Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Wirtz entdeckt die „fünfte Dimension“
Nachrichten Kultur Wirtz entdeckt die „fünfte Dimension“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 27.11.2017
Markanter Typ: Daniel Wirtz. Quelle: Nada Lottermann
Hannover

Alternative Rock mit deutschen Texten – damit trat Daniel Wirtz (42) vor zehn Jahren an. Nun hat der zwischenzeitliche „Sing meinen Song“-Teilnehmer sein fünftes Album veröffentlicht: „Die fünfte Dimension“. Ein Interview.

Ein neues Album, fünf Dimensionen und zehn Jahre Wirtz – wie zufrieden sind Sie damit, wie es sich entwickelt hat?

Wir – also mein Produzent Matthias Hoffmann und ich – haben das ja gemacht, um endlich mal zufrieden zu sein, um keine Kompromisse mehr eingehen zu müssen. Das hat von den ersten Songs funktioniert. Seit zehn Jahren muss ich mich nicht verbiegen, und das ist schön. Ich habe damals immer gesagt: Ich muss mir die Sachen vom Herzen schreiben, bevor es Krebs wird. Und Matthias mit seiner Erfahrung hat das bestärkt. Er hat gesagt: „Wenn du das, was in deinem Kopf ist, nach draußen bringst, kann das die Menschen berühren.“ Er hat von Tag eins an das Potenzial geglaubt. Und wenn es nicht funktioniert hätte, waren wir halt in Schönheit gestorben, aber wir hätten es immerhin probiert.

Und heute?

Machen wir das seit zehn Jahren, die Kurve geht stetig nach oben, und wir machen natürlich weiter. Vielleicht ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem es wieder in den Sinkflug geht. Aber noch nicht.

Wie wichtig war „Sing meinen Song“ für Ihre Karriere? Und wie leicht fiel die Entscheidung, da mitzumachen?

Ich hatte in der ersten Staffel ein paar Spione sitzen, die mir das schmackhaft gemacht haben. Sie haben gesagt: „Ja, du bist vielleicht nicht so der Fernsehtyp, aber hier wird kein Künstler wie die Sau durchs Dorf getrieben und vorgeführt.“ Man kann da wirklich kreativ als Künstler arbeiten. Und es geht wirklich darum, den Künstler gut aussehen zu lassen. So war das natürlich ein Traum. Wenn ich in einem Club spiele, sind da vielleicht 1000 Leute, bunt gemischt, vom Punk-Mädel, hübsch und zutätowiert, bis zu Älteren, wo ich denke, das könnten auch meine Lehrer von früher sein, ist das ein netter Menschendurchschnitt. Aber mit so einer Sendung erreicht man eben noch viel mehr.

Hält die Wirkung an?

Damals waren sie mit einem Bums alle da. Ich glaube nicht, dass ich schlageraffine Leute erreichen kann. Aber ich denke mal, jeder, der auf E-Gitarren und starke Texte steht, kann damit etwas anfangen. Und die Leute, die kommen, sind nicht etwa nur Single-Käufer. Die singen von vorne bis hinten jeden Song mit. Ich meine: Damals waren ja kurz alle meine Platten kurz in den Top 20. Das waren keine Zaungäste.

Vor zwei Jahren sprachen wir schon einmal miteinander. Das war eine Woche, nachdem Sie in der Sendung Hartmut Engler mit Ihrer „Tango“-Version zu Tränen gerührt hatten. Müssen Sie den Song immer noch spielen?

Zumindest, wenn Hartmut in der Ecke ist und den Song spielt. es könnte in dieser Form auch ein Song von mir sein. er erzählt letztlich die Geschichte meiner Großeltern, nur halt von Hartmut geschrieben.

Wenn Sie sagen, Sie müssten sich Dinge vom Herzen schreiben: Täuscht es, oder mussten Sie sich bei „Die fünfte Dimension“ viel vom Herzen schreiben? Zum Beispiel in einem Song wie „Das verheißene Glück“ über die neuen Rechten?

Ich glaube, wer jetzt nicht auf die Barrikaden geht, soll sich später nicht beschweren, wenn die Kinder fragen: Wo warst du den damals überhaupt? Meine Perspektive als Vater ist halt eine andere als früher, wo ich dachte: Okay, in zehn, 20 Jahren hast du dich sowieso totgesoffen. Heute denke ich eine Generation weiter. Wir sind in einem Land groß geworden, in dem es keinen Krieg gab. Und das führt bei vielen zu so einer seltsamen Lethargie: „Ja, man kann zwar wählen, aber wozu?“ Diese Leute will ich ein wenig aufrütteln. Wer denkt – und vor allem, wenn das jeder denkt –, dass man sowieso nichts ändern kann, ist das der Anfang vom Ende. Dieses kleine Europa, das wir hier haben, das sollte man schon beschützen und lieben.

Ist das die Verantwortung des Künstlers?

Ja. Ich meine, als ich mit Udo Lindenberg mit auf Tour war, ist der rausgegangen und hat gesagt, er hätte nie gedacht, dass er in den Bunten Republik Deutschland noch mal den Finger erheben muss. Da hat er recht. Ich denke, jeder, der ein Forum und eine Bühne hat, sollte das nutzen und nicht nur schimpfen und zetern, sondern auch mal für die guten Dinge auf die Barrikaden gehen.

Vieles, was früher als undenkbar und erst recht unsagbar galt, ist plötzlich Allgemeingut geworden ...

Es ist Wahnsinn. Mein Vater hätte mir ins Gesicht geschlagen, wenn ich so etwas gesagt hätte wie zum Beispiel der Gauland, der „Herr Gauleiter“, wie Udo ihn nennt. Da schämt man sich doch, wenn das ins Ausland übertragen wird. Wenn die alle denken: Adolf ist weg.

Wut auf dem Album gibt es auch private – ich denke zum Beispiel an „Liebe“, die Sie angeblich verseucht hat, oder „Gib mich nicht auf“. Was macht die liebe Liebe mit einem?

„Liebe“ ist ja fast schon augenzwinkernd, wo ich am Ende auch sage: Mit ist scheiße, ohne ist scheiße. Es ist halt kompliziert, aber man möchte es nicht missen. Nie geliebt zu haben, ist vielleicht das Schlimmste auf der Welt. Das ist natürlich auch angetriggert durch meinen Sohn, bei dem ich weiß, der muss das alles noch durchlaufen. Obwohl: Sein erstes gebrochenes Herz habe ich fast schon im Urlaub mitgekriegt. Da hat er mit einem gleichaltrigen Mädchen gespielt, und das hat ihn so derartig abgeledert, dass ich in seinen kleinen Kinderaugen sah, dass zum ersten Mal etwas Knack gemacht hat.

Wie alt ist er jetzt?

Er wird jetzt vier. Da geht es los, und das sitzt tief. Und man guckt in diese Augen und weiß: Du, das ist erst der Anfang, das wird noch schlimmer.

Woher kommt wohl diese Gabe von Frauen, einem die eigenen Macken so gnadenlos vorzuhalten?

Weiß ich nicht. Ich denke ja, jede Macke und jeder Fehler machen einen nur klüger. Und da muss frau halt eben auch mal, wie ich es singe, unter den 1000 Gründen dagegen auch mal den einen Grund dafür finden. Der ist oft mindestens genauso viel wer, wie das, was man nicht hat. Wenn es wirklich um die Existenz geht, darum, das Leben gemeinsam zu meistern, dann sucht man doch diesen einen Grund. Auf den kommt es an.

Der Sound der Platte ist härter geworden. Was ist der Grund?

Es klingt ein bisschen anders, ne? Wir haben uns neue Gitarrensaiten leisten können (lacht). Es gibt halt in dieser Welt da draußen, die ich ja bis vor zwei Jahren gar nicht so kannte, tatsächlich den Begriff der „Wirtz-Gitarre“. Da haben wir offenbar einen Sound kreiert, der auch in anderen Zusammenhänger gehört und gespielt wird. Da habe ich gedacht: Wenn das so eine Bedeutung hat, dann lasst uns mal ein bisschen mehr Wirtz-Gitarre auf die Platte packen.

Sie sind viel herumgekommen in den letzten zwei Jahren. Sie haben unter anderem in diesem Jahr bei einem der Fury-Konzerte mitgespielt. Wie war das?

Es war mega. ich kannte die ganzen Songs ja auch. Das Phänomen Fury in the Slaughterhouse ist doch: Selbst, wenn jemand mit ihnen nicht anfangen kann, spielt man die Songs, kennt man sie. Für mich war es ja schon eine totale Ehre, als Kai für meine Sendung „One Night Song“ zu mir auf den Berg gekommen ist. Und als er dann noch gefragt hat, ob ich mitspielen will in Dortmund, war das einfach nur wow. Dass ich mal mit Fury, mit Udo, mit Nena, mit Naidoo zusammenarbeiten würde – wenn man mir das vor zehn Jahren gesagt hätte, dann hätte ich gedacht: Schön wär’s. Wenn mich solche Künstler mit solchem Format auf Augenhöhe empfangen, ist das für mich das Schönste.

„Die fünfte Dimension“ (Wirtz Music/Tonpool“ ist soeben erschienen. Am 6. Mai stellt er es im Capitol vor. Karten (40,55 Euro) gibt es in den NP-Ticketshops.

Von Stefan Gohlisch

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Film zu den NSU-Morden? Fatih Akins Drama „Aus dem Nichts“ (Kinostart am 23. November) mit Diane Kruger ist mindestens so sehr eine private wie eine politische Angelegenheit. Diane Kruger erhielt für ihre Darstellung einer gebrochenen Frau auf der Suche nach Gerechtigkeit in Cannes die Darsteller-Palme.

23.11.2017

Ein Liebling vom Kleinen Fest im Theater am Aegi: Vor 900 Gästen gab Timo Wopp noch einmal sein atemberaubendes Programm „Moral“.

13.11.2017

„In 80 Tagen um die Welt“, Jules Vernes klassischer Traum von einer beschleunigten Welt, ist das diesjährige vorweihnachtliche Familienstück am Schauspielhaus. Wir sprachen mit Silvester von Hösslin, dem Darsteller des Phileas Fogg, über die Inszenierung von Tilo Nest, die Verheißung des Fremden und persönliches Fernweh.

13.11.2017