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CHAOS IM OBSTSALAT: Das Ensemble hatte seinen Spaß.© Ribbe

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Theater

"Was ihr wollt"-Premiere im Schauspielhaus

Ein seltsames Eiland ist dieses Illyrien. Palmen stehen zwischen Osterinsel-Statuen, Riesenspinnen wuseln durch alte Tempelanlagen, am Ende explodiert eine Atombombe. Davor tummeln sich Großwildjäger, Matrosen und südamerikanische Revoluzzer. Eine junge Dame, Viola, wird angeschwemmt, verkleidet sich als Mann, verliebt sich in ihren Herrn Orsino, wird von ihm als Liebesbote zur schönen Olivia geschickt, die sich wiederum …

Hannover. Ein schönes Durcheinander hat Shakespeare mal wieder angerichtet, in seiner Komödie „Was ihr wollt“. Liebe beruht hier nicht auf Gegenseitigkeit, sondern ist ein Kreisverkehr. Und Marius von Mayenburg übersetzt des alten Meisters damalige popkulturelle Anspielungen ins Heutige, famos unterstützt durch Bühne (Nina Wetzel), Video (Sébastien Dupouey), Kostüme (Miriam Marto) und Musik (Nils Ostendorf).

Mayenburg hat das Stück einmal mehr selbst übersetzt (schon die „Maß für Maß“-Inszenierung am Schauspielhaus folgt seiner Vorlage). Und er nimmt es wörtlich. Was nicht nur zu einer Laufzeit von drei Stunden führt, sondern auch zu einer großen Drastik. Sexuelle Spannungen, gleichgeschlechtliche Neigungen, größte Albernheit und tiefste Not - unterschwellig wird hier gar nichts dargestellt.

Das schon bei Shakespeare völlig unglaubwürdige Happy End wird hier endgültig ins Bizarre verzerrt, eine Folterszene so heftig ausgebreitet, dass bei der Premiere ein Zuschauer glatt „Pfui Teufel!“ ruft. Irgendwann gibt es die (absichtlich) schlechteste Schlägerei der jüngeren Geschichte. Robert Zimmermann, der unter anderem den Sebastian spielt, flucht, dass er sich schon wieder umziehen muss. Hier lässt sich jemand tief in die Karten gucken. Wenn eine Banane auftaucht, darf man sicher sein, dass auch jemand darüber stolpert.

In so einem Ambiente ist nur Platz für Knallchargen - entsprechend gern ballern sie in der Gegend herum: Oscar Olivo als Operettenpotentat Orsino in Mafiosokluft, Jakob Benkhofer als versoffenem Intriganten Sir Toby oder Janko Kahle als öligem Dummkopf merkt man an, welchen Spaß sie dabei haben, über die Stränge zu schlagen. Die wunderbare Lisa Natalie Arnold lässt ihre Olivia herrlich hysterisch von den Gefühlen überrumpeln. Ein Rollen-Spiel, in jeder Konsequenz.

Den Überblick in diesem Wahnsinn behält einzig (und folgerichtig) der Narr, den Mayenburg als „Idiot“ übersetzt und den Mathias Max Herrmann irgendwo zwischen Marty Feldman und Rocky Horror Show anlegt. Und der einzige atmende Mensch hier ist diejenige, die den ganzen Schlamassel auslöst: Viola, sehr reizend und sehr charismatisch von Ensembleneuling Vanessa Loibl gespielt.

Man kann diese Inszenierung arg direkt finden, vielleicht sogar plump. Man kann sich aber auch trefflich amüsieren; viele Zuschauer lachen schallend, andere gehen schimpfend in der Pause. „Wenn man so etwas auf die Bühne bringt, das glaubt einem kein Mensch“, sagt der Idiot einmal. Das darf man ruhig so stehen lassen.

Bewertung: 3/5


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