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Kultur „Und dann tschüss!“
Nachrichten Kultur „Und dann tschüss!“
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00:16 16.03.2017
Stimme des Protestes: Hannes Wader will es noch einmal wissen und geht auf eine große letzte Tour. Quelle: Michael Petersohn
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50 Jahre unterwegs und kein bisschen leise: Hannes Wader, Provokateur und Poet mit unverkennbar sonorer Stimme, gilt als einer der letzten großen deutschen Liedermacher. Dieses Jahr wird er 75 Jahre alt. Wader sieht die Zeit gekommen für eine letzte große Konzertreise – die ihn auch nach Hannover führt.

Herr Wader, Sie sind im selben Alter wie Bob Dylan, der seit 30 Jahren auf seiner „Never Ending Tour“ ist. Warum wollen Sie mit der ewigen Tourerei aufhören?

Ich werde in diesem Jahr 75. Es beginnt, mich anzustrengen. In den letzten 50 Jahren habe ich nie länger als ein Vierteljahr ausgesetzt. Ich war immer auf der Straße. Bevor nicht nur ich, sondern noch andere das Alter bei mir bemerken, möchte ich lieber mit dem Herumreisen aufhören. Im Grunde sind es noch fünf Tourneen, die ich bis Anfang 2018 spielen werde. Und dann tschüss!

Haben Sie für Ihren Erfolg einen Preis zahlen müssen?

Es kommt mir so vor, dass der Preis, den ich gezahlt habe, gar nicht so hoch war, sondern dass andere dafür einen hohen Preis zahlen mussten. Mir war das alles nur möglich mit einer Art von Rücksichtslosigkeit.

Was meine Sie damit?

Ich war auf diese Karriere von Anfang nicht vorbereitet, ich habe Dekorateur in einem Schuhgeschäft gelernt, nach acht Jahren Volksschule. Eigentlich war mein Weg vorbestimmt, aber mit dieser Vorbestimmung habe ich gebrochen ohne Rücksicht auf Verluste.

Verlangt die Kunst eine gewisse Rücksichtslosigkeit?

Ich würde sagen: ja. Das trifft aber nicht nur auf mich zu, sondern auf alle, deren Weg nicht vorbestimmt ist. Es sei denn, sie sind in einem entsprechenden sozialen Umfeld aufgewachsen. Solche Leute sind von ihrer Herkunft her begünstigt. Mich aber hat niemand gefördert, ich entstamme dem ostwestfälischen Landproletariat. Mein Vater war Knecht auf einem Bauernhof, meine Mutter Putzfrau. Wenn man überhaupt nicht das macht, was andere auf dem Zettel haben, eckt man logischerweise an. Das macht man nicht ohne Hautabschürfungen.

Sie galten schon früh als Rebell. Sind Sie das noch immer?

Ja, aber dazu gehört nicht viel. Schon die Idee, einfach nur singen zu wollen statt Schaufenster zu dekorieren oder auf den Bau zu gehen, ist schon rebellisch genug. Damit zieht man sich raus aus dem Üblichen. Das macht man nicht ungestraft, das wird sofort geahndet von allen, die um einen rum sind.

Welchen Anspruch haben Sie an Ihre Lieder?

Ich möchte schon, dass sie etwas bewirken. In meinen Anfängen war die Frage sehr präsent, ob man mit Liedern die Welt verändern kann.

Und - kann man das?

Mir war klar, das ist unmöglich. Aber man kann ganz bestimmte soziale Bewegungen begleiten. Damals hatten die Studentenproteste und die Friedensbewegung die gesamte westliche Welt ergriffen. Anfänglich gab Bob Dylan diesen Bewegungen eine Stimme, obwohl er das gar nicht so wollte. Er ist ein Genie, und das ist alles aus ihm herausgebrochen.

Wie sehen Sie Dylan?

Dylan ist ebenfalls ein sehr rücksichtsloser Mensch, der nicht nach links und rechts guckt. Aber er hat sich auch gewehrt gegen die Festnagelung als Protestsänger und als die Stimme der Weltjugend. Das hat ihn angekotzt, er wollte singen! Ich kann das sehr gut verstehen, ich lasse mich auch nicht gern auf irgendwelche Inhalte oder Botschaften festnageln.

Was wird an Ihnen verkannt?

Ich fühle mich nicht verkannt, nicht mal von denen, die mich hassen. Mit dem Echo, das ich hervorrufe, bin ich zufrieden. Man kann nicht allen gefallen.

Schreiben Sie auch Lieder, weil Sie an der Welt leiden?

Ganz bestimmt. Sie haben das schon richtig gesagt: auch. Weltschmerz ist nicht der einzige Grund für das Schreiben von Liedern. Aber besonders das Singen selbst ist für mich etwas in hohem Grad Therapeutisches. Lieder schreiben und Singen ist Autotherapie. Ich bin von Haus aus kein besonders heiterer Mensch, in meiner Grundstimmung war ich immer aggressiv-depressiv. Meine Lieblingsstimmung ist die Melancholie.

Hat das etwas mit der Zeit zu tun, in der Sie aufgewachsen sind? Als Kind haben Sie die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs miterlebt.

Natürlich, das war absolut prägend. Ich war schon immer sensibler als andere. Wehleidiger. Ich habe als Kind viel geweint, sagen meine acht und neun Jahre älteren Schwestern. Ich habe mich immer unverstanden gefühlt. Es hat mir alles immer unheimlich viel ausgemacht und mich direkt getroffen. Für diese Überempfindlichkeit kann meine Familie nichts, die mich im Krieg und in der Nachkriegszeit zwangsläufig auch ein bisschen vernachlässigt hat. In gewisser Weise war ich verwahrlost. Und mit meiner Empfindlichkeit bin ich anderen ziemlich auf den Wecker gegangen.

Muss man Optimist sein, wenn man Lieder schreiben will?

Ich bin es, aber grundsätzlich muss ein Künstler gar nichts. Er muss frei sein.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Im Augenblick nicht besonders optimistisch, was die nationale und internationale Lage betrifft. Aber es gibt auch immer Entwicklungen oder einzelne Menschen, die einen wieder hoffen lassen. Gandhi hat eines der größten Völker der Erde befreit. Ein anderes Beispiel ist Mandela. Oder diese wunderbare Ohrfeige, die Beate Klarsfeld damals Bundeskanzler Kiesinger verpasst hat. Der Frau möchte ich gerne mal die Hand schütteln! Oder Willy Brandts Kniefall in Warschau. Das sind Sternstunden, an die man sich emotional halten kann.

Es muss sich für Sie wie eine schallende Ohrfeige angefühlt haben, als der Neonazi-Barde Frank Rennicke Ihnen eine Platte mit einer Coverversion Ihres Liedes „Es ist an der Zeit“ persönlich überreichte.

Das war ein Schock, ja. Ich habe diese Platte bis heute nicht gehört aus Ablehnung, Abscheu und Desinteresse. Warum soll ich mir das anhören?

Wer steht hinter dem Erfolg der Rechten – neue Nazis oder besorgte Bürger?

Da rätsele ich dran rum. Es ist wieder mal eine Mischung aus allem. Da tummeln sich die Nazis aus einer ganz anderen Ecke als der NPD. Man hat von einem Verbot der NPD abgesehen, weil ihre Rolle bedeutungslos ist. Das muss man sich mal vorstellen! Aber da kommt von einer ganz anderen Seite etwas, AfD, Pegida, besorgte Bürger. Das sind wieder Dinge, die mich pessimistisch machen. Ich habe das Gefühl, das breitet sich über den ganzen Planeten aus wie eine Seuche. Ich sehe durchaus die Gefahr eines neuen, anders gearteten Faschismus auf uns zukommen. Gleichzeitig bin ich optimistisch genug, dass wir das noch mal hinkriegen.

Was wäre zu tun?

Natürlich müssen wir geschützt werden vor diesen grauenhaften Anschlägen, und es ist sicher auch richtig, die Polizeikräfte zu verstärken und die Datenüberwachung zu verschärfen. Und wenn das alles da ist und die akute Gefahr vor dem Islamismus vielleicht geringer wird, dann wird die Masse an Polizeikräften sicher nicht wieder ausgedünnt werden. Die Verschärfungen werden bleiben und dann sind möglicherweise ganz andere Leute am Ruder als Merkel.

Themenwechsel: Am 23. Juni werden Sie 75 Jahre alt. Wie geht es Ihnen damit?

Ich bin froh, dass ich dieses Alter erreicht habe und einigermaßen gesund bin. Mit 75 ist man wirklich ein alter Mensch. Um eine Tour schaffen zu können, muss ich Sport machen, dabei hasse ich das eigentlich. Ganz neue Lieder gibt es momentan nicht, weil ich ja gerade an meinen Erinnerungen schreibe. Multitasking liegt mir nicht.

Wo ist das Problem?

Bei mir tröpfelt alles unglaublich zäh. Das merke ich gerade jetzt, wo ich Prosa schreibe. Ich habe nur zweimal in meinem Leben in wenigen Stunden ein Lied geschrieben. In 50 Jahren! Sonst brauche ich Monate oder Jahre, bis eines fertig ist. Und beim Schreiben von Erinnerungen muss man ständig entscheiden, ob etwas zu peinlich ist. Bei manchen Erinnerungen muss ich regelrecht erröten, und ich frage mich, wo die Grenze zwischen Abmildern und Lüge ist. Aber dann ist es vielleicht besser, es ganz weg zu lassen. Mir wäre zum Beispiel alles peinlich, was Donald Trump macht. Ob es seine Frisur ist oder das, was er erzählt. Aber ihm selbst ist es nicht peinlich. Er hat ein bestimmtes Bild von sich und das vertritt er selbstbewusst.

Am 28. März im Theater am Aegi ab 20 Uhr. Die Tickets kosten 29 bis 35 Euro im NP-Ticketshop.

Von Olaf Neumann

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