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Medien Das Abenteuer Denken - 3sat wird 25 Jahre alt
Nachrichten Medien Das Abenteuer Denken - 3sat wird 25 Jahre alt
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09:25 28.11.2009
Von Imre Grimm
Sie zählt zu den wichtigsten Gesichtern des Dreiländer-Kultursenders 3sat: Esther Schweins mit dem Theatermagazin "Foyer". Quelle: ddp

Es gibt einen Begriff aus der Mathematik, der heißt „3-SAT“. Es handelt sich um – Achtung, Konzentration bitte! – „eine Variante des Erfüllbarkeitsproblems der Aussagenlogik“, die sich mit der Frage beschäftigt, „ob eine in konjunktiver Normalform vorliegende aussagenlogische Formel F, die höchstens drei Literale pro Klausel erhält, erfüllbar ist.“ Das haben Sie nicht verstanden? Das klingt für Sie schwer nach Gert Scobel und seinem Wissensmagazin „scobel“? Dann geht’s Ihnen so wie den meisten anderen Menschen. Nicht mal 3sat-Zuschauer können erklären, was „3-SAT“ bedeutet. Dabei sind die wahrlich an randständige Wissensfragen aus den exotischeren Biotopen der Wissenschaft gewöhnt – von „kaspischen Seegurkentauchern“ bis zu „balinesischen Schamanen“. „3-SAT“ bleibt für Normalmenschen ein Mysterium. Genau wie „3sat“.

Der Kultursender wird 25 Jahre alt. Das ist zunächst mal begrüßenswert. Das Beste an 3sat aber, hat Tote-Hosen-Sänger Campino mal gesagt, ist die Wiederholung des ZDF-„Sportstudios“ in der Nacht zum Sonntag. Das ist natürlich ziemlich fies. Aber es deutet schon mal an, was für den kleinen Kultursender Fluch und Segen zugleich ist: 3sat sendet konsequent an der breiten Masse vorbei. Das ist so gewollt, führt aber eben doch dazu, dass die meiste Zeit quotenmäßig, nun ja, tote Hose herrscht.

Klar, es gibt ein paar Spezialitäten im Programm des Dreiländersenders (den das ZDF gemeinsam mit der ARD, dem österreichischen ORF und dem Schweizer Rundfunk SRG bestückt): „Kulturzeit“ etwa, das einzige tägliche Kulturmagazin im deutschsprachigen Fernsehen, dazu immer mal ein paar hübsche Dokus und rare Spielfilme. Tatsächlich aber wird nicht wenigen die Existenz von 3sat immer erst wieder bewusst, wenn der Sender einen seiner 24-Stunden-Popkonzert-Marathons veranstaltet.

Mit 3sat ist es wie mit McDonald’s, nur umgekehrt: finden alle prima, dass es das gibt, aber kaum einer guckt zu.

Was will 3sat? Der Sender solle „den positiven Kräften der Aufklärung und der deutschsprachigen Geistesgeschichte im modernen Denkraum des Fernsehens eine Ausdrucksfläche geben“, wünscht sich 3sat-Geschäftsführer Gottfried Langenstein etwas pompös. 3sat wolle „denjenigen, die sich den ganzen Tag lang aus dem Internet Bild- und Zahlenmaterial reingeschaufelt haben, am Abend die Möglichkeit geben, das auszuarbeiten und einzuordnen.“

Als 3sat am 1. Dezember 1984 auf Sendung ging, konnten gerade einmal 8000 Haushalte in Ludwigshafen und München das Programm empfangen. Heute erreicht der Kanal (leider nur theoretisch) mehr als 80 Millionen Haushalte. In Österreich ist der 3sat-Marktanteil fast doppelt so hoch wie in Deutschland: 1,9 Prozent gegenüber 1,1 Prozent. Man sah sich als Avantgarde, von Anfang an. „Wir waren so die Verrückten und Wilden“, sagte der frühere 3sat-Koordinator Engelbert Sauter einst. Ungefähr auf die gleiche Art verrückt wie Karl-Theodor zu Guttenberg auf einem AC/DC-Konzert.

Von Anfang an diente 3sat als eine Art Fernseh-Feigenblatt. Das Bildungsbürgertum rechtfertigt mit der gelegentlichen Verfolgung des arte- und 3sat-Programms gern Besitz und Verwendung eines (igitt!) Fernsehgerätes. Und ARD und ZDF verweisen kühl auf die beiden kleinen Kulturableger, wenn mal wieder jemand jammert, sie würden ihren Kulturauftrag vernachlässigen. Was wollt ihr denn? heißt es dann. 3sat zeigt sogar Oper und Theater. Und Tanz! Wo gibt’s denn das heute noch?

Quote? Ist unerheblich. Und trotzdem muss man die Frage stellen, ob Kulturfernsehen zwingend Nischenfernsehen sein muss. Liegt es wirklich daran, dass sich so wenig Menschen für Kultur interessieren? Oder schlicht daran, dass 3sat vielleicht doch nicht der beste denkbare Kultursender ist? Immerhin: Man arbeitet am eigenen Kulturbegriff, hat erkannt, dass nicht nur Ingeborg-Bachmann-Preis und Verdi dazugehören, sondern auch Pop, Comics, Szene, Bollywood und Poetry Slam. In der schillernden Riege der populären deutschen Fernsehschaffenden aber, die einem Sender erst ein eigenes Gesicht geben, gehen die 3sat-Protagonisten fast unter: Gert Scobel gehört dazu, Gero von Boehm („Paläste der Macht“), Esther Schweins mit dem Theatermagazin „Foyer“ und auch die Popbeauftragte Katrin Bauerfeind. Die höchste Quote seiner Geschichte übrigens erzielte 3sat am 23. August 2008 mit dem Thementag „Imperium Romanum“ – und einer „extra“-Ausgabe der „Kulturzeit“ komplett auf Latein: 3,3 Prozent! Da knallten die Sektkorken. Sie ist eben ein besonderes Völkchen, die 3sat-Gemeinde.

„Im Zeitalter der Globalisierung kommt es darauf an, das Abenteuer Denken und das kulturelle Niveau in der Gesellschaft lebendig zu halten“, sagt Langenstein. Das klingt ebenso anstrengend wie anspruchsvoll, passt aber nicht so recht zum aktuellen Sparkurs: Pünktlich zum 25-jährigen Jubiläum hat das federführende ZDF dem Schwestersender eine Budgetkürzung verpasst, die sich mit dem Titel „Strukturreform“ tarnt. Das ZDF legt die Redaktionen von 3sat und dem digitalen ZDF-Theaterkanal zusammen und kürzt das 3sat-Budget für Fremdproduktionen bis 2012 um rund ein Viertel – von 98,8 auf 74,4 Millionen Euro. Der Theaterkanal bekommt dafür mehr Geld und soll Ende 2010 neu ausgerichtet werden – Arbeitstitel „ZDF kultur“.

Frage: Wer braucht dann noch 3sat?

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