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Medien Feature: Konferenz re:publica feiert das Netz als Utopie
Nachrichten Medien Feature: Konferenz re:publica feiert das Netz als Utopie
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16:15 06.05.2013
Der Mathematiker Gunter Dueck spricht auf der Internetkonferenz Re:publica in Berlin. Quelle: Jörg Carstensen
Berlin

s. Zum Start am Montag ging es um die Deutsche Telekom und ihren Plan einer Tempo-Drosselung, um Afrika und den Internet-Wahlkampf in den USA, um die Verfassung in Island und die Literatur in Zeiten der Interaktion von Mensch und Maschine.

Die Internetszene ist selbstbewusst geworden, die Konferenz ist dieses Jahr wieder gewachsen. Am Anfang liest Mitorganisator Andreas Gebhard minutenlang die verschiedenen Sponsoren vor.

Danach ist der Jubel groß, als re:publica-Mitgründer Markus Beckedahl auf der in cooles Blau gehüllten Hauptbühne den kleinsten gemeinsamen Nenner der Szene formuliert, "das Kernprinzip eines offenen und freien Internets". An Bundeskanzlerin Angela Merkel gerichtet ruft er aus: "Jetzt ist die Zeit zu handeln. Verhindern Sie, dass die Telekom ein Internet zweiter Klasse einführt!"

So viel Pathos bleibt nicht ohne Widerspruch. Der ehemalige IBM-Stratege Gunter Dueck spottet: "Telekomgesellschaftserdrosselung ist jetzt das große aktuelle Thema." Und bittet die Konferenzteilnehmer: "Können Sie nicht mal etwas Telekom-empathisch sein?"

Für die Netzaktivisten war die Ankündigung der Deutschen Telekom ein Stich ins Wespennest: Sie halten das Prinzip der Netzneutralität hoch, das den diskriminierungsfreien Transport aller Datenpakete im Internet verlangt. Jetzt wollen sie die Diskussion weiter anfeuern und auch in den Wahlkampf tragen.

"Uns ist bewusst, dass Netzbewohner eine immer größere Wählerschaft werden, dass für viele Netzpolitik immer mehr zu einem wichtigen Thema wird", sagt Beckedahl im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Auch sei klar, dass die Parteien sehr daran interessiert seien, im Internet Wahlkampf zu machen. Dafür brauchten sie auch die geeigneten Leute. "Diese laufen hier auf der re:publica rum und wenn man eine schlechte Netzpolitik macht, kann man viel schlechter online mobilisieren."

Wie das geht, erklärt Betsy Hoover am Beispiel der Wahlkampfstrategie von US-Präsident Barack Obama. Hoover leitete die Online-Abteilung im Wahlkampf 2012, allein im Obama-Hauptquartier kümmerten sich 200 Mitarbeiter um die Digitalkampagne.

"Wir konnten Menschen online erreichen, die wir offline nicht erreichen konnten", sagt sie. Hoover war auch schon beim ersten Präsidentschaftswahlkampf von Obama dabei, damals war Facebook ein Zehntel so groß wie heute. In Deutschland haben inzwischen 25 Millionen Menschen ein Facebook-Profil. "Es war eine andere Welt", sagt sie über den Wahlkampf vor gerade einmal fünf Jahren.

 

Diesmal war Obama überall vertreten, das Wahlkampfteam sammelte E-Mail-Adressen von Unterstützern und verschickte Unmengen digitaler Nachrichten. Für Hoover ist der im Netz geführte Wahlkampf unerlässlich, er müsse sich perfekt mit den Aktionen auf der Straße zusammenfügen.  

Taugt das als Vorbild für Deutschland, wo im Herbst die Bundestagswahl ansteht? Das bezweifeln selbst die Piraten, die die Möglichkeiten des Netzes sonst freudig umarmen. "Das kann man nicht auf Deutschland übertragen", sagt der Berliner Piraten-Abgeordnete Martin Delius am Rande der Konferenz.

"Die Erfahrung hat gezeigt, dass Wahlen nicht im Internet und auf Social Media gewonnen werden, sondern auf der Straße." Die Hinweise von Hoover seien eher für humanitäre Organisationen oder Aktionsbündnisse interessant als für die Politik. Auch hier stößt die Utopie an ihre Grenzen.

Aus allen Nähten platzt die Bühne 2, wo die Schriftstellerin Kathrin Passig über die Bedingungen ihrer literarischen Arbeit nachdenkt. Wenn sie am Computer einen Satz aufschreibe, tue sie das als Autorin, schaue ihn sich aber danach gleich mit den Augen von Lesern an, erklärt die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin und spricht von einer noch ausbaufähigen Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine.

Querdenker Dueck redet der Internetszene ins Gewissen: Wenn alle nur innerhalb ihrer eigenen Denk- und Wertewelten diskutierten, werde der fruchtbare Diskurs verfehlt. "Hier sind Sie viele, aber nicht da draußen", mahnt Dueck in einem eigenwilligen Vortrag. Er plädiert für eine "ethnokulturelle Empathie", die auch die kulturellen Werte der anderen mitfühle.

Diese Haltung sei Teil eines neuen Menschenbildes, das beim Übergang in die Wissensgesellschaft erst noch entwickelt werden müsse. Dueck sagt, er freue sich, auf der re:publica wieder bei seinem "Familientreffen" zu sein. Aber das sei wenig hilfreich, wenn die Familie immer unter sich bleibe: "Man muss raus!"

dpa

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