Vor fast genau 30 Jahren verschwand der damals dreijährige Dirk im Ostharz. Die Polizei in der DDR gab die Suche nach dem Jungen schnell auf, seine Mutter allerdings nicht. Sie wurde deswegen verhaftet, wurde freigekauft, wohnt nun im Kreis Gifhorn – und ist davon überzeugt, dass ihr Sohn Dirk noch lebt. Sie hat ein Phantombild anfertigen lassen, das zeigt, wie Dirk heute aussehen könnte.
Seit 30 Jahren spurlos verschwunden: Dirk Stein
VON CHRISTIAN LOMOTH
Sie machten Urlaub im Harz – im Jahrhundertwinter 1979. Auch am 10. März fegte der eisige Wind durch das tief verschneite Gebirge. Die Kinder spielten auf dem komplett zugefrorenen Bach – es war der Tag, an dem Heidi Stein ihren damals dreijährigen Sohn Dirk das letzte Mal sah.
Es war an der Heimkehle nahe des Ortes Rottleberode im Ostharz. Die Eltern hatten den Urlaub im Ferienheim von der Gewerkschaft zugeteilt bekommen und waren gerade auf einem Parkplatz. Sie verstauten ein paar Gurken, die zu DDR-Zeiten damals rar waren. Rund 150 Meter vom Bach entfernt. Dann kam die damals sechsjährige Tochter Silvia über die Wiese angestapft. „Wir fragten natürlich sofort, wo Dirk ist“, erzählt Heidi Stein. „Sie drehte sich nur um, und sagte, der müsste eigentlich direkt hinter mir sein.“ War er aber nicht. „Vermutlich ist er den Weg gegangen, er war sehr auf Sicherheit bedacht.“
Die Eltern alarmierten die Feuerwehr. Die Retter kamen, suchten den Jungen. Kurze Zeit später stieß noch ein Mann – und die Aktion wurde abgebrochen. „Es hieß, Dirk sei wohl eingebrochen. Aber es standen 15 Feuerwehrleute auf dem Eis und hantierten mit Brechmitteln, um die Eisdecke aufzubekommen“, erinnert sich die Mutter. Sie wohnt jetzt in Isenbüttel im Kreis Gifhorn und sucht ihren Sohn seit fast 30 Jahren.
Erst 2007 hat sie aus einer Akte erfahren, dass der Mann, der so plötzlich kam, von der Stasi war. „Das war so, als ob hier der Bundesnachrichtendienst kommt, wenn ein Junge verschwindet.“
Dirk wurde nicht gefunden, der Rest der Familie fuhr heim nach Görlitz. „Auf dem Rückweg fiel mir dann plötzlich ein, dass da noch ein anderes Auto am Weg stand. Ein blauer Moskwitsch. Kein Auto, das von einem Normalbürger gefahren wurde.“ Sie meldete das der Polizei.
Ernsthaft gesucht wurde offenbar aber nicht mehr nach Dirk. „Man wollte mir dann weismachen, dass mein Sohn wohl in einem Fluss in der Nähe gefallen und ertrunken wäre. Den haben wohl die Fische gefressen, sagte mal ein Polizist zu mir. Aber erstens war Dirk dort nicht, und zweitens hätte man seine Leiche finden müssen. Und die hätten sie mir ja gerne präsentiert, dann wäre ich ja ruhig gewesen.“
Denn das war die Mutter nicht. „Jeden zweiten Tag bin ich zur Polizei, die fanden mich dann schnell lästig.“ Sie wurde wieder schwanger. „Da sagte ein Polizist, was regen Sie sich so auf, es kommt doch schon wieder Ersatz. Da wurde ich böse, habe mich an Berlin gewandt, ans Ministerium, an Herrn Honecker.“ Die einizige Antwort: Ihre Anfrage sei arrogant.
Zwischendurch bekam sie nochmals Besuch von einem Stasi-Mitarbeiter aus Berlin, der sie über den Moskwitsch aufklärte. „Er sagte, dass die Besitzer des Autos nicht mit uns reden wollten, selber drei Kinder haben und nach Moskau geflogen sind. Sie hätten es also nicht nötig, ein Kind zu entführen.“ Dabei hat sie an eine solche Möglichkeit bislang gar nicht gedacht. „So etwas gab es in der DDR ja gar nicht.“
Über die möglichen Gründe für Dirks Verschwinden hat sie viel nachgedacht. „Bei Dirk wurden auch Fontanellen, also runde weiche Stellen Kopf festgestellt. Das ist eine Erbkrankheit und ist sehr selten.“ Ein Grund für eine Entführung? „Das kann eine Möglichkeit sein.“ Eine andere: „Vielleicht wurde er von einem Auto angefahren und ins Innere reingezerrt.“ Da wäre man wieder beim Moskwitsch.
Hilfe zur Auflärung gab es jedenfalls in der DDR nicht mehr. Schließlich wandte sich Heidi Stein verzweifelt an den Westen, über ihre in Salzgitter lebende Cousine. Sie ließ Briefe schicken ans Rote Kreuz, amnesyte international und andere Organisationen. Bis 1982.
Sie brachte die jüngste Tochter gerade zum Kindergarten – und wurde noch auf dem Parkplatz verhaftet. „Ohne einen Grund zu nennen, wurden mein Mann und ich nach Dresden gebracht.“ Eineinhalb Jahre saß sie dort in U-Haft, schließlich wurde sie am 8. Mai 1983 verurteilt: Viereinjahre Haft. Auf Grund des Paragrafen 99 („Landesverräterische Nachrichtenübermittlung“). In dem stand das Verbot, ausländischen Organisationen (...) sowie deren Helfern“ Informationen zukommen zu lassen, die „zum Nachteil der Interessen der DDR“ sind. Das Gesetz behandelt ausdrücklich Nachrichten, die nicht der Geheimhaltung unterliegen. „Ein Art Gummiparagraf, der für vieles genutzt wurde.“ Die Mutter kam nach Bautzen.
Ein Jahr später wurde sie und ihr Mann freigekauft, am 15. März 1984 kam sie nach Gießen. Zwei Monate später folgten die Kinder, gemeinsam zogen sie nach Salzgitter. „Ich dachte, vom Westen aus wird die Suche nach Dirk leichter.“ Aber es passierte nichts. Bis zur Grenzöffnung.
„Ich bin natürlich sofort rüber gefahren und habe vor Ort nachgefragt.“ Sie erfuhr, dass der damals zuständige Staatsanwalt nie etwas von dem Moskwitsch erfahren hatte. Sie erfuhr, dass es Akten gab, die aber kreuz und quer durch die DDR geschickt worden sind. Mit Hilfe der Chefin des Mauermuseums am Berliner Checkpoint Charlie, in der das Schicksal von Dirk dargestellt ist, bekam sie die wichtigste Akte.
Heidi Stein, inzwischen von ihrem Mann getrennt, bekam Fotos zu sehen, die vom Tag des Verschwindens sein sollen. „Aber da schien die Sonne auf den Fotos, es war eine Lüge.“ Sie bekam ein offizielles Dokument der Volkspolizei Görlitz, auf dem stand, dass ihr Sohn seit 1983 nach einer Reise in die Volksrepublik Ungarn vermisst wird. Nur der entscheidende Hinweis auf die Wahrheit, der fehlt. „Die weiß wohl nur ein sehr kleiner Zirkel.“
Hoffnung kam auf, als sich nach einer Fernsehreportage über ihren Fall ein Ex-Stasi-Mann meldete und behauptete, über das Schicksal Dirks Bescheid zu wissen. Er berichtete von einem Kinderheim, von einem Jungen, der adoptiert wurde. Heidi Stein forschte nach, „aber die Mutter des Jungen war eine Mörderin, hieß es“. Vielleicht aber war auch das eine Falschinformnation, sie will diese Spur noch einmal verfolgen. Hilfe vom Stasi-Mann bekommt sie nicht mehr. „Der hat dann alles widerrufen und will nicht mehr reden.“
Das alles hat sie gesundheitlich enorm zurück geworfen. „Ich hatte nach der Geschichte mit dem Mann monatelang Depressionen, bin hinten weggeschleudert“, erzählt die 57-Jährige. Einer von vielen Rückschlägen. Aber sie fängt sich immer wieder, macht weiter, veröffentlicht ihre Geschichte im Internet (www.dirkvermisst.blog.de), will sich an russische Stellen wenden, will das Phantombild so viel wie möglich veröffentlichen, wendet sich immer wieder an Behörden und bittet um Hilfe. „Ich muss ja weitermachen. Ich stelle mir Dirk ja immer noch als Dreieinhalbjährigen vor. Da fehlen ja 30 Jahre dazwischen.“
Heidi Stein blieben von ihrem Sohn nur einige Fotos
Das war ein Schock: Viereinhalb Jahre Haft, „und dann auch noch Bautzen II. Das war eines der schlimmsten Gefängnisse in der DDR“, sagt Heidi Stein. „Das war wie ein Zuchthaus, da kamen nur politische Gefangene hin.“ Andere mit ähnlichen Delikten kamen nach Halle oder Cottbus.
Zuerst war sie in einer Dreier-, dann in eine Einzelzelle. „Die war ganz hinten links. Man war total isoliert. Es war immer kalt und nass, alles war total runtergekommen. Es war einfach eine furchtbare Zeit.“ Die nach rund einem Jahr beendet wurde, dann wurde sie auf Vermittlung des Rechtsanwalts und Unterhändlers Wolfgang Vogel von der Bundesrepublik freigekauft.
Inzwischen ist Bautzen eine Gedenkstätte, und für Heidi Stein war es ein Trauma, dorthin zurück zu kehren. „Da kriegt man einen Schock.“ Und was fassungslos macht: „Die Mitarbeiter von früher arbeiten jetzt einfach in einem anderen Knast, das ist unvorstellbar.“
Blonde Haare, kräftig: So könnte Dirk Stein heute aussehen
Irgendwann kam die Idee auf, ein Phantombild zu erstellen – so könnte Dirk jetzt aussehen. „Ich habe von der Möglichkeit erfahren und habe dann ganz viele Leute und Institutionen in Deutschland angefragt“, sagt Heidi Stein. „Aber es gab überall nur Absagen.“
Schließlich fragte sie bei einem Spezialisten in Kanada an und landete über den Umweg USA schließlich bei einem Spezialisten in Rumänien. „Der hat auch schon mal fürs FBI gearbeitet.“ Dem schickte sie alte Bilder von Dirk und ihrer Tochter, dazu Fotos von ihr und dem Vater, als die beiden um die 30 Jahre alt waren. Daraus gestaltete der Mann das Phantombild. Das könnte passen: „So sehen mein Cousin und mein Neffe auch aus.“ Günstig ist das aber nicht: Das Bild hat rund 1000 Dollar gekostet.
Seit 30 Jahren spurlos verschwunden: Dirk Stein
Die Stasi ist Vergangenheit? Darüber kann Heidi Stein nur bitter lachen. „Die Stasi lebt, das ist noch lange nicht zu Ende. Ganz im Gegenteil.“ Davon ist die 57-Jährige überzeugt.
Sie hilft Stasi-Opfern in Niedersachsen, „die hier nicht klarkommen, die Ärger mit den Behörden haben oder Ähnliches“. Dafür arbeitet sie ehrenamtlich in einem Verein. Und sie spricht von Stasi-Opfern, die derzeit immer noch verfolgt werden – zu denen zählt sie sich auch. „Neulich kam ein Angebot über eine Lebensversicherung mit Invalidenrente zu uns. Dann haben wir einen Rollstuhl zugeschickt bekommen, kommentarlos. Oder auch mal Kinderklamotten. Und es gibt häufige Anrufe spätabends, wo dann einfach aufgelegt wird.“
Sie kann auch von weiteren Opfern des Stalkings berichten, und für sie ist klar: „Da steckt die Stasi dahinter, die beobachtet uns noch ganz genau.“
Beim Verein Stasiopfer-Selbsthilfe gibt es auch ein Spendenkonto für ihre Arbeit und für ihre Suche nach Dirk.
Netzwerk Stasiopfer Selbsthilfe
Kreissparkasse Steinfurt
Bankleitzahl 40351060
Konto: 72032592
Verwendung: Suche nach Dirk
Es ist ein nasskalter Freitag in Dresden, dieser 28. Dezember 1984. Schneeregen fällt aus der grauen Wolkendecke, als Leonore (24) und Eberhard Tschök (28) ihren Sohn Felix in seinem Cordkinderwagen vor dem Centrum-Warenhaus abstellen. Ganz links parken sie den fünf Monate alten Säugling, sechs Kinderwagen stehen bereits dort, teilweise leer, teilweise mit Babys drin. Die Tschöks bummeln durch den Laden – und als sie eine halbe Stunde später wiederkommen, ist der Junge weg.
Nur der Wagen steht noch dort. Das Mädchen im Nachbarwagen liegt da wie vor einer halben Stunde, auch die anderen Babys sind alle da. Nur Felix fehlt. In Dresden war es damals durchaus üblich, sein Kind im Kinderwagen vor einem Geschäft kurz stehenzulassen.
Eine der größten Fahndungen der DDR-Geschichte beginnt, die Spuren führen zu russischen Militärangehörigen, die in Dresden stationiert sind. Doch die Sowjets verweigern die Zusammenarbeit mit den deutschen Ermittlern – der Fall wandert ins Archiv.
23 Jahre später kommt wieder Bewegung in den Fall: Nach Medienberichten teilten russische Behörden sächsischen Ermittlern jetzt die Namen von vier verdächtigen Männern mit. Die vier Russen sollen 1984 als hochrangige Angehörige der sowjetischen Streitkräfte mit ihren Frauen in Dresden gelebt und auch Kinder gehabt haben.
Den Impuls soll Russlands damaliger Präsident Wladimir Putin gegeben haben: Bei seinem Besuch in Dresden im Oktober 2006 demonstrierten die Tschöks in Sichtweite des Kreml-Chefs mit einem Plakat mit der Aufschrift „Herr Putin, helfen Sie uns bitte! Wo ist unser Sohn Felix?“. Die Familie wollte den russischen Präsidenten auf sich aufmerksam machen – und das war wohl gelungen.
Putin hatte 1985 den KGB in Dresden geleitet und muss von der Suchaktion „Operation Felix“ gewusst haben. Zudem stellte im Frühjahr 2007 die Dresdner Staatsanwaltschaft offizielle Rechtshilfegesuche bei den russischen und weißrussischen Behörden, um den Aufenthaltsort von Felix ausfindig zu machen.
Die russischen Ermittler stießen schließlich auf Risadtin Sultanow aus dem baschkirischen Ufa. Er hatte 1984 als Hauptbuchhalter in einem Armee-Handelsunternehmen in Dresden gedient und war schon damals ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. Die Dresdner Ermittler glaubten damals, dass Sultanow Felix Tschök gegen ein krankes russisches Baby ausgetauscht hatte. Am 6. Januar 1985 war in Dresden nämlich ein ausgesetzter einjähriger Junge gefunden worden. Das Baby lag in einem Karton der Moskauer Firma Roter Stern – diese Spur führte zur Roten Armee.
Zudem befanden sich am Schnuller Speichelreste von zwei Babys – sowohl die Blutgruppe des Findelkindes als auch die von Felix ließen sich nachweisen. Sultanow wurde verhört, stundenlang, damals und jetzt wieder. Man führte einen DNA-Test durch. Doch der Verdacht erhärtete sich nicht.
Leonore und Eberhard Tschök suchen noch heute nach ihrem Sohn Felix, der nun 25 Jahre alt sein muss. Sie haben zwei weitere Kinder bekommen.
www.dirkvermisst.blog.de
www.kaiheidi1.de.tl
www.stasiopfer-selbsthilfe.de
www.wo-ist-felix.de
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