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Kultur Wir sind Helden: "Hannover muss dabei sein!"
Nachrichten Kultur Wir sind Helden: "Hannover muss dabei sein!"
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18:39 23.08.2010
Die Musik steht im Mittelpunkt: Wir-sind-Helden Keyboarder Jens Eckhoff alias Jean-Michel Tourette erzählt über das neue Album "Bring mich nach Hause".
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VON MATTHIAS HALBIG UND SEBASTIAN SCHERER

War es schwer, nach so langer Zeit wieder zusammenzufinden?

Weil das letzte Album 2007 erschien, wird das immer so als Dreijahrespause beschrieben. Aber eigentlich wars nur ein halbes Jahr nach den letzten Konzerten 2008, dass wir die Band ruhen ließen, um mal das zu machen, was wir wollten. Aber auch da haben wir uns gesehen. Ich habe die Band Tanner produziert und Judith hat mir bei einigen Texten geholfen. Man kann ja doch nicht voneinander lassen. Im Februar 2009 haben wir dann angefangen, wieder Musik zu machen. Der Prozess war sehr offen und sehr langwierig und wir hatten uns zu diesem Zeitpunkt auch noch keinen Plan gemacht, wann wir ins Studio wollten und wann Veröffentlichung sein soll.

Es hat sich auch privat einiges getan.

Ja. Zwischendurch sind auch noch zwei weitere Bandbabys entstanden. Und das tat diesem ganzen kreativen Prozess gut, dass der mal entzerrt wurde, dass man nicht schon auf der Tour wieder damit anfing, Songs zu schreiben. Man konnte diesmal wirklich an den Liedern feilen, auch welche verwerfen, neue Instrumente ausprobieren.

„Bring mich nach Hause“ klingt nach „Let it be“, Abschied, Endzeit.

(lacht) Nein, keine Angst. Ein Albumtitel ist bei uns ja immer ein mittelschweres Thema. Man hat eine Kollektion Songs und will denen allen mit so einem Titel ein Zuhause geben. Wir stellten fest, dass in vielen Texten eine Sehnsucht mitschwingt, eine Verlorenheit, ein Auf-der-Suche-Sein. Und weil man einen Titel auch nicht aus dem Nichts zieht, sondern aus den vorhandenen Worten, war dieses „Bring mich nach Hause“ eben genau das Richtige. Auf den zweiten Blick allerdings erst. Auf den ersten dachten wir: ,Och, das knallt ja gar nicht‘. Dann haben wir ihn ein paar Tage ruhen lassen, und kamen zu dem Schluss: ,Das Album knallt ja auch nicht‘. Es ist jetzt aber beileibe keine neue Innerlichkeit bei uns entstanden.

Ist der Titelsong des Albums in der Zeit vor der Pause entstanden, als die Band von jahrelanger Dauerbelastung erschöpft war?

Auf jeden Fall ist der Songtext von Judith sehr persönlich, er spiegelt ihren Seelenzustand zu jener Zeit. Der ist heute schon wieder ein anderer, und sie ist in aktuellen Gesprächen erstaunt über sich selbst, dass sie das damals so empfunden hat. Aber sie war ausgebrannt und leer. Und so romantisch wir das auch immer versucht haben, nach außen darzustellen, wie es ist, mit Kind auf Tour zu sein, so schwierig war das auch.

Warum?

Beim ersten Kind ist man absolut anti-leger, sehr konzentriert: 100 Prozent fürs Kind da sein, 100 Prozent für die Band da sein, minus 100 Prozent für sich selber. Das geht nicht.

Sie sind auch Vater geworden. Wie ist das bei Ihnen?

Ich kanns vollkommen genießen, es hat mein Leben unfassbar bereichert. Aber es gibt auch nie gekannte Verlustängste.

Im Alltag: Sie wickeln den kleinen Konrad und tragen ihn durch die Wohnung?

Klar (lacht). Ich bin ja nicht unterm Sauerstoffzelt und muss mich regenerieren von meiner Kunst. Ich bin Vater.

Planen Sie das Bandleben durch den Nachwuchs anders als früher?

Wir haben uns derzeit viel vorgenommen und wenig realisiert. Wir hättens wissen müssen, dass sich die Sachen überschlagen, und dass man für die Promomaschine ganz viel Zeit braucht. Pola hat sich diesmal ganz rausgezogen, um die Kinder zu hüten. Früher wollten wir immer überall als Band auftauchen, jetzt ist uns das ein bisschen egaler geworden.

Arbeiten Sie heute anders an den Songs, arbeiten die Bandmitglieder getrennt?

Erstaunlicherweise nicht. Beim letzten Album, „Soundso“, war jeder für sich im Studio, was uns nicht so gefallen hat. Man muss sich befruchten, braucht das Feedback.

Die Synthie-Anteile im Helden-Sound sind weniger, man hört mehr Naturklang. War das für Sie als Keyboarder schwer?

Ich habe geradezu darauf gedrängt. Bei jedem Aufnahmeprogramm werden heutzutage doch 30 bis 40 Software-Synthesizer drauf. Das wird schnell uninspirierend. Ich hab gesagt, lasst uns Instrumente kaufen, auch obskure Sachen, die wir gar nicht spielen können, Banjo und Akkordeon. Mal kucken, was passiert. Es sind durchaus Synthesizer auf dem Album, aber das sind Uralt-Synthis.

Bei „Im Auge des Sturms“ werden die Helden sogar psychedelisch und enden mit ihrem ersten Schweinerocksolo.

Das hat irrsinnig Spaß gemacht. Auf sowas kommt mannicht, wenn man am Computer rumbastelst, sondern wenn man als Band spielt. Das war ursprünglich ein Gedicht, kein Song und wir haben dazu gejammt. Das am Ende so ausbrechen zu lassen, passte zu dem Sturm im Text. Als wir merkten, wir klingen wie die Stones Ende der 60er, war das ein gutes Gefühl. Obwohl wir in dieser Musik gar nicht so wahnsinnig tief drin sitzen.

Ist „Meine Freundin war im Koma ...“ ein autobografischer Song?

Hm, ja. Zum Glück gehts der Freundin wieder gut. Ihr Leben hing am seidenen Faden. Es geht in dem Song auch darum, was dem Umfeld passiert, wenn so ein schreckliches Ereignis eintritt und wenn es vorbei ist, was es mit einem gemacht hat. Und es geht darum, was aus dem Menschen geworden ist, der das durchgestanden hat. Meist geht man fälschlicherweise davon aus, der dürfe nur noch pure Lebensfreude ausstrahlen.

Das Klavier dazu klingt gläsern und dunkel, wie vom Grunde eines Sees.

Das war eine ganz simple Melodie. Wir zogen die Vorhänge zu, um diesen Song einzuspielen. Wir brauchten eine ganz besondere Stimmung.

Was am neuen Album auffällt, ist die unbedingte Verschiedenheit der Songs.

Wir wollen nie eine Platte machen, die aus einem Guss ist. Wir wollen lieber dem Song dienen, sehen, was der Song will, was für einen Stil er braucht. Wir wollen einen erkennbaren Bandsound haben aber offen sein für alle möglichen Sachen. Die Verschiedenheit passiert bei uns spielerisch, ohne Konzept.

Es gibt einen neuen Helden-Produzenten, Ian Davenport.

Nach drei Platten haben wir – in enger Absprache mit Patti (Maier), der das sogar vorgeschlagen hat – eine Pause gemacht, um uns gerade im Studio neue Überraschungsmomente zu holen. Wir als Band kennen uns in- und auswendig. Und wenn man dann noch weiß, wie der Produzent tickt, wird man zu routiniert. Ein Freund aus den USA hat uns geschrieben: Ian Davenport. Er hat uns ein MP3 von Band of Skulls mitgeschickt und gesagt: „Das ist euer Mann“.

Und er wars auch.

Uns gefiel seine Arbeit. Und er war auch kein so großer Name, der, wenn man in der gebuchten Zeit nur vier Stücke geschafft hat, gesagt hätte: ,Tschüss, ich muss dann mal zu den Kaiser Chiefs.“ Wir trafen ihn und es gab gleich eine gemeinsame Ebene. Wir haben uns über Musik unterhalten. Er hat uns sogar ein Mixtape gemacht mit der Musik, die er mag.

Was war da enthalten?

Da waren Midlake drauf, viel Folk, Akustisches, frühe Sachen von den Byrds, auch von Lee Hazlewood. Ian hat eine große Neigung zu einer speziellen Form von Country.

Die sich auf „Bring mich nach Hause“ in mehreren Songs wiederfindet.

Judith hatte schon immer eine Liebe zu Country. Bei mir ist es eine Hassliebe. Aber als wir das Mixtape hörten dachten wir, er könnte für das, was wir so vage im Kopf hatten, genau der Richtige sein. Innerhalb von einer Woche hatte er sich ein richtig gutes Standing bei uns aufgebaut. Was nicht leicht ist, denn wenn man in unser absolutes Kerngebiet eindringt, sind wir sehr kritisch.

Auch untereinander? Schickt die Band auch Judith Holofernes mal zum Text-Nachbessern.

Judith hat so eine wahnsinnige Selbstkritik, dass man allenfalls noch am Thema zweifelt, aber nicht an der Ausführung. Ganz früher hatte sie allerdings immer viel zu viel Text, vier, fünf Strophen. Da sagten wir: Auf einer Singer/Songwriter-Bühne vielleicht ... aber in einer Rockband – never! Da gibt es maximal drei Strophen, das ist Gesetz. Sie schreibt aber mittlerweile ganz eindeutige Poplyrik. Und ich bin totaler Fan gerade von den neuen Texten.

Die sind doppelbödig. Etwa die „Ballade von Wolfgang und Brigitte“. Auf den ersten Blick durchaus komisch ...

Das war für mich auch erstmal lustig. Ich habe ja über mein Elternhaus überhaupt keine Berührung gehabt mit freier Liebe und Hippietum. Aber dann: Was muss der Wolfgang leiden. Es gab eine Situation bei Aufwärmkonzerten, da haben wir erst „So lonely“ gecovert von Police, Karottenstängchen von der Bühne ins Publikum gereicht und Unsinn getrieben. Direkt hinterher kam die „Ballade von Wolfgang und Brigitte“. Und da sagte Judith hinterher: Lass uns das nicht mehr machen, der Song ist nicht witzig gemeint. Recht hat sie.

Haben Sie zurzeit Angst, dass die Helden vom Radar sind?

Nein. Ich fand dieses ganze Phänomen-Sein und Vorreiter-Sein genug, nachdem das ja erstmal schmeichelhaft war. Wie schön wäre das, eine normale Band zu sein, die in einiger Regelmäßigkeit ihre Platten aufnimmt, ihr Ding macht und den Erfolg hat, der angemessen ist. Ich kann jetzt nicht sagen, dass wir nicht in die Charts gehören. Aber unsere Musik ist nicht drauf angelegt. Und wir wollen auch nicht als die politische Band gelten sondern das abschütteln. Wir sind gespannt: Die Platte wird bestimmte Erwartungen nicht erfüllen. Viele Journalisten suchen das politische Lied, den Aufhänger, und finden ihn nicht. Sehen sich mit einer Platte konfrontiert, bei der ihre ganzen Fragen untern Tisch fallen.

Sie finden eine normale Band.

Und fragen sich: Was ist los mit euch?

Keine Klassensprecher mehr.

Wir hatten eine Zeitlang bei all den Interviews den Blick fürs Wesentliche verloren. Man driftet ab und wird zu einer Medienfigur. Redet über alle möglichen schlauen Dinge, und dabei macht man doch nur Musik, ganz unschlau, um Leute direkt abzuholen, wo sie gerade mit ihren Emotionen stehen.

Wie gehen Sie mit Kritiken um?

Ich bin da verletzlich. Wenn Musikkenner das Album zerfetzen, bin ich traurig, wenn sie es loben, bin ich glücklich.

Eine Vorabkritik lautete, dass mans leise nebenher laufen kann.

Oha.

Was man ja mit allen Platten machen kann ...

... wenn man sie leise genug stellt.

Woher weiß eine Band, wann ein Album fertig ist. Hören Sie das dann alleine oder mit Ihrer Frau oder laden Sie Leute ein und machen eine Party?

Nach dem Mastering hat man meist das Gefühl: Jetzt klingt das, wie ichs will. Ich spiele nicht gern Demo-Versionen vor, ich will es perfekt servieren, auf einem schönen Tablett. Jetzt habe ich unsere CD das erste Mal in der Hand gehabt, aufklappbar als Doppel-CD ...

Doppel-CD?

Wir haben die ganze Platte nochmal akustisch aufgenommen ... unplugged. Wir hatten drei Studiotage übrig. Ein absolutes Novum für uns. Da sagten wir: Lasst uns alle im Kreise sitzend die Platte nochmal akustisch aufnehmen. Vorgabe war: Jeder Song hat maximal eine Stunde Zeit für Arrangement und Aufnahme. Wir haben dabei versucht, uns von den Plattenversionen wegzubewegen.

Sind noch Songs übrig?

Drei. Lustigerweise sind das die Lieder, die eine gesellschaftskritische Aussage haben. Als wir eine Reihenfolge der Lieder fürs Album bestimmten, passten die nirgends rein. Einer von den dreien, hatteein so explizit politisches Thema, das wäre der Leuchtturm, gewesen, der hätte all das überstrahlt, was uns an diesem Album viel wichtiger war.

Auch live gibts bei den Helden Zuwachs.

Jörg Holdinghausen von Tele ist dabei, der spielt Bass, wenn Mark auf Gitarre wechselt. Ruben Scheffler ist Keyboarder und kommt aus dem Freundeskreis von Mark. Beide sind hervorragende Sänger, während wir ja eher mittelbegabte Sänger sind. Jetzt klingen die Hintergrundgesänge endlich nicht mehr nach einer Feierabendband.

Hannover steht nicht auf dem Tourplan.

Wurde mir unerklärlicherweise so präsentiert. Wir gehen aber im Frühjahr definitiv nochmal auf Tour, da muss Hannover dabei sein.

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