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Nachrichten Medien Das Experiment: Lena Meyer-Landrut und Stefan Raab in der ARD
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17:21 04.03.2010
Von Imre Grimm
Lena Meyer-Landrut aus Hannover trifft am Freitag erstmals auf das ARD-Publikum. Quelle: Uwe Dillenberg
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Jetzt wird’s ernst: Die ARD steigt in die Sendung "Unser Star für Oslo" ein. Erstmals überträgt das Erste am Freitagabend ab 20.15 Uhr live das Grand-Prix-Casting, das bislang nur auf PRO7 lief. Es ist ein Fernsehexperiment mit ungewissem Ausgang: Hunderttausende ARD-Zuschauer werden nicht nur dem herzigen Fräulein Lena Meyer-Landrut aus Hannover zum ersten Mal begegnen, sondern auch diesem TV-Anarchisten, diesem ehemaligen Metzger und Viva-Schreck namens Stefan Raab, dessen Wandlung von „Böörti, Böörti Vogts!“ bis zum gereiften, massenkompatiblen Entertainmentarbeiter dem durchschnittlichen Anne-Will-Gucker doch eher entgangen sein dürfte.

Manchem ARD-Stammgucker wird es wie eine Entweihung vorkommen, wie ein Akt der Piraterie: Dieser Raab hier bei uns im Ersten, PRO7 kapert die ehrbare ARD. Muss das denn sein? Tut das nicht weh?

Tut es nicht. Denn kaum eine Sendung ist so öffentlich-rechtlich wie „Unser Star für Oslo“: Freundlich-faire Juroren, ausgewogene Urteile, sich in Freundschaft umhalsende Kandidaten, wohlwollendes Studiopublikum und dazu ein „Jurypräsident“ namens Raab, dem es teuflisch Spaß zu machen scheint, alle Erwartungen zu unterlaufen, alle Skeptiker in den ARD-Gremien zu enttäuschen und mit Klemmbrett und Anzug seine Seriosität und musikalische Kennerschaft unter Beweis zu stellen.

Vergangene Woche erklärte er in seiner Sendung „TV total“ mittels Flipchart die Amplituden des Vibrato, wie es ein Bildungsonkel des Bayerischen Fernsehens nicht besser gekonnt hätte. Gegen „Unser Star für Oslo“ wirkt Florian Silbereisens „Frühlingsfest der Volksmusik“ wie „Frauentausch“ gegen die „Tagesschau“.

Und dennoch wird es am Freitag spannend. Denn Raabs Kandidaten stehen allesamt für einen unbekümmerten, frischen Nonkonformismus, den die Generation YouTube zwar liebt, der dem Grand-Prix-Traditionalisten aber fremd sein dürfte, der sich zurücksehnt in die Zeiten von Samtroben und Salonorchester. Bisher war „USFO“ eine ziemlich junge Veranstaltung. 1,5 bis zwei Millionen junge Zuschauer werden Raab & Co. von PRO7 ins Erste mitbringen – alle übrigen werden am Freitag deutlich ältere Erstgucker sein.

Schwer zu sagen, was diese mit einem lustig-verzauselten Huckeduster wie Christian Durstewitz anfangen können, der immer ein bisschen so aussieht wie Bob Dylan mit Bettfrisur. Gut möglich, dass sich am Ende tatsächlich alle auf die nette, in Maßen durchgeknallte, adrette, fröhliche Lena Meyer-Landrut einigen können. Keine andere Kandidatin hat das Zeug, dem Rest Europas wie vor vier Wochen dem PRO7-Publikum einen dreiminütiger TV-Erweckungsmoment zu liefern, ein Aha-Erlebnis, das kollektive Verwunderung auslöste: Wer ist das? Wo war die bisher? Und wo kann ich die Platte kaufen?

Wenn man schon vom Kampf der Kulturen sprechen will, vom Aufeinanderprallen zweier Systeme, dann ist dieses mutige Joint-Venture zwischen Öffentlich-Rechtlich (ARD) und Privat (PRO7) viel interessanter als die allseits herbeigeschriebene Konkurrenz zwischen dem braven, sachdienlichen, gelegentlich zur Langatmigkeit neigenden „Unser Star für Oslo“ und Dieter Bohlens schriller RTL-Kinderbeschimpfung „Deutschland sucht den Superstar“.

Der „Spiegel“ hat die angebliche Konkurrenz zwischen „DSDS“ und „USFO“ gar zum Fernduell der Gesellschaftsentwürfe stilisiert, bei dem Dieter Bohlens bildungsfernes Pop-Prekariat aus dem Plattenbau, für das „Erfolg“ vor allem eisenharter Kampf bedeute, gegen die heile Welt von Stefan Raabs singendem Waldorfkindergarten antrete: Bohème gegen Berufsschule.

Dabei sind die Milieus längst durchlässig. Auch bei Bohlen treten Abiturienten an. Der wahre Unterschied besteht darin, dass „USFO“ eine Musiksendung ist und „DSDS“ eben nicht. Ausgerechnet Bohlen, der eiskalte Ausbeuter von Teenie-Träumen, als Anwalt der Chancenlosen – das ist natürlich grober Unfug.

In der „USFO“-Jury sitzen am Freitag Anke Engelke und Ich+Ich-Sänger Adel Tawil. Alle Kandidaten singen diesmal zwei Titel. Das Publikum wählt wieder einen Bewerber raus. Nach dem Halbfinale am nächsten Dienstag (PRO7) bleiben dann zwei Finalisten übrig, die sich am 12. März im ARD-Finale gegenüberstehen.

Erst ab Freitag wird sich entscheiden, ob die „USFO“-Macher ihr Ziel erreichen können: eine nationale Welle auszulösen, die einen Kandidaten nach Oslo spült, der wirklich die volle Rückendeckung der deutschen Grand-Prix-Öffentlichkeit hat. Die Jungen haben vorgearbeitet. Jetzt sind die Erwachsenen dran.

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