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Kultur Zuhause im Gleisdreieck
Nachrichten Kultur Zuhause im Gleisdreieck
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13:27 03.03.2017
Gute Aussichten: Joy Denalane und der Himmel über Berlin. Quelle: Eva Baales
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Hannover

Der Vater Südafrikaner, die Mutter Heidelbergerin, sie selbst Berlinerin durch und durch, aufgewachsen am „Gleisdreieck“ im Stadtteil Schöneberg: Danach hat die Soulsängerin Joy Denalane (43) ihr neues Album benannt, das erste seit sechs Jahren. Ein Gespräch über Identität und Wandel.

Was bedeutet das Gleisdreieck für Sie?

Es ist zunächst ja mal eine U-Bahnstation. An dieser Haltestelle habe ich als Kind gewohnt. Inzwischen hat es sich massiv geändert. Es gibt den Potsdamer Platz, es gibt Gentrifizierung, es gibt den Gleisdreieckpark, der sich durch zwei Bezirke zieht. Aber damals war dort viel gar nichts. Es gab die Mauer, brache Flächen und den U-Bahnhof. Da wurde ich geprägt.

Das Gleisdreieck als Tabula Rasa, als Ort, an dem etwas beginnen kann?

Auf jeden Fall. Ich habe diesen Ort als Kind auch nie in Frage gestellt. Wir lebten in einem sozialen Wohnungsbau, aber für mich war es paradiesisch: eine Maisonette-Wohnung mit Zentralheizung, und kommend aus einem maroden Altbau mit Ofenheizung. Und das Schöne an der Gegend war, dass es viele Kinder gab, aus Elternhäusern mit verschiedensten Lebensentwürfen. Wir waren eine riesengroße heterogene Kinderclique.

Ein Gleisdreieck ist ein Ort, an dem sich Wege kreuzen ...

Als poetisches Bild finde ich es sehr stark. Es geht um Möglichkeiten: Man kann umsteigen, sich begegnen und sich verabschieden. Und als ich dann noch mit meinem Grafiker die südafrikanische Flagge gebaut habe, alle Farben rausnahm, und da war plötzlich ein Gleisdreieck, gab es keinen Weg von diesem Titel zurück.

„Zuhause ist für mich ein Ort der Sicherheit.“

Das Album endet mit „Zuhause“. Ist das Gleisdreieck Ihr Zuhause?.

Das Video dazu haben wir tatsächlich am Gleisdreieck gedreht. Aber Zuhause ist für mich mehr ein Ort der Sicherheit, des Rückzugs, ein Ort, wo man mit seinen Liebsten Zeit verbringen kann. Es ist keine Selbstverständlichkeit, diesen Ort zu finden. Den Song allerdings habe ich – mit Alexander Freund – geschrieben, nach einer sehr unschönen Begegnung.

Erzählen Sie.

Ich musste mich damit auseinandersetzen, dass ich vielleicht doch nicht ganz dazu gehöre. Es war eine Begegnung mit zwei Damen, die komische Dinge über Ausländer und Flüchtlinge erzählt hatten über Ausländer und Flüchtlinge, laut und während ich dabeistand. Die letzten zwei, drei Jahre waren für mich erschreckend. Ich fühle mich oft nicht mehr ganz sicher in diesen Straßen, die doch auch meine Heimat sind.

Das macht Ihnen Angst.

Ich fühle mich nicht gewappnet. Ich kann mich zwar verbal wehren, aber wenn man mich körperlich angeht, komme ich natürlich an meine Grenzen.

„Ich hatte immer wieder unschöne rassistische Begegnungen.“

Gleichwohl haben Sie eine sehr sanfte Art der Auseinandersetzung gewählt. In diesem Lied wenden Sie sich an Ihre verstorbene Mutter. Warum?

Der Song spiegelt eine Situation, in der ich ratlos und verletzt war. Mit diesem Gefühl wäre ich sonst immer zu meiner Mutter gegangen. Ich hatte in meiner Kindheit und Jugend immer wieder unschöne, rassistische Begegnungen. Aber unsere Mutter hat uns beigebracht, dass es diese Form der Realität gibt – und dass sie absolut inakzeptabel ist. Mit dieser Haltung bin ich immer schon durchs Leben gegangen. Und darum habe ich diese Form für das Lied gewählt – vielleicht ein Versuch des Dialogs.

„Mit dir“, das Lied, mit dem es bei Ihnen losging, wird dieses Jahr 18 Jahre alt, also erwachsen. Beschreibt das Album vielleicht auch ein Erwachsenwerden?

Nicht jeder Song ist autobiografisch, das ist klar. Die Songs sind aus Gesprächen und Gedanken entstanden. Es ist mit Sicherheit ein Einblick in meine Seele – wie bei allen Künstlern.

Sie singen: „Die beste Zeit ist morgens“ – weil der Morgen für einen Neuanfang steht?

Stillstand bedeutet für mich das Ende, und die Bewegung ist eine meiner Maximen.

Womit wir wieder beim Gleisdreieck sind.

Genau, da ist auch alles immer in Bewegung.

Von Stefan Gohlisch

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