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00:22 19.05.2018
Wieder da: Jochen Distelmeyer bei seinem Hannover-Konzert vor zwei Jahren im ausverkauften Lux. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Blumfeld haben sich 2007 aufgelöst. Nun geht die Hamburger Diskurspop-Institution wieder auf Tour, der „Love Riots Revue“. Was es damit auf sich hat, erklärt Bandchef Jochen Distelmeyer (50) im Interview.

Eine Band, die es eigentlich nicht mehr gibt, geht auf Tournee. Klären Sie mich auf: Was ist der Stand bei Blumfeld?

Der Stand ist der: Im Dezember letzten Jahres waren wir auf dem Düsseldorfer Lieblingsplatten-Festival eingeladen, unser Album „Ich-Maschine“ zu spielen. Wir hatten es nach der „L’État et moi“-Jubiläumstour nicht geschafft, uns wie verabredet zum Essen zu treffen, um zu gucken, ob und wie es weiter gehen könnte mit Blumfeld. Auch darum haben wir das Angebot sehr gerne angenommen – und waren überrascht von den Reaktionen des Publikums und davon, wie selbstverständlich es sich anfühlte, wieder gemeinsam zu spielen.

Was war denn überraschend an den Reaktionen des Publikums?

Die Euphorie. Die Anteilnahme und das nach wie vor Liebevolle in der Interaktion.

Und das war anders zu erwarten?

Das hatte ich angesichts der Tatsache, dass wir geladen waren, ein Album zu spielen, so tatsächlich nicht erwartet. Es hat uns zum einen selber großen Spaß gemacht, und die Reaktionen waren derart überschwänglich, dass wir am nächsten Tag beim Frühstück alle der Meinung waren, das in absehbarer Zeit zumindest live fortzusetzen. Im Januar schrieb mir dann André (Schlagzeuger André Rattay, d.Red.) eine SMS, ob wir nicht im Frühjahr auf Tournee gehen wollen. Also haben wir sehr schnell eine kleine Tour zusammengestellt, bei der wir wie in Düsseldorf in erweiterter Besetzung auftreten werden.

Nicht nur die drei Gründungsmitglieder?

Nein, wir stehen zu fünft auf der Bühne. Tobias Levin, der uns schon früher live begleitet hat, und mein Keyboarder und zweiter Gitarrist Daniel Florey kommen dazu. Es wird also, mit drei E-Gitarren, recht laut. Wir werden aus allen Phasen Stücke spielen, auch von meinem Soloalbum, „Heavy“.

Wie stellt man die Setlist zusammen für so ein Projekt – nach dem Lustprinzip, nach inhaltlicher Relevanz?

Beides. Die inhaltliche Relevanz ist eigentlich bei allen Stücken noch gegeben. Schon in Düsseldorf war mir aufgefallen, wie wenig die Songs an Aktualität und Dringlichkeit verloren haben. Im Gegenteil, sie scheinen mir aktueller denn je. Und das ist auch einer der Gründe, warum wir auf Tour gehen.

Also kann man davon ausgehen, dass Sie Stücke wie „Diktatur der Angepassten“ spielen werden?

Zum Beispiel. Es war bei Blumfeld immer so, dass wir die Musik gemacht haben, die wir selbst gern hören wollten, die es aber in Deutschland nicht gab. Jetzt ist es wieder so, dass trotz einer größeren musikalischen Vielfalt hierzulande das, worum es uns geht, nicht wirklich stattfindet. Sowohl musikalisch als auch inhaltlich nicht. Deutscher HipHop oder sogenannter Straßenrap erschöpft sich in der aggressiven Herabwürdigung anderer als Geschäftsmodell und reagiert dann bei berechtigter Kritik erstaunlich dünnhäutig. Das ist wack, hässlich und nicht gut fürs Karma. Die Kehrseite sind die harmlostuenden Singersongwriter – Kumpeltypen. Vielleicht gut gemeint, aber schlecht gemacht und mir zu wenig. Beides ist so verklemmt wie Schlager. Wir nicht.

Wie sieht es mit neuen Songs aus?

Klar, wir sind bei den Tour-Proben auch dabei, neue Songs zu entwickeln. Es gibt ein paar Stücke, aber ob wir die auf der „Love Riots Revue“ präsentieren werden, ist eher unwahrscheinlich. Aber auch so kann man sich auf einiges gefasst machen.

Wie proben Sie? Sie leben inzwischen in Berlin.

Ja, aber die anderen leben noch in Hamburg, und da ich auch nach wie vor gerne in Hamburg vorbeischaue, proben wir da. Es fühlt sich einfach alles sehr vertraut an. Ganz selbstverständlich, und die Proben bisher laufen super.

Es gibt die beliebte Analogie, dass eine Band wie eine Beziehung ist. Dann wäre ein einmaliges Konzert wie Sex mit der Ex und so eine Tour wie ein Liebes-Revival.

Das haben Sie jetzt gesagt. Aber wenn der Sex gut ist, warum nicht. Natürlich ist es eine fast familiäre Angelegenheit; ich würde es eher so fassen. Man ist sehr eingespielt und den Menschen sehr verbunden.

Gleichwohl wird es gut überlegte Gründe gegeben haben, es sein zu lassen.

Gar nicht unbedingt überlegt. Es war ein Grundgefühl. Nach „Verbotene Früchte“ hatte ich den Eindruck, dass ein Werkrahmen verschiedener Platten zum Abschluss gekommen war. Und ich wollte mit Solomaterial schauen, wohin mich der Weg noch führen würde und noch führt. Da bin ich nach wie vor unterwegs.

Die Zukunft nach der Tour der offen?

Ja, es macht jetzt großen Spaß. Aber wir haben es seit der „L’État et moi“-Tour so gehalten, dass wir mit dem Flow gehen. Pläne müssen wir gar nicht groß machen mit dieser Band.

Und solo?

Es wird kein Cover-Album sein, wie bei „Songs from the Bottom“, sondern eine Weiterentwicklung dessen, was ich bei „Heavy“ und dort gemacht habe. Ich hoffe, dass ich dieses Jahr fertig werde, um damit nächstes Jahr um die Ecke zu kommen.

Blumfeld live: am 30. Mai ab 20 Uhr im Musikzentrum. Karten kosten im Vorverkauf 28,80 Euro.

Von Stefan Gohlisch

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