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DAS PROGRAMM STEHT: Christoph Lieben-Seutter ist Intendent der prächtigen Elbphilharmonie.© dpa

Interview

Was Lieben-Seutter in der Elbphilharmonie plant

Sein Vertrag wurde gerade bis 2021 verlängert: Christoph Lieben-Seutter ist Intedant der Hamburger Elbphilharmonie, die fast fertig ist. Zur Zeit wird der Konzertsaal akustisch justiert. Ein Interview über unzählige Millionen, erlesene Klänge, Stöckelschuhe und Einstürzende Neubauten.

Denken Sie eigentlich noch manchmal über die Baukosten nach?

Natürlich schon, weil es unsere Arbeit immer noch beeinflusst. Nicht zuletzt, weil durch die Entstehungsgeschichte der Elbphilharmonie der Erwartungsdruck nochmal anders ist als bei einem normalen Bauwerk. Und natürlich denke ich auch darüber nach, was man hätte anders machen können - aber das ist vergossene Milch.

Wie hoch waren die Baukosten nochmal?

Die genaue Zahl müsste ich...

Grob geschätzt?

So etwas wie 800 Millionen, wobei man auch sagen muss, dass die Baugeschichte der Elbphilharmonie nicht dieser endlose Skandal war, wie er von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.

Sondern?

Es war eine ungünstige Vertragskonstruktion und im speziellen der übereilte Baubeginn bei ungenügender Planungstiefe. Dieser Fehler hat endlose Diskussionen und Nachtragsforderungen möglich gemacht - bis zur Neuverhandlung der Verträge vor drei Jahren. Seitdem läuft es auch rund. Seitdem sind wir in der Zeit und im Kostenrahmen.

Bezahlt wurde auch und vor allem für die Akustik. Was sagen Ihre Ohren dazu?

Bisher konnten Sie nur hören, wie die Orgel gestimmt wurde. Aber man hört ja nicht nur mit den Ohren, man hört mit allen Sinnen, und da ist der Saal schon jetzt überwältigend. Der Raum ist architektonisch unglaublich spannend, fühlt sich sehr warm an, man fühlt sich sofort geborgen. Die wirklich spannende Frage aber ist noch nicht geklärt, nämlich wie wohl sich ein Orchester fühlt. Die ersten Proben sind für September vorgesehen.

Die Architektur ist exzeptionell. Wie kann da das Programm mithalten?

Es muss auch exzeptionell sein.

Okay. Das Programm holt die ganz großen Orchester, das macht auch beispielsweise Baden-Baden, vieles gibt es in Berlin oder auch sogar vorab in Hannover - wenn ich an die „Walküre“ mit Christian Thielemann denke. Außergewöhnlich ist das nicht...

Der Mix machts. Sie werden woanders keinen „Moses und Aron“ mit Ingo Metzmacher finden, kein Festival zum Thema „Transatlantik“ und kein „Salam Syria“. Es ist ja völlig klar, dass bei 300 Konzerten nicht 300 Einzelstücke hergestellt werden können, die es so nirgends sonst auf der Welt gibt. Das ist auch nicht der Sinn eines Konzerthauses. Die Hamburger wollen ja, dass die Welt zu ihnen kommt und dass die großen Stars hier auftreten. Und wir spiegeln gleichzeitig die Architektur zurück - dass hier ein Haus des 21. Jahrhunderts steht.

Ein Neubau, der hoffentlich nicht einstürzt. Wie sind Sie eigentlich darauf gekommen, ausgerechnet die Einstürzenden Neubauten eines der Konzerte im Eröffnungsfestival spielen zu lassen?

In der Elbphilharmonie gibt es ja nicht nur klassische Musik. Es ging schon früh darum, welche deutschsprachige Band hier am Anfang auftreten könnte. Die Einstürzenden Neubauten sind auch ein Klassiker, wenn man so will, ein Klassiker der Avantgarde. Und dass der Name zum Schmunzeln anregt, bringt uns schöne Schlagzeilen ein.

Für welche Musik ist der Saal der Elbphilharmonie überhaupt geeignet - die großen spätromantischen Brocken?

Genau. Auch große, üppig instrumentierte Werke des 20. Jahrhunderts sollten kein Problem sein. Die vergleichbaren Säle des Akustikers Toyota zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie eine unglaubliche Durchhörbarkeit haben. Man hört in 3-D. Anstatt dass einen die Klangwelle überrollt wie in anderen Konzertsälen, hört man immer ganz genau: Da ist der Bass, dort hinten die Flöte. Man behält den Überblick, und trotzdem wächst es zusammen zu einem Gesamterlebnis.

Wie ist es mit der akustischen Isolierung? Hört man das Tuten von den Schiffen auf der Elbe?

Bis jetzt habe ich noch keins gehört. Es sollte auch nicht sein. Um das auszuschließen, sind beide Säle, der große und der kleine, auf Stahlfederpaketen gelagert.

Fast eine Milliarde oder was für Zahlen später noch rumgeistern werden - da denkt man natürlich, die Eintrittspreise müssen dementsprechend sein. 175 Euro für eine gute Karte beim Chicago Symphony Orchestra... würden Sie das als happig bezeichnen?

Nein. Das sind unsere teuersten Konzerte, trotzdem gab es fürs Chicago Symphony Orchestra auch Tickets für 15 Euro. Wir orientieren uns an einem annehmbaren Höchstpreis und, was wichtiger ist, an einem günstigen Durchschnittspreis. Und da haben sowohl wir als auch die anderen Veranstalter mit wenigen Ausnahmen sehr maßvolle Eintrittspreise. Und für zehn, zwölf Euro ist man auf den billigen Plätzen dabei.

Kann die Elbphilharmonie überhaupt kostendeckend arbeiten?

Die Elbphilharmonie wird wie jedes große Kulturprojekt auch aus Steuergeldern finanziert. Sie ist kein kommerzielles Unternehmen. Das Projekt hat höhere Werte zu erfüllen, als dass es sich unbedingt rechnen muss. Und es rechnet sich natürlich durch einen Imagefaktor für die Stadt, denn das Haus signalisiert, dass Hamburg eine tolle Kulturstadt ist. Und dann gibt es da noch die viel zitierte Umwegrentabilität, weil durch den Tourismus, den die Elbphilharmonie generiert, auch eine Menge Geld in die Stadt gespült wird.

Wie laufen Abos und Ticketverkäufe?

Bei den Abos ist praktisch alles ausverkauft, wobei wir im Schnitt pro Konzert nicht mehr als 50 Prozent der Tickets im Abo anbieten. Auch der Ticketverkauf läuft gut. Bis auf ein Dutzend ausverkaufte Konzerte gibt es aber fast überall noch ausreichend Karten.

Wo kommen die Kartenkäufer her?

Hamburg, aber auch Berlin, Frankfurt, München, sogar Wien und London. Ich gehe davon aus, dass 80 Prozent aus dem Großraum Hamburg sind.

Nun hat Hamburg zusammen mit der Laiszhalle zwei tolle Konzertsäle mit jeweils mehr als 2000 Plätzen. Verkraftet die Stadt das?

Städte in ähnlicher Größenordnung - von meiner Heimatstadt Wien brauche ich gar nicht zu sprechen - aber auch kleinere Städte wie Barcelona oder München haben mehr als eine Konzerthalle.

Müssen Sie als Intendant auch die Stöckelschuhe und Abendkleider im Blick haben? Die U-Bahnstation ist ja eine ganze Ecke weg und die Parkplätze reichen auch nicht.

Die habe ich seit bald zehn Jahren im Blick, so lange ich in dem Projekt bin. Der Zugang zur Elbphilharmonie ist ein Nadelöhr, trotz aller Optimierungsmaßnahmen der Stadt. Wenn alle Besucher mit Privatfahrzeugen kommen, wird es Staus geben. Aber die Hamburger sind hart im Nehmen, so ein norddeutscher Sprühregen schreckt nicht sonderlich ab - alles eine Frage der passenden Kleidung.

Wann war der Moment, dass Sie aufhören wollten?

Das war tatsächlich nur ein Mal, 2008, als das Projekt erstmals in Schieflage geriet.

Irgendwann müssen Sie den Neugier-Effekt abziehen...

Ja, bei den Planungen der Spielzeiten 17/18 und 18/19, mit denen wir gerade beschäftigt sind, tragen wir dem Rechnung, weil wir davon ausgehen, dass der Neugier-Effekt nach dem ersten Jahr abklingen wird. Was uns aber zuversichtlich macht, ist, dass die Leute beim Kartenvorverkauf sich ganz anders verhalten haben, als wir erwartet haben. Wir dachten, die meisten wollen nur ein Konzert kaufen. Stattdessen war unser Problem am ersten Verkaufstag, dass die Leute mit langen Listen anstanden und fünf, zehn oder sogar 20 Konzerte auf einmal gekauft haben. Da waren viele neue Kunden dabei, was beweist, dass es keinen genetisch definierten Pool von Klassik-Interessierten gibt und die anderen damit nichts zu tun haben. Es gibt viel mehr ein Riesenpotenzial von Menschen, die nur einen kleinen letzten Kick brauchen, um ins Konzert zu gehen. Und wir spüren wir schon jetzt: Die Elbphilharmonie ist genau dieser Kick.

Wen würden Sie ganz persönlich gerne mal in der Elbphilharmonie hören?

Die meisten meiner Wünsche gehen in der Elbphilharmonie auch in Erfüllung. Meine Träume sind eher im populären Bereich: Mark Hollis, den Sänger von Talk Talk.

NP-VISITENKARTE

Geboren am 3. Juni 1964 in Wien. Seit 2007 Generalintendant der Hamburger Elbphilharmonie mit Vertrag bis Ende der Saison 2020/2021. Nach dem Abitur ab 1982 bei Philips Ausbildung zum Software-Ingenieur und Marketing-Assistenten. 1988 Direktionsassistent am Wiener Konzerthaus. 1993 persönlicher Referent des Intendanten am Opernhaus Zürich. 1996 bis 2007 Generalsekretär der Konzerthausgesellschaft Wien, künstlerische und kaufmännische Leitung des Festivals „Wien modern“. Präsident der European Concert Hall Organisation.

Ausverkauft und ein preiswerter Tipp

Für die beiden Eröffnungskonzerte (11. und 12. Januar) sowie für die Konzerte mit den internationalen Spitzenorchestern wie dem Chicago Symphony gibt es keine Karten mehr. Eröffnet wird der mit vielen Vorschusslorbeeren bedachte große Saal vom NDR-Elbphilharmonie-Orchester unter Leitung seines Chefdirigenten Thomas Hengelbrock – das noch nicht bekanntgegebene Programm soll überraschen – mit dabei sind etliche Klassikstars wie Jonas Kaufmann, Bryn Terfel, Philippe Jaroussky und Anja Harteros. Wer auf die ganz großen Stars verzichten kann und einfach so früh wie möglich den Großen Saal kennenlernen möchte: Für das Konzert vom sanften Piano-Jazzer Brad Mehldau gibt es am 16. Januar ab 20 Uhr noch Karten (ab 10 Euro).


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