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Königin in später Blüte: Victoria (Judi Dench) ist fasziniert von ihrem indischen Höfling Abdul Karim (Ali Fazal). Ihre Thronmüdigkeit ist wie verflogen.

Königin in später Blüte: Victoria (Judi Dench) ist fasziniert von ihrem indischen Höfling Abdul Karim (Ali Fazal). Ihre Thronmüdigkeit ist wie verflogen.
© Foto: Universal

Kino

„Victoria & Abdul“ – Judi Dench ist wieder Königin

Schon einmal – vor 20 Jahren – hat Judi Dench Queen Victoria gespielt. In „Victoria & Abdul“ (Kinostart am 28. September) erzählt Regisseur Stephen Frears von ihrer Freundschaft zu einem indischen Diener. Auch Frears istkein Debütant in Sachen Royals. Er inszenierte vor elf Jahren „The Queen“ über Elizabeth II.

Hannover. Schon „The Queen“ (2006) war eine ziemlich persönliche Angelegenheit, jedenfalls aus royaler Perspektive: Der britische Regisseur Stephen Frears zeigte Königin Elizabeth II. mit Lockenwicklern, weinend im schottischen Hochland beim Anblick eines majestätischen Hirsches und vor allem als hartnäckige Realitätsverweigererin, die nur notgedrungen den Einbruch des Medienzeitalters akzeptiert. Im Hintergrund lief das Drama um den Tod Dianas ab, die Regentin (gespielt von Helen Mirren) wollte partout nicht verstehen, dass die Öffentlichkeit nach Bildern der Trauer geradezu gierte. Ganz vorsichtig löste Frears die Monarchin aus ihrer inneren Lähmung.

Sympathie für das königliche Oberhaupt

So viel Einfühlungsvermögen dankte die leibhaftige Elizabeth dem Regisseur und seinem Team später mit einer Einladung in den Buckingham-Palast. Eine ähnliche Veranstaltung ist dieses Mal nicht zu erwarten, denn nun wendet sich Frears jener Monarchin zu, die das britische Königreich im 19. Jahrhundert geprägt hat. Doch auch in „Victoria & Abdul“ wird bald schon Frears‘ Sympathie für das königliche Oberhaupt spürbar. Der Experte für feinsinnige Komödien („Mein wunderbarer Waschsalon“, „High Fidelity“) findet in weitläufigen Gemächern zwei Einsame, derer er sich annimmt – ein bisschen so wie bei Elizabeth II. und Premier Tony Blair in „The Queen“.

Allerdings dauert es ein wenig, bis wir Victoria überhaupt zu Gesicht bekommen in diesem schön pointiertem Historiendrama: Wir hören sie erst einmal lautstark schnarchen, versteckt unter mächtigen Bettdecken, wir erspähen aus der Distanz, wie eine gebrechliche, alte Frau aus dem Bett geholt wird, wir sehen nur ihren Dutt in Großaufnahme, der hergerichtet wird. Viel Leben scheint nicht mehr in der Königin zu stecken, die bestenfalls noch am Dessert interessiert ist – weshalb ihr ungehobelter Sohn, der Prince of Wales, hier nur Bertie (Eddie Izzard) genannt, schon mal ruft: „Ich dachte, sie stirbt bald.“

Ein Blick in die Augen der Königin

Bis der Inder Abdul Karim (Ali Fazal) vor Victoria steht, ihr auf einem Tablett zum goldenen Thronjubiläums 1887 eine Ehrenmedaille überreicht, wofür er um die halbe Welt reisen musste. Dann schaut Abdul der Königin gegen strengste Anweisungen des Protokolls in die Augen. Er ist amused, und sie ist es auch. Ob es wirklich so oder so ähnlich war? Keine Ahnung, aber es hat diese Beziehung zwischen den beiden gegeben.

Was genau mit Victoria passiert, lässt Frears klug offen. So einfach ist diese mütterliche Freundschaft einer Königin zu ihrem Diener nicht zu entschlüsseln. Victoria erinnert sich jedenfalls erst einmal daran, dass sie auch Kaiserin von Indien ist – nur dass sie selbst keinen blassen Schimmer von dem Subkontinent hat. Abdul steigt zu ihrem „Munshi“ auf, was so viel wie Lehrer bedeutet. Er weckt die beinahe schon abgestorbene Neugier der Monarchin, gibt ihr Sprachunterricht in Urdu und lehrte sie indische Bräuche.

Fremder Inder, fremde Briten

Derweil bietet sich für Frears die Chance, einen „Clash of Cultures“ zu inszenieren, dessen Vibrationen bis in die Gegenwart reichen. Eine verknöcherte (Hof-)Gesellschaft lehnt den Fremden ab. Ein Inder, ein Moslem, ein Farbiger - was will der in unserem Land! Umgekehrt sehen die Zugereisten – Abdul ist nicht allein gekommen, sondern hat noch einen an der Kälte leidenden Kollegen an seiner Seite – in den Briten Barbaren, die Blut in Würste mischen und kratzende Schottenloden tragen.

Das Komische wird aber bald zurückgedrängt vom Bitteren, ja Tragischen. Das ist hier keine Wohlfühlkomödie, und Abdul ist auch kein reiner Sympathieträger. Er ist ebenso ein Aufschneider und Schönredner, der sich mit einem privaten Hofstaat umgibt, als er seine Familie nachholen darf (was der echte Abdul wirklich durfte). Der Inder nutze seine privilegierte Stellung aus, flüstern der revoltierende Hofstaat und die entnervten Politiker der Queen ins Ohr. Und was antwortet sie? „Jeder von euch tut das.“

Judi Dench ist ein Kronjuwel

Judi Dench (Bonds einstige Chefin „M“) ist ein schauspielerisches Kronjuwel, wenn man das so sagen darf. Gänzlich unangestrengt wechselt sie zwischen Bockigkeit und Altersweisheit, Strenge und Sanftheit, Stärke und Hilfsbedürftigkeit. In „Ihre Majestät Mrs. Brown“ spielte sie 1997 schon einmal Queen Victoria, die eine unbotmäßige Freundschaft mit ihrem schottischen Diener John Brown einging. Nun hat die 82-jährige endgültig die nötige Reife für Victoria.

Wie die Herrschaft Britanniens über Indien 1947 in Blut und Bürgerkrieg endete, haben wir erst kürzlich in „Der Stern von Indien“ gesehen. Und auch hier sieht Frears keinerlei Veranlassung, die Dinge besser zu zeichnen, als sie waren: Als die Queen nach 64 Thronjahren stirbt, hat Sohn Bertie nichts Eiligeres zu tun, als den Eindringling wieder dorthin zurückzuschicken, woher er gekommen ist.

Acht Jahre blieben Abdul noch im indischen Agra. Dann starb auch er, keine 50 Jahre alt.

Von Stefan Stosch / RND


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