Autoliebhaber Otto Weymann betätigt bei seinem VW Käfer die Kurbel zum Starten des Fahrzeuges.
VON CARSTEN ALBERT
Kassel. Otto Weymann drückt den Startknopf am Armaturenbrett. Der Anlasser orgelt, stotternd spuckt der Motor eine blaue Dunstwolke aus dem Auspuff - röchelnd stirbt die Maschine ab. Zweiter Versuch. Der 74-Jährige zieht gefühlvoll am Choke und tritt beherzt aufs Gas. Die 24,5 PS heulen kurz auf, dann tuckert der Vierzylinder gleichmäßig vor sich hin. "Ein echtes Porschegefühl", freut sich Weymann. Der Autoliebhaber aus Simmershausen bei Kassel besitzt den ältesten noch angemeldeten VW Käfer. Erstzulassung: 20. Mai 1942. Über die Wintermonate wird der Oldtimer im Technikmuseum Kassel ausgestellt.
"Schon als Achtjähriger war ich vom Käfer fasziniert", sagt Weymann. Sein Vater habe einen Opel Olympia gefahren. "Total anfällig. Der war ständig in der Werkstatt." Als kleiner Steppke habe er dem Kfz-Meister immer über die Schulter geschaut und mit ihm über Autos gefachsimpelt. Schnell war dem heute 74-jährigen damals klar: "Mit dem Käfer gibt's keinen Ärger, der springt immer an."
Der Beginn einer Leidenschaft. Allerdings keiner beruflichen: Weymann ist Gold- und Silberschmiedemeister. Zwischenzeitlich hatte Weymann gleich sechs der Autos mit den runden Kotflügeln und der unverkennbaren Kofferraumhaube unter seinem Carport stehen. Vor 36 Jahren kam der 1942er dazu. 1.200 Kubikzentimeter Hubraum, 6,5 Liter Verbrauch, 100 Stundenkilometer schnell, geteilte, brezelförmige Heckscheibe. "Das war nicht mein erster 'Brezel', aber mein wertvollster", sagt der Sammler.
Ob der 1942 gebaute Pkw allerdings wirklich vom Stoßfänger bis zur Radnabe ein waschechter Käfer ist, darüber sind sich Experten uneinig: Während des zweiten Weltkrieges sind hauptsächlich Militärfahrzeuge in Wolfsburg vom Band gelaufen. Eckberth von Witzleben, Historiker im Wolfsburger Volkswagen-Museum sagt: "Das Fahrgestell des Weymann-Käfers ist von einem 1942er Kübelwagen, die Karosse ist ein Typ 51. Also ein Nachkriegsmodell." Trotzdem bestätigt der Oldtimer-Spezialist: "Es ist zweifelsfrei ein historisches Fahrzeug."
Sein Kollege vom Kasseler Technikmuseum, wo das Auto derzeit zu sehen ist, trifft derartig feine Unterscheidungen nicht: "Es ist der älteste noch fahrbereite Käfer. Das ist einfach so", sagt Museumsgeschäftsführer Bernd Scott. Bei Sammlern jedenfalls ist das in Kassel zugelassene Fahrzeug weltweit bekannt. "Zuletzt hat mich ein kalifornischer Millionär angerufen und mir 60.000 Euro dafür geboten", erzählt der Besitzer. "Aber das Auto ist natürlich unverkäuflich." Auch das Wolfsburger Museum hätte den Oldtimer gerne als Exponat. "Die kriegen ihn aber auch nicht", sagt Weymann und schüttelt grinsend den Kopf. "Es reicht, dass sie 1999 das älteste Serien-Cabrio von mir bekommen haben. Einen 1949er Käfer."
Weymann erinnert sich noch genau, wie er 1975 sein wertvollstes Stück erstanden hat. "Ich habe das erste europaweite Käfertreffen in Fuldatal organisiert. Viele Medien haben berichtet", erzählt er. Daraufhin habe sich ein Mann aus München bei ihm gemeldet und ihm einen "Brezel" zum Verkauf angeboten. Käfer-Experte Weymann ahnte, dass es sich um eine echte Rarität handeln könnte. "Dass es der älteste noch zugelassene Käfer ist, habe ich erst allmählich herausgefunden." Ein Glücksgriff.
Der Gold- und Silberschmied hat ein Händchen für derartige Geschäfte. Auch das erste Auto, das 1989 nach dem Mauerfall den Besitzer von Ost nach West wechselte, nennt er sein eigen. Und klar, es ist ein Käfer - "was sonst!" Baujahr 1945. Als Denkmal deutsch-deutscher Geschichte steht der Wagen in Weymanns Garten. Zwei Eichen wachsen durch die rostige Karosse.
Dagegen hat der 1942er nicht das kleinste Bläschen im Lack. Weymann hegt und pflegt den Oldtimer. Nur neue Sitzbezüge und eine neue Außenlackierung seien nach dem Kauf nötig gewesen. "Der Wagen hatte damals schon gut 700.000 Kilometer auf der Achse", berichtet Weymann. Er selbst habe noch einmal knapp 70.000 drauf gefahren. Allerdings sei von einem der vier Vorbesitzer nach 300.000 Kilometern eine Austauschmaschine von 1950 eingebaut worden. "Die läuft einwandfrei."
Auch beim TÜV habe er noch nie Probleme bekommen. "Da wird mehr gestaunt als geprüft." Mit seinem zuverlässigen Gefährt war der Handwerksmeister vor vier Jahren sogar am Nordkap. 7.000 Kilometer in 22 Tagen. "Für mich ist der Käfer ein normaler Gebrauchsgegenstand", sagt der 74-Jährige. Nur im Winter stelle er seinen "Brezel" vorübergehend ins Kasseler Technik-Museum. Dort ist der Wagen bis April in einer Sonderausstellung zu bewundern. (dapd)