Navigation:
Zickenterror: (von links) Kassandra Wedel, Pia Katharina Jendreizik, Dennis Pörtner und Elena Schmidt sind „Mädchen wie die“.

Zickenterror: (von links) Kassandra Wedel, Pia Katharina Jendreizik, Dennis Pörtner und Elena Schmidt sind „Mädchen wie die“.
© Karl-Bernd Karwasz

Theater

Was „Mädchen wie die“ so machen

Wenn Emanzipation baden geht: Am Jungen Schauspiel hatte das Cybermobbing-Drama „Mädchen wie die“ Premiere. Eine herausragende Inszenierung – und das nicht nur, weil sie von und für taube und hörende Menschen gedacht ist.

Hannover. Plötzlich ist da dieses Foto. Erscheint auf den Handys. Zeigt Scarlett, die Mitschülerin, 16 Jahre alt, nackt. Drei Minuten dauert es, dann hat jedes Kind der Schule es gesehen. Das Zerfleischen beginnt. „Mädchen wie die“ gehen nun mal gar nicht. „Mädchen wie die“ geht ganz schön gut.

Das Stück des britisch-kanadischen Autors Evan Placey, das nun im Ballhof zwei Premiere hatte, dreht sich um Cybermobbing und Ausgrenzung. Regisseurin Wera Mahne hat den Text, der ohne klare Rollenzuweisung auskommt, auf vier Spielende verteilt, auf drei Frauen – Kassandra Wedel, Pia Katharina Jendreizik und Elena Schmidt – und einen Mann, Dennis Pörtner, die ersten beiden taub, die letzteren hörend. Dies ist Inklusionstheater von und für Menschen mit und ohne Gehör, das muss man dazusagen, man spürt es schnell nicht mehr.

Viel Wumms und viel Kraft

Das Springen zwischen den Sprachen, zwischen gesprochenem Wort und Gebärden, die jeweils nur von einem Teil des Publikums entschlüsselt werden können, sind ein prächtiges Bild für ein Lebensalter, das geprägt wird von Ein- und Ausgrenzung, von Codes und Chiffren, von Zugehörigkeiten. Dies ist kein bloß gut gemeintes Handicap-Theater, dies ist ein grandios eindringliches und zugleich federleichtes Spiel der Bedeutungsebenen, untermauert von einem wummernden Soundtrack zwischen Hurts und SXTN. Ganz viel Wumms steckt dahinter und ganz viel Kraft.

Der Ballhof zwei wird zur Arena eines Hennenkampfes bis aufs Blut. Hier sind Mädchen, die nicht vergessen, die sich so gut kennen, dass sie es kaum ertragen können, und sich doch nicht verstehen und das in Wut und Grausamkeit kanalisieren. Das wunderbar flexible Bühnenbild von Anna Siegrot zeigt ein Schwimmbad, Ort des Aufwachsens und Projektionsfläche, auch für die klugen und gewitzten Videos von Declan Hurley.

Einmal durch die Emanzipationsgeschichte

Quer geht es durch die weibliche Emanzipationsgeschichte des 20. Jahrhunderts: in Stummfilmanmutung auf eine skandalöse Poolparty des Jahres 1928, in die fiebrige Flowerpower-Welt der 1970er Jahre mit ihrer von alten Zwängen bestimmten sexuellen Befreiung und in einer von Wedel famos getanzten und in Pixeloptik illustrierten Szene in die 80er – sexuelle Belästigung als Hürdenlauf in Jump-’n-Run-Ästhetik.

Mahnes Inszenierung öffnet den Blick weit, wirft Schlaglichter auf die Fremdbestimmung des weiblichen Körpers, auf die Abtreibungsdebatte und auf „#Metoo“, auf männliche Anmaßung und mädchenhafte Stutenbeißerei. „Ihr werdet mich nicht vergessen“, sagt Scarlett: „Schließlich habt ihr mein Foto als Erinnerung.“ Und diese zugleich so spielerische wie eindringliche Geschichte jenes Fotos wird man auch so bald nicht vergessen.

Mehr zum Stück finden Sie hier.

Ein NP-Interview mit den Schauspielerinnen Kassandra Wedel und Elena Schmidt finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Martin Schulz kritisiert die aggressive Rhetorik der CDU. Sollte in der Politik ein anderer Umgang herrschen?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie