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Mechtild Rössler vom Welterbe-Zentrum nennt die Situation dramatisch.

Mechtild Rössler vom Welterbe-Zentrum nennt die Situation dramatisch. © Unesco

Jahreswechsel

Wie kann das Weltkulturerbe gerettet werden?

Im Kampf gegen die Zerstörung antiker Kulturstätten fordert die deutsche Direktorin des Unesco-Welterbezentrums mehr Verantwortung von allen. Angefangen von der internationalen Gemeinschaft bis hin zum Kunstmarkt.

Paris (dpa) - Hatra, Mossul, Palmyra: Weltkulturerbe, das in den vergangenen Monaten von islamistischen Extremisten zerstört wurde. Trotz der Bedrohung könne aber viel zum Schutz dieser antiken Ruinen getan werden, sagt Mechtild Rössler, die seit September an der Spitze des Unesco-Welterbezentrums steht.

Nur bräuchte man dazu die Hilfe aller, kritisiert die deutsche Geowissenschaftlerin in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa in Paris.

Frage: Sie arbeiten seit über 20 Jahren für das Welterbezentrum in Paris, zuletzt als Vizedirektorin. Könnte man das, was im Nahen Osten passiert, als die größte Weltkulturerbekrise bezeichnen?  

Antwort: Die Situation, die wir jetzt erleben, ist dramatisch. Es gab im Nahen Osten noch nie so viele Krisenherde.  

Frage: Gibt es Prioritäten?

Antwort: Überall ist Dringlichkeit angesagt. Es wird in einem bislang einzigartigen Ausmaß zerstört und geplündert.

Frage: Können Sie in diesen Ländern noch arbeiten?

Antwort: Viele unserer Leute sind bei ihrer Mission ums Leben gekommen. In Syrien zum Beispiel können wir nicht mehr arbeiten. Dort agieren wir von Beirut aus. Und im Irak sind wir noch teilweise vertreten.

Frage: Was können Sie unter diesen Arbeitsbedingungen erreichen?

Antwort: Wir können viel tun, wenn wir ein Mandat haben. In Mali konnten wir die im Jahr 2012 von den Islamisten zerstörten Mausoleen wieder aufbauen. In Mali war das Mandat in der UN-Mission verankert.

Frage: Der Direktor des Pariser Louvre Museums Jean-Luc Martinez hat vorgeschlagen, den durch die Terrormiliz IS bedrohten Schätzen in Frankreich Asyl zu bieten. Was halten Sie von dieser Lösung?

Antwort: Das sind die sogenannten Safe Havens, vorübergehende Zufluchtsorte für archäologische Objekte. Dieser Vorschlag, der in Übereinstimmung mit den jeweiligen Herkunftsstaaten umsetzbar ist, ist nicht unproblematisch. Denn es stellt sich unter anderem die Frage, wie die bedrohten Objekte aus den Ländern herausgeführt werden können. Das ist riskant.

Frage: Mit Hilfe von Militärs?

Antwort: Welches Militär führt sie heraus? Und unter welchen Bedingungen bekommen die Museen und Einrichtungen die Objekte wieder zurück? Man muss die Gewissheit haben, dass diese Kulturgüter wieder zurückgeführt werden. Einige Objekte sind auch wichtig für die Religionsausübung. Man kann sie den Menschen nicht einfach wegnehmen. Das sind komplexe Sachverhalte. Viele Experten halten die Lösung, die Objekte in situ zu schützen, für die beste.

Frage: Was ist darunter zu verstehen?

Antwort: Das heißt, die Kulturgüter bleiben dort, wo sie sind. Ihre Orte werden völlig geheim gehalten. Das trifft bereits für Syrien und andere Gebiete zu. 

Frage: Wie sieht derzeit die Situation in Syrien und im Irak aus?

Antwort: Dramatisch sind derzeit die illegalen Ausgrabungen. Wir wissen, dass teilweise auch Archäologen von der Terrormiliz dazu gezwungen werden. Satellitenbilder der archäologischen Stätten zeigen, dass sie mittlerweile aussehen wie ein Schweizer Käse. Durch die Plünderungen verschwindet nicht nur bedeutendes Kulturerbe. Auch ein Teil der Geschichte geht dadurch verloren. Derzeit besteht die Gefahr, dass Objekte aus Palmyra illegal ausgeführt werden und für die nächsten zehn Jahre verschwinden.

Frage: Wohin verschwinden diese Kulturgüter?

Antwort: Sie werden vermutlich über den Libanon oder die Türkei nach Westeuropa geschmuggelt oder in die Golfstaaten oder nach Nordamerika. Die Terroristen arbeiten auf industriellem Level, wie die Unesco-Generaldirektorin Irina Bokova sagt.

Frage: Kann der Kunstmarkt helfen?

Antwort: Wenn sich der Kunstmarkt an ethische Prinzipien hält, dann ist schon viel gewonnen. Die Provenienz eines Objektes muss geprüft werden, seine Historie. Wir haben intensive Diskussionen geführt und arbeiten jetzt mit dem Auktionshaus Christie’s zusammen.

Frage: Was wünschen Sie sich für 2016?

Antwort: Ich wünsche mir, dass alle mehr Verantwortung übernehmen. Denn wir sind nur so stark, wie die Staaten uns stark haben wollen.

ZUR PERSON: Mechtild Rössler studierte in Freiburg Geographie und Germanistik. 1988 promovierte sie an der Fakultät für Geowissenschaften in Hamburg. Bevor sie 1991 für die Unesco tätig wurde, arbeitete sie unter anderem für das Forschungszentrum "Cité des Sciences et de l'Industrie" in Paris. 2015 wurde sie zur Direktorin des Welterbezentrums ernannt. 

dpa


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