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Kultur Und Dornröschen schläft immer noch: Funkes fantastische Welt
Nachrichten Kultur Und Dornröschen schläft immer noch: Funkes fantastische Welt
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00:07 14.09.2010
Reckless-Band 1

VON EVELYN BEYER

Däumlinge sind diebische Gestalten, Wassermänner halten Mädchen in dunklen Höhlen gefangen, und an Einhörnern kommt man nur mit geschlossenen Augen vorbei: So sieht es aus, das Land hinter dem Spiegel, die fantastische Welt, die Cornelia Funke in „Reckless“ wie eine Patchworkdecke vorwiegend aus Motiven der Brüder Grimm webt. Ihre Helden tragen deren anglisierte Namen: Jacob und Will.

Den Durchgang zum Märchenreich entlieh sie von Lewis Carrolls „Alice hinter den Spiegeln“; so braucht Deutschlands erfolgreichste Schriftstellerin nur fünf Seiten für den Einstieg. Jacob Reckless entdeckt den Spiegel als Kind im Arbeitszimmer seines verschwundenen Vaters. Schon ist es zwölf Jahre später, er und sein Bruder sind mittendrin, Jacob jagt Schätzen wie Tischlein-Deck-Dichs, doch nun hat er einen Fehler gemacht und Bruder Will droht zu versteinern.

Das klingt wie auf dem Reißbrett für den internationalen Jugendbuch-Erfolg samt Film zugeschnitten, tatsächlich hat Filmproduzent Lionel Wigram (Harry Potter V & VI) mitgeschrieben. Das Fantasyland mit den Retro-Märchenelementen, Schlössern und Herrschern wie im 19. Jahrhundert, der junge Held, der dem Vater nachspürt und den kleinen Bruder tapfer zu retten sucht, es könnte in Hollywood stehen. Dazu der englische Titel, „Reckless“, der Familienname der Brüder und wohl eher mit verwegen als mit rücksichtslos zu übersetzen: Da möchte man Verrat schreien, sie war doch Hamburgerin, die Cornelia Funke, bevor sie an Kaliforniens Strand zu den Delfinen zog.

Doch schon ist man im Funke‘schen Sog, fühlt förmlich Jacobs ständige Begleiterin, die Füchsin, um seine Beine streichen, bangt mit Wills Freundin Clara angesichts der Versteinerung, die ihr Will nach der Attacke der Goyl durchmacht und die auch sein Wesen wandelt. Schmunzelt über das immer noch schlummernde Dornröschen (der Prinz kam nie) und die trickreiche Variante des Froschkönig-Balls. Funke ist eine unglaublich talentierte Erzählerin, eine Schöpferin von Welten, die atmen und knurren, Gefahr sprühen und dann die Seele streicheln. Souverän springt sie in den Perspektiven und leiht noch der gemeinsten Seele nachvollziehbare Gefühle. Und: die „Reckless“-Welt ist zwar nicht gerade zuckrig, aber nicht ganz so finster-brutal wie die Tintenwelt.

„Steinernes Fleisch“, der erste „Reckless“-Band, erscheint heute in zwölf Übersetzungen, mit Internet-Live-Lesung der Autorin heute um 19.30 Uhr aus New York. Am 23. September liest Funke in Hamburg, leider nicht in Hannover, doch auch diese Lesung gibts als Live-Stream. Viel Tamtam, aber: Das Buch hats verdient.

Cornelia Funke: „Reckless – Steinernes Fleisch“. Dressler, 346 S., 19,95 Euro.

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