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Kultur Vor 150 Jahren starb Wilhelm Grimm
Nachrichten Kultur Vor 150 Jahren starb Wilhelm Grimm
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10:21 15.12.2009
Das Denkmal der Schriftsteller-Brueder Grimm, Jakob Ludwig Karl Grimm (04.01.1785 - 20.09.1863) und Wilhelm Karl Grimm (24.02.1786 - 16.12.1859), aufgenommen in Hanau. Quelle: ddp (Archiv)

Er hat fast sein gesamtes Leben in engster häuslicher Verbindung mit seinem – um ein Jahr älteren – Bruder Jacob verbracht und stand doch, zumindest für die Mitwelt, stets ein bisschen in dessen Schatten: Wilhelm Grimm, geboren am 24. Februar 1786 in Hanau, gestorben am 16. Dezember 1859 in Berlin – Jurist, Altgermanist, Volkskundler und nicht zuletzt Märchenerzähler.

Zwar sind Jacob und Wilhelm, die „Brüder Grimm“, das fraglos berühmteste Geschwisterpaar der deutschen Kulturgeschichte, doch zu ihren Lebzeiten hatte meist Jacob, der Verfasser von wissenschaftlichen Standardwerken wie der „Deutschen Grammatik“ oder der „Deutschen Mythologie“, die Nase vorn, und das nicht bloß auf den Doppelporträts ihres jüngeren „Malerbruders“ Ludwig Emil. So war es schon zu ihrer Schulzeit in Kassel, und so blieb es: Der dynamische Jacob war der Primus, und der ruhige Wilhelm erkannte es neidlos an.

Fragt man allerdings nach dem, was heute den größten Ruhm der Grimms ausmacht, müsste das Bild wohl gelinde revidiert werden. Denn immerhin – drei ihrer Zentralwerke haben Jacob und Wilhelm Grimm als Gemeinschaftsarbeiten herausgebracht: Früh schon, 1816 und 1818, ihr zweibändiges, nach rund zehnjähriger Spurensuche entstandenes Sammelwerk „Deutsche Sagen“, in dem sie insgesamt 584 Orts- und Geschichtssagen zusammentrugen; und spät noch ihr einzigartiges monumentales „Deutsches Wörterbuch“, mit dessen Kompilation sie 1838 begonnen hatten, ohne es freilich auch nur annähernd vollenden zu können (erst 1971 brachten ihre wissenschaftlichen Urenkel das Werk zu einem gewissen Abschluss). Das legendärste Buch der Brüder Grimm aber, das ihren Namen in die ganze Welt trug, waren die „Kinder- und Hausmärchen“, gemeinhin nur „Grimms Märchen“ genannt. Märchen, die uns, vom „Froschkönig“ bis zum „Goldenen Schlüssel“, seit unserer Kindheit vertraut sind und mit denen schon unsere Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern aufgewachsen sind.

Dies Märchenbuch nun – es trägt zwar den Namen „Brüder Grimm“ auf dem Titelblatt, ist jedoch so, wie wir’s kennen, das Werk Wilhelms. Obwohl die zwei das Unternehmen durchaus gemeinsam begonnen hatten. Zwar waren sie beide eigentlich Juristen, doch schon während ihres Studiums in Marburg hatten sie sich ganz der Erforschung altdeutscher Literaturdenkmäler verschrieben und auch fleißig zur Volksliedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ beigetragen, dem Großprojekt ihrer Romantiker-Freunde Clemens Brentano und Achim von Arnim.

Als Brentano nun die Idee hatte, nach den Volksliedern auch ein Buch mit Volksmärchen zusammenzustellen, waren die Grimms, die inzwischen wieder in Kassel wohnten, denn auch sogleich Feuer und Flamme: Eine gedruckte Sammlung echter Volksmärchen gab es damals in Deutschland noch nicht, und so ließen sich die Brüder von Kenner(inne)n aus ihrer Nachbarschaft solche „Ammen-Mären“ vorerzählen, schrieben sie auf und schickten dem Freund Clemens bald darauf ein Konvolut mit vierzig Märchentexten. Doch weil der chaotische Brentano die Lieferung verschlampte, brachten Jacob und Wilhelm Grimm ihre inzwischen auf 86 Stücke angewachsene Sammlung selber als Büchlein heraus. Einen Verleger hatte Achim von Arnim besorgt, und zum Weihnachtsfest 1812 lag der erste Band ihres (akribisch kommentierten) Märchenbuches in den Buchläden.

Über die erzählerische Ausgestaltung der Märchen waren die Brüder indessen recht uneins gewesen: Jacob bestand auf karger Authentizität, Wilhelm hielt mehr von sinniger Ausschmückung, und das setzte er im zweiten Band des Werkes schon mal vorsichtig um, den er praktisch allein gestalten musste, da Jacob als kurfürstlich-hessischer Sekretär längere Zeit aushäusig war – etwa auf dem Wiener Kongress. Nach seiner Rückkehr zeigte sich Jacob prompt ungehalten und überließ die Arbeit am Märchenbuch fortan komplett seinem Bruder, der das Ganze in der zweiten Auflage erst mal kräftig umkrempelte, die Fremdwörter strich, die „unsittlichen Stellen“ ausmerzte, die ausländischen Stoffe entfernte und jenen eigenen Erzählton einführte, der diese Märchen noch heute so bezaubernd macht. Bis zu seinem Tod hat Wilhelm Grimm sämtliche Auflagen des Buches allein betreut.

Ihr gemeinsames Arbeitszimmer behielten die Brüder gleichwohl bei, auch als sich Wilhelm mit fast 40 Jahren noch zur Heirat entschloss – aparterweise mit einer der eifrigsten Beiträgerinnen der Märchensammlung: Dortchen Wild, der Apothekerstochter aus Kassel, die dann alle die schönen Reime („der Wind, der Wind, das himmlische Kind“) dichtete und ihren beiden Stubengelehrten auch sonst mit lebenspraktischem Rat versorgte.

Ihr verdankt sich, beispielsweise, die geläufige Version des Märchens vom „Rumpelstilzchen“: In der Urfassung hatte die Heldin noch gejammert, dass sie am Spinnrad immer „nur“ Gold zustande brächte und nie einen vernünftigen Flachsfaden. Das hat die kluge Frau Dorte aber rasch vom Kopf auf die Füße gestellt ...

Im Jahr 1837, die Brüder Grimm waren nun Germanistikprofessoren in Göttingen, konnte Wilhelm bereits die dritte, beträchtlich erweiterte und, wie stets, erzählerisch gründlich überarbeitete Auflage des Märchenbuchs vorlegen. Doch dann kam’s knüppeldick: Die Grimms gehörten zu den „Göttinger Sieben“, jenen Professoren, die mutig gegen den Verfassungsbruch des neuen hannoverschen Königs protestierten und daraufhin ihrer Ämter enthoben wurden. Jacob Grimm wurde als Rädelsführer zudem des Landes verwiesen und fand Aufnahme beim „Malerbruder“ in Kassel, Wilhelm folgte ihm loyal, doch nun mussten die Brüder als Privatgelehrte um ihre Existenz kämpfen. Da kam das – vom Verlag gut honorierte – Projekt „Deutsches Wörterbuch“ höchst gelegen, auch wenn die Grimms ahnten, auf welche Sisyphusarbeit sie sich da einließen.

1841 ging’s dann aber endgültig bergauf mit ihnen: Auf Fürsprache ihrer Freundin Bettina von Arnim berief der Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. die Brüder Grimm an seine Akademie der Wissenschaften. So zogen sie nach Berlin, lebten dort, hochgeachtet, als Forscher und Lehrer, und während Jacob seine Sprachtheorie entwickelte, schrieb Wilhelm am Märchenbuch fort, das zuletzt auf 200 Stücke anwuchs (genau genommen auf 201, denn das Märchen No. 151 gibt es zweimal, aber der Sammler fand eben die Zahl 200 so schön rund: märchenhaft).

Im Herbst des Jahres 1859, mitten in der Vorbereitung für ein Akademiereferat, erkrankte Wilhelm Grimm an einer Furunkulose, die er nicht weiter ernst nahm. Doch die Sache war ernst: Er bekam hohes Fieber, erlitt eine Atemlähmung und starb am 16. Dezember des gleichen Jahres – morgen vor 150 Jahren. Dem erschütterten Jacob blieb nur, die Gedenkrede auf den Bruder zu halten, die mit den Worten schloss: „So oft ich nunmehr das Märchenbuch zur Hand nehme, rührt und bewegt es mich, denn auf allen Blättern steht vor mir sein Bild, und ich erkenne seine waltende Spur.“

von Heiko Postma

Über die Grimms

Sie hatten das Privileg, den 1000-Mark-Schein zu schmücken. Die Banknote gibt es nicht mehr, aber die Grimms werden schon nicht in Vergessenheit geraten. Dafür, dass das nicht passiert, sorgt auch eine sehr kompetente, angenehm lesbare Beschreibung ihres Lebens, die gerade erschienen ist. Steffen Martus, Professor für Neuere Deutsche Literatur in Kiel hat sich in „Die Brüder Grimm: Eine Biographie“ (Rowohlt Berlin 608 Seiten, 26,90 Euro) des Lebens der ungleichen Brüder angenommen. Martus hat viele Briefe der Gelehrten ausgewertet, auffällig ist der immer wiederkehrende Wunsch der Brüder nach Ruhe und Abgeschiedenheit, um den eigenen Forschungsinteressen nachzugehen.

Und nicht nur darin wirken sie wie zwei zeitgenössische Forscher. Kompakter beschreibt Heiko Postma das Leben der Grimms. In „... dann leben sie noch heute! Über die Gelehrten, Volkskundler und Märchen-Sammler ­Jacob & Wilhelm Grimm“ (jmb, Hannover, 66 Seiten, 9,80 Euro) schildert Postma das Leben und Schaffen der Brüder Grimm – angereichert mit Beispielen aus ihrer Märchen- und Mythen-Werkstatt.

von Ronald Meyer-Arlt

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