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Kultur Zwei Stunden Abriss mit den Donots
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14:13 11.03.2018
Im Capitol: Die Donots (von links) Alex Siedenbiebel, Ingo und Guido Knollmann. , Quelle: Florian Petrow

Er macht es tatsächlich, hat noch gezögert, kommt nicht heraus aus der Nummer, weil den Mund zu voll genommen, und dann springt Ingo Knollmann vom Balkon des Capitol hinunter auf die wogenden Menschenmenge. Und das Klima beim Donots-Konzert, auf das schon vorher jeder Schulturnhalle neidisch gewesen wäre, wandelt sich endgültig Richtung Dampfbad.

Es ist ein bemerkenswertes Konzert, ausgelassen, frohgemut und hysterisch. Eine Band aus Mittvierzigern, seit 24 Jahren im Geschäft, spielt das zweite Konzert der aktuellen Tour in Hannover, und nicht nur Knollmann fragt sich hinterher, was nun noch kommen soll.

Die Bierbecher und – warum auch immer – Spielkarten fliegen schon beim ersten Song („Geschichten vom Boden“) durch den Club, die Leiber der Fans ab dem zweiten („Keiner kommt hier lebend raus“), und ab dem dritten entsteht im Saal ein Moshpit – „Menschengulasch“, wie es Knollmann nennt –, während oben auf dem Balkon die Teenagermädchen aufgereiht stehen wie ein Mädchenchor und jeden Text mitsingen. „Wir fahren den Zug hier mit 250 Sachen gegen die Wand“, hatte Knollmann angedreht, und die Wucht wächst nur noch.

„Nazis raus!“ – auf der Bühne weht die Antifa-Fahne, hinten steht ein Stand von „Kein Bock auf Nazis“. Die Welt sei doch schon beschissen genug, findet Knollmann und erinnert an den Auftritt der Band am Vormittag in der IGS Roderbruch: „Die Kinder und ich waren uns einig: Nazis sind scheiße.“ Es gibt offenbar noch eine Sehnsucht nach linkem Widerstand in diesem Land. „Wenn wir gehen, dann gemeinsam, und wenn’s sein muss, vor die Hunde“, singen sie in „Die letzte letzte Runde“. Untergang und Spaß dabei.

Die Songs, von „Ich mach nicht mehr mit“ über „Dann ohne mich“ bis „Das Ende der Welt ist längst vorbei“, liefern den Soundtrack dazu. Ein anarchistischer Tanz auf dem Balkon. Ingo Knollmann und sein Bruder Guido sind permanent in Bewegung. Schlagzeuger Eike Herwig verschwindet hinter einem Wirbel aus Matte und Schlegel. Bassist Jan Poggemann und Gitarrist Alex Siedenbiebel geben die Ruhepole an den Bühnenrändern.

Die Donots spielen sich vor allem durch das aktuelle Album „Lauter als Bomben“, das zweite deutschsprachige der Band. Die Texte sind griffig, die Melodien komplexer; zum guten alten Partypunk gesellen sich Einflüsse aus Britpop, Metal und auch Pop. Dazu Klassiker wie „Whatever happened to the 80s“ und sogar noch eine Coverversion von Twisted Sisters „We’re not gonna take it“.

Die Fans feiern, als wär’s das letzte und das erste Mal zugleich. Die Band: fassungslos. „Was hier heute Abend passiert, ist mit weitem, weitem Abstand das Verrückteste, was uns je passiert ist in dieser Stadt“, sagt Knollmann. und dann spielen die beiden Knollmanns nach zwei Stunden mit neun Liedern, nachdem die Setlist längst durch ist, noch ein Lied, mitten im Publikum „Hansaring, 2:10 Uhr“. Und wirken, als könnten sie ihr Glück kaum fassen.

Ein NP-Interview mit Ingo Knollmann finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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