zeiten? Oder wirkt ein saturierter Herr Schmidt beim Versuch, wieder „Dirty Harry“ zu sein, wie Christian Wulff bei Rock am Ring?

Ironie ist die Kunst, es nicht so zu meinen, aber irgendwie doch. Schmidt beherrscht sie wie niemand sonst. Die „Harald Schmidt Show“ – das war einmal ein Stück Anarchie im Fernseheinheitsbrei voller Blondinen in Milchglas-Studios, ein Beitrag zur allgemeinen Entkrampfung. Harpo Marx trifft Adorno. Kleist und Klinsmann – endlich vereint. In mühevoller Kleinarbeit hatte Schmidt seine Gefolgschaft dazu erzogen, nach dem verborgenen Sinn in seinem Tun zu suchen, nach der Doppelbödigkeit. Wenn er nur „Herzlich willkommen“ sagt, lauerten Fans auf die Metaebene. Was meint er wirklich?

„Dirty Harry“ wirkte müde

Das war mal neu und frisch. Eine Zeit lang wirkte es befreiend, wie Schmidt seine Menschenfeindlichkeit zelebrierte, über Partnerlook in Fußgängerzonen spottete, über Bill Clintons Autobiografie („Ich les’ doch nicht fuffzehnhundert Seiten, um zu wissen, wie die Dicke bläst“) oder über öffentlich-rechtliches Fernsehen („Wer einmal mit Claudia Schiffer geschlafen hat, der zieht nicht einfach wieder bei Mutti ein“ – denkste).

Seit Jahren aber schien es, als habe er die Nase voll davon, mit doppelt verschwurbelten Wahrheiten den Zeitgeist zu entschlüsseln, als wäre ein bisschen „Traumschiff“-Wärme genug für die alten Knochen. „Dirty Harry“ wirkte müde, und Pocher war dann der Tiefpunkt. Es hatte sich etwas verändert. „Wir alle waren früher, wie er, Rechts-links-Denker und fragen heute nur noch: Arschloch oder nicht?“, schrieb Elke Heidenreich mal in einer Hommage an ihren Freund Harald. „Ihn erreicht nichts mehr. Er ist und war immer schon klüger als alle, gebildeter als alle, schlagfertiger als alle. Er weiß das. Schmidt ist nicht komisch. Er meint es immer verdammt ernst, er sagt es nur so, dass wir darüber lachen müssen – der klassische tragische Hofnarr eben, der mehr weiß als der König und dafür gern mal geköpft wird.“

Wie eine Erlösung nach langer Krankheit

Als er 2003, nach 1365 Late-Night-Sendungen, im Streit bei SAT.1 hinwarf (weil der neue ProSiebenSAT.1-Chef Urs Rohner den Schmidt-Kumpel und SAT.1-Geschäftsführer Martin Hoffmann rausgeschmissen hatte), da war Harald Schmidt der vom Kulturbetrieb gefeierte Gott der kleinen Dinge, der bundesdeutsche Entkrampfungsbeauftragte. Als er im Sommer 2011 bei der ARD aufhörte, wirkte das wie eine Erlösung nach langer Krankheit. 1,39 Millionen Menschen sahen seine letzte ARD-Show. Aber er kann nicht ohne, und so geht er jetzt dienstags und mittwochs auf Sendung. Sein Vertrag läuft so lange wie ein durchschnittlicher Handy-Deal: 24 Monate. Premierengäste sind am Dienstagabend Hape Kerkeling und die Guano Apes.

Am Mittwoch kommt Anne Sophie Mutter. Seine Nische bleibt bestehen: Intelligenz ist im Fernsehen noch immer ein Alleinstellungsmerkmal. „Das Publikum hat darauf gewartet“, beharrt Schmidt. „Die top ausgebildete Elite ist ja schon süchtig nach der Show. Jetzt gilt es, den Mittelstand an das Produkt heranzuführen.“ Aber Retrofernsehen hin oder her: Der letzte TV-Klassiker, den SAT.1 zu reanimieren versuchte, ging sang- und klanglos unter: die „Wochenshow“ mit Ingolf Lück. Amtsmüdigkeit? Hat Schmidt selbst nie so gesehen. „Die gibt es nicht“, sagte er der „FAZ“. „Man kommt nur bei einer wöchentlichen Sendung gar nicht richtig in Gang.“ Karriereknick? „Ab und zu drückt die Welle einen unter Wasser, ritzt man sich den Arsch am Kiesel auf. Aber ich wäre bekloppt, dieser Branche, in der ich mich so komfortabel bewege, überdrüssig zu sein. Ich dachte ja schon einmal, ich wär’s.“

Die Langeweile als Motivation

Er bleibt öffentlich ein Rätsel, eine Kunstfigur, er will das so. Vor ein paar Jahren war Harald Schmidt mal ganz er selbst. Jedenfalls sah er so aus. Man weiß das ja nie so genau. Da saß er in der 3sat-Sendung „Einfach Alsmann“ am Flügel und spielte Bach. Barbara Schöneberger, Nina Petri und Götz Alsmann saßen auf dem Sofa daneben und schwiegen. Das muss man erst mal schaffen.

Schmidt, gelernter Kirchenmusiker, sah aus, als müsse er tief in seinem Inneren kramen, um diese Musik hervorzuholen. Und er sah aus, als genieße er es, mal nicht den Chefzyniker des deutschen Medienwesens geben zu müssen. Da glich er, der langjährige Messdiener und Pfadfinder, endlich auch mal öffentlich dem konservativen Familienmenschen aus der schwäbisch-katholischen Provinz, der er in Wahrheit sein soll. Aber es stimmt ja: Man kann nicht zwei Jahre lang dienstags und mittwochs bei SAT.1 Klavier spielen.

Was ihn denn antreibe, überhaupt immer weiterzumachen, fragte ihn sein alter Weggefährte Herbert Feuerstein mal. Schmidts Antwort war kurz und ein bisschen bitter: „Die Langeweile.“

„Die Harald Schmidt Show“ | SAT.1 – mit Hape Kerkeling und den Guano Apes, Diensatg, 23.15 Uhr


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