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Das ausgeklügelte Tunnelsystem unter dem englischen Landsitz Welbeck Abbey fasziniert Historiker, Architekten und Soziologen.

Das ausgeklügelte Tunnelsystem unter dem englischen Landsitz Welbeck Abbey fasziniert Historiker, Architekten und Soziologen. © Hugo Glendinning/The Grand Tour

Kunst

Welbeck: Englischer Landsitz mit Tunnelblick

Der fünfte Herzog von Portland fand es so unerträglich, seinen Untergebenen zu begegnen, dass er unter seinem Herrenhaus für den täglichen Verkehr ein weitläufiges unterirdisches Tunnelsystem schuf.

London. Zum Bau des einmaligen Komplexes setzte der Adelige Mitte des 19. Jahrhunderts dieselben irischen Arbeiter ein, die in London das erste U-Bahnnetz der Welt erbauten. Das zwischen 10 und 15 Kilometer lange Tunnelsystem unter dem Welbeck Estate im Sherwood Forest in Nottinghamshire fasziniert bis heute Historiker und Architekten.

"Es ist ein Mekka aller Menschen, die sich für Korridore interessieren", sagt Stephan Trüby, Professor für Architektur und Kulturtheorie an der Technischen Universität München, der Deutschen Presse-Agentur.

Zwar ist bekannt, dass besonders der englische Adel traditionell für eine räumliche und physische Trennung von Personal und Herrscherfamilie eintrat. Aber das Vorgehen des Herzogs von Portland, der von 1800 bis 1879 lebte, gilt dennoch als extrem. Er realisierte, so Trüby, die "Untergrundversion des englischen Landschaftsgartens."

Über den Herzog, der an Schuppenflechte gelitten haben soll und menschlichen Kontakt so weit wie möglich mied, kursieren viele Gerüchte. Im Volksmund war er als "Maulwurf" bekannt. Die Geschichte der Tunnel wurde erst nach 2006 richtig öffentlich bekannt, weil die Gebäude bis dahin seit dem Ende des Zweiten Weltkrieg von der Armee genutzt wurden.

Der Herzog, der mit seiner Umwelt über zwei Briefkästen in seiner Tür – eine für ausgehende und einen für eingehende Post – kommunizierte, wird als Exzentriker, manchmal auch als Verrückter, beschrieben. Aber Trüby warnt davor, ihn als "Irren" abzustempeln. So sei bekannt, dass der Herzog zutiefst an den technologischen Entwicklungen der damaligen viktorianischen Zeit interessiert war.

Juwel im Untergrund ist nach Angaben Trübys, der das Tunnelnetz besichtigen konnte, ein riesiger glitzernder Ballsaal mit einem Dach aus Glas und Stahl, in dem zu Lebzeiten des Herzogs allerdings niemals getanzt wurde.

Obwohl die Tunnel aus Sicherheitsgründen nicht zu begehen sind, kann der Besucher prachtvoll verzierte, versteckte Tunneleingänge mit üppigen römischen Portalen entdecken. In den unterirdischen Gängen wurde mit Pferdekutsche, Esel und später auch Fahrrad verkehrt. Sie verliefen häufig parallel, um Begegnungen zu vermeiden. Die Geschichte der Tunnel wird in der Harley Gallery auf dem Gelände des Welbeck Estate erzählt.

Die Ausstellung "Elemente der Architektur" informiert über ihren Zustand und ihre Geschichte – sowie über die architektonische und historische Relevanz des Korridors. Fotografien und Digitalbilder der Star-Fotografen Walter Niedermayr und Hans Werlemann geben einen Einblick in Realität und Bedeutung des Korridor-Konzepts. Auch die Tür mit den zwei versetzten Briefkästen, die die Herzog-Suite von seinen Dienern trennte, ist ausgestellt.

Das aus dem 15. Jahrhundert stammende Herrenhaus von Welbeck, Welbeck Abbey, ist bis zum 30. August für Besucher geöffnet. Dort sind die prächtigen überirdischen Schätze der Portland-Sammlung zu sehen.

Welbeck ist eine von vier Stationen einer sogenannten Grand Tour, die in diesem Sommer bis zum 20. September angeboten wird. Den Start macht das barocke Landschloss Chatsworth im idyllischen Peak District von Derbyshire, wo der Duke of Devonshire residiert.

Er hat sich den britisch-argentinischen Künstler Pablo Bronstein ins Haus geholt, der rund 70 Objekten der historischen Kunstsammlung der Devonshires einen zeitgenössischen Anstrich gibt. Im Museum der nahegelegenen Stadt Derby ist ein nach rund 200 Jahren wieder entdecktes Gemälde des römischen Kolosseums des englischen Malers Joseph Wright of Derby (1734-1797) zu sehen, der als führender Vertreter der Hell-Dunkel-Malerei gilt.

Anders als die Originalversion der Grand Tour, auf der privilegierte europäische Reisende zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert die Kunst und Architektur des Altertums wieder entdeckten und aufkauften, soll die zeitgenössische Reise durch die ehemaligen Industrieregionen von Derby und Nottingham ein "Vergnügen für jedermann" sein, sagt der Duke von Devonshire über das Konzept der Grand Tour des 21. Jahrhunderts. Ihr zweiter Teil soll im nächsten Frühjahr folgen.

dpa


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