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Medien Blogger machen Zeitung
Nachrichten Medien Blogger machen Zeitung
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17:26 30.06.2010
Quelle: dpa
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Zwei Welten treffen aufeinander. Mehr als 20 Blogger haben sich in der Redaktion von „Welt Kompakt“ im 6. Stock des Springer-Hochhauses in Berlin eingefunden. Dort sieht es ein bisschen aus wie auf einer Party. Ein Kellner schenkt Sekt aus, die Stimmung ist gut. Die lässig angezogenen Blogger verteilen sich auf die orangefarbenen Stühle vor Tischen mit Laptops und Kabelgewirr. Doch die Zeit drängt. Ziel ist es, eine gedruckte Zeitungsausgabe zu erstellen, die am nächsten Tag mit über 100 000 Exemplaren am Kiosk verkauft werden soll.

Auf der Titelseite heißt es: „Hilfe, wir drucken das Internet“. Das Blatt erscheint als „Scroll“-Ausgabe, die man quer halten muss. Nach Angaben des Chefredakteurs der „Welt“-Gruppe, Jan-Eric Peters, können die Blogger die Themen selbst auswählen und aufbereiten. Sein Stellvertreter Frank Schmiechen beschäftigt sich seit Jahren mit Projekten, die über das Zeitungsmachen hinausgehen. „Zu dem Experiment hat mich der Wahnsinn gebracht“, berichtet er. „Ich denke manchmal, da draußen steht ein weißer Flügel, aber niemand spielt darauf, keiner nutzt die neuen Möglichkeiten.“ Nun möchte er die getrennten Welten zusammenbringen. Welche Schwerpunkte würden die Blogger setzen? Wie wird die Wahl des Bundespräsidenten aufbereitet? Welche überraschenden Ideen entstehen im Zusammenspiel?

Um nicht ganz bei null anzufangen, haben die Blogger vorgearbeitet und Texte eingereicht. Der leitende Redakteur Matthias Leonhard pinnt die 32 Seiten der Ausgabe an die Wand und erläutert den bisherigen Stand. Eigentlich ist das Blatt schon voll mit zeitlosen Geschichten. Kultblogger Jeff Jarvis, der selbst nicht gekommen ist, hat einen Bericht über Journalismus und seinen Besuch bei der Axel Springer Akademie geschickt. Sebastian von Bomhard wirbt für seinen Artikel über den neuen Bundespräsidenten: „Ein Text, der schon vor drei Wochen geschrieben wurde, aber erst nach der Wahl veröffentlicht wird.“ Der muss gut formuliert sein, wenn er nicht alt wirken soll.

In der Konferenz wird vorgeschlagen, aktuelle Themen - wie die neuen Arbeitslosenzahlen - in die Meldungsspalten zu stecken. Die News sollen nicht länger als die bei Twitter zugelassenen 140 Zeichen sein, vielleicht unter der Überschrift: „Nachrichten, die wir langweilig fanden, aber trotzdem drucken.“ Leonhard verkündet: „Ich sehe keine Nachricht, die so drängt, dass wir eine der großen Geschichten rausschmeißen müssten.“

Manche freuen sich, weil dann ihr Artikel gedruckt wird, andere staunen. Zwar ist für viele Blogger eine Zeitung ein „Medium von gestern“. Mit den vielen vorgefertigten Texten könnte es nun aber sogar eine Ausgabe „von vorgestern“ werden. Tim Cole, der früher bei den „Stuttgarter Nachrichten“ gearbeitet hat, ist nicht glücklich damit. „Ich hätte mir gewünscht, dass wir das meiste austauschen, damit wir aktuell werden.“

Im Laufe des Produktionsprozesses waren die meisten dann doch erleichtert, dass es nicht so viele weiße Flecken zu füllen gab. Die Hauptgeschichte über die Wahl des Staatsoberhaupts wird unter dem Arbeitstitel „Ich und der Bundespräsident“ geplant - jeder Teilnehmer soll ein paar Zeilen dazu schreiben.

Warum lassen sich Blogger auf das Experiment ein? Martina Pickhardt erzählt: „Ich verdiene mit dem Bloggen kein Geld. Aber hier kann ich sehen, wie eine Redaktion arbeitet. Das hilft mir in meinem Job, ich bin Unternehmensberaterin.“ Alexander Broy, ausgebildeter Kameramann, liest schon seit Jahren keine Zeitungen mehr. „Mich langweilt der journalistische Stil. Ich finde es gut, wenn etwas mehr hingerotzt ist und Meinungen enthält.“

Das Experiment zeigt vor allem, wie schwierig es ist, die Arbeit der unterschiedlichen Medien eins zu eins zu übertragen. So kam der Vorschlag, neben den Artikeln weiße Spalten für Anmerkungen der Leser zu lassen - und so die aus dem Internet bekannte Kommentarfunktion in Papierform zu übertragen. „Das weist plakativ darauf hin, dass die Möglichkeiten der Zeitung begrenzt sind“, meint Schmiechen dazu. Sein Fazit lautet: „Wir haben uns abgetastet wie zwei Boxer. Der sich nähernde Redaktionsschluss hat die Lager dann zu einer Mannschaft zusammengeschweißt.“ dpa

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