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Keine Bewegung: Kommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz) hat die Übeltäter im Visier.

Keine Bewegung: Kommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz) hat die Übeltäter im Visier.
 © Foto: ARD

Krimi

ARD-„Tatort“ als Public Viewing in Dollbergen

Tatort Dollbergen: Wichtige Szenen des ARD-Krimis "Böse Erde" an diesem Sonntag um 20.15 Uhr wurden im November 2016 in der Altölraffinerie sowie im und am Einkaufsmarkt im Dorf gedreht. Dabei haben mehr als 90 Komparsen aus Dollbergen und der Umgebung mitgewirkt. Im Gasthaus Höbbel wird der "Tatort" als Public Viewing auf Großbildleinwand gezeigt - Eintritt frei. Handlung: Der Mitarbeiter eines Fracking-Unternehmens stirbt. Die Kommissare Falke und Grosz ermitteln im „Tatort: Böse Erde“ unter zornbebenden Ökoaktivisten. Brisantes Thema – leider lässt Regisseurin Bernardi vieles im Dunkeln.

Hannover. Das Blut spritzt dem Beamten ins Gesicht. Auf seiner Haut unter dem halbgeöffneten Mantel sind überall rote Blasen und Ausschlag zu sehen. Er redet wirr, lacht und guckt sich angestrengt Tabellen an. Aber „Böser Boden“ ist kein experimenteller Tatort.

Das Blut stammt von Ratten des Wissenschaftlers Henry Fohlen (Christian Hockenbrink) vom niedersächsischen Amt für Bergbau. Er soll für das Komissarenduo der Bundespolizei Torsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) ermitteln, ob Boden und Wasser des niedersächsischen Dorfs von der nachbarlichen Frackinganlage vergiftet sind. Kommt daher der Ausschlag auf seiner Haut? Ist es wirklich böser Boden, wie es der Titel des neuen „Tatorts“ verspricht?

Gesundheitsschäden im Erdgas-Abbaugebiet

Genau um diese Frage geht es. Wie schädlich ist die Erdgasförderung mittels „Fracking“? Aufgehängt wird die Frage aber ganz klassisch an einer Leiche: Arash Naderia, Mitarbeiter der Firma Norfrac, stirbt. Vor seinem Ableben fuhr er für das Frackingunternehmen giftiges Schmutzwasser durch den Ort und hatte deswegen schon ordentlich Stress mit den Anwohnern. Die leiden zum Teil nicht nur unter erheblichen Hauterkrankungen, sondern sind auch fanatische Ökoaktivisten, angeführt von Jan Kielsperg (ein beeindruckender Rainer Furch). In einer Szene prügelt er einen Bauern aus Scheeßel nieder, der sein Land für Fracking verkauft hat.

Wer an ökologische Brennpunkte wie Verden (Fracking) oder Goslar (Atomkraft) denkt, liegt richtig. 2016 ließ Niedersachsen die umstrittene Bohrmethode, bei der Erdgas aus großen Tiefen geholt wird, wieder zu. In den USA, wo der Abbau bereits länger praktiziert wird, gibt es mehrere Berichte über verseuchtes Grundwasser und erhöhte Krebsgefahr. Niedersachsen hat Deutschlands größte Erdgasvorkommen. Der Film zeichnet das Dorf und seine enge soziale Struktur sehr präzise. Die Polizisten sind selbst überzeugte Frackinggegner und geraten deswegen immer wieder mit Falke und Grosz aneinander.

Die „Öko-Nazis“ treffen nie auf die Fracking-Chefin

Das ist aber schon das sichtbarste Spannungsverhältnis des Films. Die „Öko-Nazis“, wie die Familie des Toten sie nennt, treffen leider nie direkt auf die blasierte Chefin von Norfrac. Das könnte an der Förderstation liegen, die wie eine Festung inszeniert ist – die Umweltschützer wirken wie Wellen, die sich an den Mauern der Wirtschaft brechen. Auch die norddeutsche Tiefebene ist wohl selten so bedrohlich und mächtig eingefangen worden. Regisseurin Sabine Bernardi lässt vieles im Dunklen und Grauen. Die Bäume der Wälder sind riesig und die aufwendigen Kamerafahrten lassen gerade so viel im Schwarz, dass eine Horrorästhetik durchscheint.

Passend dazu kommt die Geschichte von Georg Lippert und dem Regisseur Marvin Kren, der deutsche Schocker wie „Rammbock“ und „Blutgletscher“ gemacht hat. Eine Verknüpfung zwischen Krens Vorliebe für Zombie-Filme und dem Gift der Frackingabwässer gibt es auch. Machen die Abwässer die Menschen im Dorf zu gefühlskalten Tätern? Das Gift im Boden ist hier mindestens eine Metapher für das Gift in den Köpfen, wenn nicht mehr. Für diese Verschränkung von guter Idee und hochwertiger Regie lohnt sich „Böser Boden“ sehr.

Auftritt der Band AnnenMayKantereit

Als Krimi verstrickt sich der Film allerdings in Klischees. Zwischendurch wird doch tatsächlich noch nach den „Feinden“ des Opfers gefragt. Auch der trottelige Wissenschaftler Fohlen wirkt überzogen und Grosz’ Kälte ist zu konsequent – schon fast apathisch – ausgespielt. Wilke Möhrings Polizist Falke hat dagegen mit seiner neu angenommenen Vaterrolle zu kämpfen, die jedoch etwas sparsam eingestreut wirkt. Dafür ist die Clubszene, in der AnnenMayKantereit ihren Vater-Sohn-Song „Oft gefragt“ vor einem kleinen Publikum spielen, während Falke sein Kind sucht, ein berückender Musikvideo-Moment.

„Böser Boden“ ist hochaktuell. Politischen Fanatismus mit grün-brauner Motivation ist in Deutschland ein Thema. Die Schuldfrage zwischen böser Wirtschaft, Politik und dem wehrhaften Bürger führt der „Tatort“ zwar kurz aus – die Exekution des Krimis selbst, schwächelt aber.

Von Jan Heemann / RND und Anette Wulf-Dettmer


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