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Zwischen Krebsklinik und Wellnessoase: Eine Szene aus der Inszenierung “Women in Trouble“ an der Berliner Volksbühne.

Zwischen Krebsklinik und Wellnessoase: Eine Szene aus der Inszenierung “Women in Trouble“ an der Berliner Volksbühne.
© Julian Roeder

Neustart für Volksbühne und Berliner Ensemble

Viel neues Theater in der Hauptstadt

Zwei große Berliner Bühnen haben seit dieser Spielzeit neue Intendanten. Während der Neustart an der Volksbühne holprig verlief, engagiert das Berliner Ensemble ausgerechnet Frank Castorf als Dauergast.

Berlin. Die Drehbühne spielt die größte Rolle in dieser Premiere an der Berliner Volksbühne. Sie gibt den Blick frei in Zimmer, die zwischen Wellnessoase und Krebsklinik eingerichtet sind. Von dem Pool geht es gleich ins CT, am Empfang gibt’s grüne Äpfel, und die Bilder auf den Videowänden in jedem Raum verwandeln sich von fliegenden Meteoriten zusehends in etwas, das wie Wucherungen im Innern des menschlichen Körpers aussieht. So ambivalent ist die Atmosphäre des Stationendramas “Women in Trouble“ aus der Feder von Hausregisseurin Susanne Kennedy.

Die 40-Jährige, sie sich bereits bei den Münchner Kammerspielen einen Namen gemacht hat, hat um das Tabuthema Krebs ein Stück in schriller Pop-Art-Optik entwickelt. An die Stelle von Christoph Schlingensiefs radikal-persönlicher Auseinandersetzung mit seiner eigenen Erkrankung in “Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ (2008) tritt hier eine nicht minder verstörende Künstlichkeit: Die Schauspieler bewegen sich leicht zeitverzögert wie Avatare in einem Computerspiel. Ihre Gesichter wirken seltsam starr. Erst in der Nahaufnahme auf dem Plakat wird deutlich, dass sie hautfarbene Latex-Masken tragen, die jegliche Mimik verdecken.

Die Darsteller bewegen ihre Lippen nur, der Ton kommt vom Band. Gespräche mit Mutter, Partner oder Arzt als Playbackshow. Da braucht es den Regisseur eigentlich kaum, der Szenenanweisungen aus dem Off vorgibt, um das Geschehen als fremdgesteuert zu entlarven. “Women in Trouble“ basiert auf einer US-Webtalkshow und ist ein Abgesang auf Formate der Scripted Reality. Sie behaupten, die großen Fragen des Lebens zu verhandeln, sind aber tatsächlich meist aus vorgefertigten Phrasen zusammengeschustert. Diese werden in der Volksbühne auf Zettel geschmiert und an die Außenwand der Drehbühne geklebt, Scripted Reality wörtlich genommen.

Holpriger Start für Chris Dercon

Die Inszenierung findet gemäß der ausgerufenen Internationalisierung des Hauses auf Englisch mit deutschen Übertiteln statt. Kennedy, gerade mit dem Europäischen Theaterpreis ausgezeichnet, ist die große Hoffnungsträgerin der neuen Volksbühne, die seit dieser Spielzeit von dem Belgier Chris Dercon geleitet wird. Dem Nachfolger von Frank Castorf wehte schon im Vorfeld viel Kritik entgegen, auch der Start verlief eher holprig. Die ersten Premieren fanden auf dem Tempelhofer Feld statt, die eigentlich geplante Einrichtung einer regulären Nebenspielstätte auf dem ehemaligen Flughafengebäude erscheint derzeit aber ebenso vage wie die Eröffnung des BER.

Während auswärtig getanzt und gespielt wurde, nisteten sich am Rosa-Luxemburg-Platz Kunstaktivisten ein, die gegen Gentrifizierung protestierten. Und als das Haupthaus dann endlich offiziell eröffnet wurde, hagelte es Verrisse: Dercon und seine Programmdirektorin Marietta Piekenbrock kombinierten Einakter von Samuel Beckett mit einer Performance des deutsch-britischen Künstlers Tino Sehgal. Letztere galt Kritikern als Bestätigung des Vorurteils, der einstige Tate-Manager Dercon sei eher ein Kurator von ausstellungsartigen Gastspielen denn ein Verfechter des Ensemble- und Repertoiretheaters.

Die wenig bekannten Einakter Becketts sind ganz im Stil des absurden Theaters inszeniert, mal ist nur ein roter Mund im Bühnenraum zu sehen, mal konzentriert sich alles auf die entsetzte Mimik eines alten Mannes, der einer Frau aus dem Off zuhört. Die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz wird hier aufgezeigt, in der Abwandlung eines Bonmots über “Warten auf Godot“: “Es passt nichts. Dreimal.“ Regie hat Walter Asmus geführt, der noch selbst mit Beckett am Berliner Schiller Theater gearbeitet hat. Das ist für Theaterhistoriker höchst spannend, für eine Eröffnung aber auch sehr vergangenheitsverliebt. Auch Sehgals Arbeiten sind nicht neu.

Starker Auftritt

Starker Auftritt: Constanze Becker in der Inszenierung von “Caligula“ am Berliner Ensemble.

Quelle: Julian Roeder

Reibungsloser verlief der Neustart am Berliner Ensemble nach der Langzeitintendanz von Claus Peymann. Sein Nachfolger Oliver Reese hat einige Inszenierungen von seiner letzten Station, dem Frankfurter Schauspiel, mitgebracht. Er knüpft an die Tradition des Hauses an: Bald wird das 125. Jubiläum der Brecht-Bühne gefeiert, eine Neuinszenierung des “Kaukasischen Kreidekreises“ steht auf dem Spielplan. Albert Camus‘ “Caligula“ zeigt eine großartige Constanze Becker als Tyrann zwischen grausamem Taktierer und Schulmädchen. Der gefeierte Nachwuchsregisseur Antú Romero Nunes lässt den römischen Kaiser und seine Getreuen weiß gepudert und teils mit Perücken auftreten wie Pierrot, den traurigen Clown. Diese Inszenierung hätte auch unter Peymann laufen können.

Nach einem Stück des Pulitzerpreis-Trägers Tracy Letts hatte am BE jüngst ausgerechnet eine Inszenierung von Frank Castorf Premiere: “Les Misérables“ ist dessen erste Berliner Arbeit nach dem Weggang von der Volksbühne. Er verlegt Victor Hugos Geschichte aus dem Frankreich des 19. Jahrhunderts nach Kuba. Ein Stück pro Jahr soll Castorf künftig am BE inszenieren. Der Theateraltmeister nutzte die Gelegenheit, um über seinen Nachfolger zu ätzen: “Nur eine tote Volksbühne ist eine gute Volksbühne für das BE.“ Am Rosa-Luxemburg-Platz gab es derweil gerade eine Premiere mit dem Titel “The show must go on“.

Von Nina May


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