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Nachrichten Medien Der neue „Tatort“: Schweizer im Schneckentempo
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15:27 15.09.2017
Romantisches Picknick am See zum ersten Jahrestag: Eveline Gasser (Brigitte Beyeler) und Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) haben Grund zu feiern. Quelle: Foto: ARD
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Berlin

Es gibt Zufälle, die gibt’s nur im „Tatort“. Und solche unglaublichen Zufälle, die meist als erzählerische Krücke dienen, gibt es gleich mehrere in der neuen Folge aus Luzern: „Zwei Leben“. Ein Titel, unter dem übrigens 1976 schon einmal der gute alte Kommissar Heinz Haferkamp ermittelte und dabei – die Älteren werden sich erinnern – jede Menge Bouletten verspeiste. Und wie damals bei Haferkamp geht es auch hier um einen untergetauchten Schurken mit zwei Identitäten. Aber bis die gelüftet werden, wird der Zuschauer in einer sehr intensiv inszenierten Anfangsszene erst einmal Zeuge eines tragischen Unfalls.

Auf einer Straße springt nachts ein (anfangs) Unbekannter von einer Brücke genau vor einen Fernbus. Der Fahrer steigt aus, sichert den Unfallort, zieht dann den Toten unter seinem Fahrzeug hervor, um kurz danach wütend auf ihn einzutreten. Der Grund seiner unbeschreiblichen Aggressionen sind traumatische Erlebnisse. Er ist früher Lokführer gewesen und hat bereits zweimal so etwas durchgemacht, hat deswegen sogar seinen Job bei der Bahn an den Nagel gehängt und ist lieber Busfahrer geworden. Und nun ist ihm das Gleiche wieder zugestoßen.

Dies alles erzählt der Mann Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser), als dieser mit seiner Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) am Tatort erscheint. Dabei erkennt der Luzerner Ermittler in dem Fahrer Beni Gisler (stark: Michael Neuenschwander) einen ehemaligen Kameraden aus dem Militär wieder, um den er sich dann zusammen mit der zuständigen Polizeipsychologin (Stephanie Japp) aufopferungsvoll kümmert.

Die tragische Geschichte dieses Fahrers steht dann auch lange Zeit im Mittelpunkt des Films, der mehr menschliches Drama als klassischer Krimi ist. Und so etwas Spezielles muss man schon mögen am Sonntagabend zur „Tatort“-Zeit – vor allem, weil sich der Film im weiteren Verlauf auch ungewöhnlich ausführlich mit der Befindlichkeit scheinbarer Randfiguren beschäftigt, was unnötig wirkt und das eh schon geringe Tempo der Geschichte zusätzlich lähmt. Dass dies alles dann gegen Ende plötzlich Sinn ergibt, wird Zuschauer, die so lange aufmerksam durchgehalten haben, angenehm positiv überraschen.

Die Obduktion entlarvt den vermeintlichen Selbstmord als Mord

Routiniert und konventionell dagegen – zudem nach Schweizer „Tatort“-Art gewohnt behäbig und viel zu dialoglastig – verlaufen jedoch die polizeilichen Ermittlungen. Dabei stellt sich bei der Obduktion heraus, dass der Tote eine hohe Dosis Beruhigungsmittel im Blut gehabt hat und sich daher unmöglich allein von der Brücke hat stürzen können. Der vermeintliche Selbstmord ist also ein Mord gewesen. Und auch die Identität lässt sich schließlich klären: Bei dem Toten handelt sich um einen Bauunternehmer, der vor Jahren Millionen Franken unterschlagen hat, dann 2004 bei dem Tsunami in Thailand vermeintlich umkam und nun kurz vor seinem tatsächlichen Tod offensichtlich in die Schweiz zurückgekehrt ist. Kurzum: Der Mann hat tatsächlich zwei Leben geführt.

Das ist und bleibt lange Zeit äußerst mysteriös. Auch Verdächtige gibt es genug, aber so richtig spannend ist die Geschichte (Drehbuch: Felix Benesch, Mats Frey) dennoch leider nicht. Allein schon deshalb, weil sie vom Schweizer Regisseur Walter Weber viel zu langatmig, ja fast altmodisch erzählt wird und dabei auch noch der Zufall eine viel zu große Rolle spielt. Aber immerhin – und das wird echte „Tatort“-Fans freuen – lernt der Zuschauer endlich Ritschards feste Freundin kennen und sogar das ach so große Geheimnis um Flückigers Liebesaffäre wird aufgedeckt: Aus dem nervösen Flirt der letzten Folgen ist nämlich inzwischen eine echte Beziehung geworden. Eveline (Brigitte Beyeler) heißt die Auserwählte, die gleich erfahren muss, was es heißt, mit einem Kommissar liiert zu sein. Besonders wenn in den unpassendsten Momenten stets das Handy klingelt, um ihn zu einem Tatort zu rufen.

Das Böse schläft halt nie, noch nicht einmal in der Schweiz. Auch wenn es wie in diesem müden „Tatort“ manchmal so ausschaut.

Von Ernst Corinth/RND

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