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Schauspielhaus, Lars Ole Walburg

Lars Ole Walburg© Nancy Heusel

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NP-Interview

Walburg über "Rocco und seine Brüder"

Am 22. September hat am Schauspiel Hannover "Rocco und seine Brüder" nach dem berühmten Film von Luchino Visconti Premiere, eine Koproduktion mit der Ruhrfestspielen. Intendant Lars-Ole Walburg inszenierte selbst. Ein Interview.

Hannover. „Rocco und seine Brüder“ hatte bereits eine Premiere, bei den Ruhrfestspielen. Wie fühlt es sich jetzt an? Wie eine Wiederaufnahme?
Wir haben das Stück unter extremem Zeitdruck inszeniert, so sehr, dass ich zum ersten Mal in meinem Regisseursleben befürchtete, ich würde nicht fertig werden. Wir hatten fünf Wochen. Viele Schauspieler haben abends noch gespielt, die Musiker waren nur zwei Wochen da. Dann ist mir Cosma Shiva Hagen nach einer Woche abgesprungen. Mit dem Umzug nach Recklinghausen war das schon sehr wenig Zeit. Das war schon hart. Aber wie das häufig so ist im Theater, wurde es wie durch ein Wunder eine Punktlandung zur Premiere. Dennoch gibt es ein paar Stellen, , die nicht wirklich fertig geworden sind und an die wie jetzt nochmal ran können.

Und die haben Sie jetzt abgearbeitet?
Ja. Ich habe mich mit Kostüm, Video und Musik zusammengesetzt, mit ihnen gemeinsam die Aufzeichnung angeschaut und überlegt, was wir proben und ändern wollen. Beispielsweise das Ende.

Das Ende, das einen sehr direkten Bezug herstellte vom Italien der 50er Jahre zur deutschen Gegenwart, gehörte auch zu den wenigen Dingen, die an der Inszenierung kritisiert wurden ...
Das war für mich nicht der Hauptpunkt. Für mich war es ein Versuch, mit dem gesamten Stück nochmal woanders anzukommen, in der heutigen Zeit. Wir haben darüber im Ensemble viel diskutiert, auch schon vor der Premiere. Viele hatten Zweifel, dass es das braucht. Schließlich sei das doch schon Thema des Stückes. Es ist ein ganz toller Text von Rüdiger Safranski über unsere allgemeine Situation in Europa. Doch wenn man im Theater eigentlich schon ein gefühltes Ende erlebt hat und dann noch einmal fünf Minuten Text kommen, ist das nicht so einfach.

Wobei das Ende des Films auch nicht einfach ist: Es franst ein wenig aus, mit einem Blick auf die Straßen der Stadt ...
Ja, aber ich mag diesen Moment, in dem der jüngste der Brüder, Luca, die Straße entlanggeht, an den Plakaten seines erfolgreichen Bruders vorbei ... Da kann der Film natürlich mehr als das Theater, nämlich über die Tristesse der Architektur etwas erzählen, das die Unbestimmtheit der Zukunft einfängt. Und inzwischen hat sich bei mir das Gefühl verfestigt, dass Luca - bei uns wird er gespielt von dem erst 14-jährigen Gabriel Schlager - das letzte Wort haben muss. Der fragt im Film als letztes seinen Bruder: „Meinst du, dass wir hier glücklich werden?“ Das ist für mich eine schöne Frage zum Ende, die dem letzten Bild sehr nahe kommt.

Was hat Sie an diesem Filmstoff gereizt?
Ich weiß, dass ich diesen Film während meiner Studienzeit gesehen habe und dass er mich sehr beeindruckt hat. Ein filmhistorischer Meilenstein, was sich auch in unserer Beschäftigung erwies. Er zeigt das Thema von Wirtschaftsflüchtlingen und deren Zwang zur Assimilation aus einer für uns heute sehr ungewohnten Perspektive. Ich mag es nicht, wenn über das Flüchtlingsthema am Theater gesprochen wird, indem man es direkt auf die Bühne hievt, womöglich noch mit Betroffenen - das finde ich geradezu voyeuristisch. Aber natürlich ist es ein wichtiges Thema. So kam es zu diesem Vorschlag.

Es geht um Migration im eigenen Land.
Der Film hat den Vorteil, dass er die Städte gar nicht groß erwähnt. Es geht vor allem um Nord und Süd, und damit ist der Assoziationsraum weit offen. Allerdings haben wir es uns nicht versagt, auch mit gewissen italienischen Machismen zu spielen.

Ein Glück, dass Sie so viele dunkelhaarige Schauspieler am Haus haben.
Ja, bei den Brüdern war das wirklich sehr lustig (lacht). Und ich finde, wir haben eine authentischere Besetzung als der Film. Bei uns kann man die Darsteller wirklich als Brüder verkaufen.

Ist Europa das große Thema der Spielzeit?
Ein Stück europäische Geschichte, würde ich sagen. Man kann mit dem Theater in die Vergangenheit blicken und erkennt, dass die Probleme, die wir haben, so neu nicht sind und auch alle schon mal gelöst wurden. Das finde ich beruhigend. Wir brauchen keine Angst vor der Angst und können optimistischer sein, als wir es derzeit sind.

Worauf freuen Sie sich am meisten in dieser Spielzeit?
Vor allem darüber, dass ich so viel Zeit habe (lacht). Wenn „Rocco“ erst einmal draußen ist, kann ich mich auf die nächsten Stücke und die Vorbereitung der nächsten Spielzeit konzentrieren. Ich suche auch für die weitere Kooperation mit den Ruhrfestspielen ein neues Stück. Und ansonsten habe ich alle Anfragen von außerhalb abgesagt und kann mich komplett hier um das Haus kümmern. Es ist natürlich auch schön, woanders zu arbeiten - für die eigene Reputation als Künstler und auch für das Ansehen unseres Schauspiels. Aber jetzt genieße ich einfach mal eine Spielzeit lang den Luxus, nur hier zu arbeiten.


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