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Farin Urlaub.

Farin Urlaub.

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Interview

Warum Farin keinen Urlaub mehr macht

Chef-Arzt, Weltreisender, Solokünstler: In zwei Wochen kommt Farin Urlaub (51) mit seiner Zweitband, dem Farin Urlaub Racing Team, in die Swiss-Life-Hall. Ein Gespräch über Fans und Fernreisen.

Eigentlich wollte ich das Interview mit einem Penis-Witz eröffnen.

Wie? Was?

Sie waren neulich bei Jan Böhmermanns „Neo-Magazin royal“ zu Gast, mussten das Spiel „Entscheide dich!“ spielen und dabei unter anderem die Frage beantworten, ob Sie lieber einen kleinen Penis mit Tribal oder ein Gesichtstattoo mit Rechtschreibfehler hätten. Macht man so etwas gerne?

Vorweg: Jan Böhmermann war total nett zu mir. Ich gucke nie fern, aber man hat mir erzählt, dass er sonst mit seinen Gästen ganz anders umgeht. Nur, so richtig Spaß macht mir das nicht: man sitzt da und redet weder über Musik noch über irgendetwas Wichtiges. Ich habe versucht, originell zu sein und die ganze Zeit flache Witze gemacht. Das ist jetzt nicht mein Hobby.

Wie sieht es sonst mit dem Interview-Zirkus aus?

Wie die Brasilianer so schön sagen: „Werbung ist die Seele des Geschäfts.“ Und wenn ich niemandem erzähle, dass ich ein neues Album draußen habe und dass es das Größte ist seit Erfindung der Reißzwecke, kriegt das auch niemand mit. Soviel habe ich schon verstanden. Aber dann möchte ich auch über Musik reden. Denn sonst bräuchten wir gar keine Musiker mehr, sondern müssten alle Politiker oder Beamte werden. Oder Ärzte, also welche im Krankenhaus. Ja, es gibt wichtigere Sachen, aber Musik ist das Größte für mich. Und ich habe auch nichts Anderes gelernt.

Es hat sechs Jahre gedauert nach dem letzten Racing-Team-Album ...

Das klingt jetzt so, als hätte ich sechs Jahre lang auf der faulen Haut gelegen und auf die Inspiration gewartet. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Ich kam einfach nicht dazu. Es gibt da diese kleine Freizeitband, in der ich auch spiele. Das ist sehr aufwendig, was wir da treiben. Wir gehen ja nicht mal einfach so auf Tour, sondern schaffen da schon ein paar vorübergehende Arbeitsplätze. Das muss von langer Hand geplant werden. Dann sind es ja auch nicht fünf Konzerte, die wir spielen, sondern eher 100. Und ich will auch nicht verschweigen, dass ich auch die eine oder andere kurze Reise eingeschoben habe.

Was habe ich neulich gelesen? 90 Länder fehlen Ihnen noch?

Das kommt darauf an, wie man rechnet. Die USA zum Beispiel sind die USA, nicht wahr? Aber ich finde, dass Alaska und Hawaii nicht unbedingt zu den 48 zusammengehörenden Staaten gehören. Und so errechne ich mir meine eigene Punktzahl. Es gibt im Internet die total Wahnsinnigen, die die Welt in 860 Territorien unterteilt haben. Zwei Leute sind die kurz davor, all diese Territorien besucht zu haben. Aber ich habe auch noch ein anderes Leben.

Gibt es Länder, in die Sie im Moment nicht reisen würden?

Naja, ich traue mich zur Zeit natürlich auch nicht, beispielsweise in den Jemen zu fahren. Ich bin ja nicht unverwundbar und Supermann, nur weil ich Musiker bin. Aber ich war schon in ein paar Ländern, in die man jetzt nicht mehr reisen kann, und es gibt Länder, in die man noch nie reisen konnte. Ich hoffe, dass sich das irgendwann ändert - nicht wegen meiner Reisen, sondern damit die Menschen, die dort leben, auch mal erleben, wie es ist, in Frieden zu leben.

Zurück zur Musik: Was können Sie mit dem Racing Team machen, was Sie mit Die Ärzte nicht machen können?

Es ist schon etwas ganz Anderes, mit diesem kleinen Orchester auf der Bühne zu stehen. Für Die Ärzte nutzen wir das durchaus im Studio, nehmen zum Beispiel Streicher rein, wenn wir das wollen, aber live brechen wir es auf drei Leute herunter. Das ist schön und macht Spaß, aber beim Racing Team will ich live ganz anders auftreten. Darum sind wir auch wieder mit zwölf Leuten unterwegs, nach einer kleinen Durststrecke, während der wir nur zu zehnt waren ...

Mickrig.

Peinlich geradezu. Wir haben uns geschämt, dafür Eintritt zu nehmen (lacht).

Wie sieht es textlich aus? Ich habe den Eindruck, dass es beim Racing Team ein wenig persönlicher wird, weiß aber nicht, was davon vielleicht nur Rollenprosa ist.

Wenn man sich eine der aktuellen B-Seiten anhört, „Himmel auf Erden“, da stecke ich schon sehr stark drin. Aber wenn ich über Figuren singe, zum Beispiel die aus „Herz? Verloren“? Danke, nein. Das ist wirklich Rollenprosa. Immer nur über das große Ganze, das Erhabene zu singen und ewige Wahrheiten zu verbreiten, ist mir zu anstrengend. Darum denke ich mir Figuren aus, und was denen zustößt, macht mir Freude. Ich glaube auch nicht, dass alle Krimiautoren jemanden erschlagen haben, aber es scheint ihnen sehr viel Spaß zu machen, sich in Menschen hineinzudenken, die das tun.

Es hat vermutlich etwas Kathartisches.

Für mich definitiv. Ich muss zu niemandem böse sein, denn ich habe ja meine kleinen Protagonisten.

Und wenn Sie nur „Der Fan“ sind ...

In dem Lied wiederum spiegele ich mich zum Teil auch selber. Denn obwohl ich weiß, wie das Geschäft funktioniert, geht es mir doch immer wieder so, dass ich mich über mich über eine Platte ärgere: „Mensch, die letzten drei Platten von der Band waren doch so gut. Muss das denn jetzt sein?“ Und bin genauso ungerecht wie die Leute es gegenüber mir sind (lacht). Der Fan an sich ist konservativ. Der hat seine gute Zeit gehabt mit irgendwas und will, dass es immer so bleibt.

Wovon sind Sie Fan?

Sehr, sehr viele Bands, von denen ich Fan bin, können nichts mehr falsch machen, weil es sie längst nicht mehr gibt. Aber um mal etwas Zeitgenössisches zu nennen: Kraftklub mag ich. Placebo mag ich sehr - und dann machen sie „Battle for the Sun“, und ich denke: „Warum nur, warum?“ Selbst die Foo Fighters, von denen ich ein nahezu devoter Fan bin, haben das ... mh, ich drücke es mal so aus: haben mit „Sonic Highways“ ein Album gemacht, das ich nicht ganz so super finde wie die anderen. Jetzt habe ich mir neulich endlich die DVD besorgt, und plötzlich macht alles wieder einen Sinn. Denn die DVD finde ich großartig. Aber das Album hätten sie sich meinetwegen sparen können.

Die Foo Fighters begeben sich da auf musikalische Spurensuche durch die USA. Wohin würde die bei Ihnen führen?

Ganz ehrlich: Wo willst du das in Deutschland machen? Willst du ins Erzgebirge fahren? Die Musik, mit der ich sozialisiert wurde, kommt ja gar nicht von hier.

Gab es irgendwann mal die Überlegung, die Musik zugunsten der Reisen aufzugeben?

Ich habe mal probiert, das herauszufinden, und mir das ehrgeizige Ziel gesetzt, 365 Tage lang nicht nach Europa zurückzukehren. Das habe ich geschafft, aber nach sieben Monaten gemerkt, dass der Kanal total voll war und sich neue Eindrücke gar nicht mehr durchsetzen konnten. Für immer unterwegs zu sein, ist nichts für mich. Und Musik ist mehr als ein Hobby: Ich werde Musik machen, bis ich hintenüber falle. Das ist meine Ausdrucksmöglichkeit.

Es gibt ja auch wieder schöne Ausdrücke auf dem Album. Ich zitiere aus „Heute tanzen“: „Literatur ist wichtig, doch wir leben nicht von Buchstaben allein, gelegentlich darf das Niveau auch flacher sein“. Wo fühlen Sie sich wohler: beim tanzen oder in der Literatur?

Ganz klar bei der Literatur. Wer mich einmal beim Tanzen gesehen hat, weiß, dass das keine Zukunft haben kann.

Ich habe Sie tatsächlich mal in einer Disco gesehen, nach einem Die-Ärzte-Konzert in Hannover in der Baggi.

Jajaja. Da waren wir in den 90ern manchmal, auf der verzweifelten Suche nach Sex.

An jenem einen Abend jedenfalls kamen Sie an die Theke, der DJ legte ein Die-Ärzte-Stück auf, und Sie machten sofort kehrt.

Das ist auch ein Statement, oder?

Wie unangenehm sind solche Situationen?

Es ist natürlich bescheuert, in der Stadt, in der man gespielt hat, auszugehen. Aber was soll man machen? Heute ist das weniger geworden. Aber auch damals gab es Clubs in manchen Städten, da waren die Leute so arrogant, dass sie sagten: „Glaubt ja nicht, dass wir euch wahrnehmen.“ Das war dann super.

Was empört Sie? In einem vielbeachteten Interview haben Sie sich neulich über die neuen Rechten als „Arschgeigen“ ausgelassen.

Ich nehme am Internet nicht teil und hatte erst gar nicht mitbekommen, dass es solche Wellen geschlagen hat. Ich hätte mich vielleicht auch ein bisschen differenzierter ausgedrückt. Ich bin nicht so stolz auf die Implikation, dass das alles ist, was ich daran auszusetzen hätte, und dass es so erscheint, als glaubte ich, nur dumme Leute wären Nazis. Das ist natürlich nicht so. Grundsätzlich stehe ich aber zum Kern dieser Aussage: Das sind alles Arschgeigen.

Farin Urlaub Racing Team live: am 27. Mai in der Swiss-Life-Hall. Es gibt noch Sitzplatzkarten für 40 Euro.


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