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WIRRE HAARE, KLARER VERSTAND: Urban Priol im Theater am Aegi. © Florian Petrow

Theater

Urban Priol macht sich seinen Reim

Urban Priol entert mit dem obligaten Weißbier die Bühne im Theater am Aegi. Er fasst sich an die Halbglatze, rauft sich den verbliebenen explodierten Haarkranz und irrt umher.

Hannover. „Das ist der klare Kurs der Regierung“, spottet er, noch ganz unter dem Eindruck der jüngsten Nachrichten, „in der Champions League steht es übrigens noch null zu null. Kein Wunder, die hat ja noch gar nicht angefangen.“

Mit Neon-Turnschuhen, buntem Hemd und Nickelbrille tigert der 54-jährige Vielredner durch die Kulissen und ahmt die deutschen Stammtisch-Dialekte nach. Auch Merkels Lispeln, Kauders rheinfränkischer Befehlston und Schäubles alemannisches „isch over“ (Griechenland) - herrlich kurze Snippets aus dem politischen Tagesgeschäft.

Nur hat sich Priol die falschen Idole gesucht: Als Gladbach-Fan beweint er die letzten Auftritte der Niederrheiner, und damit auch gleich die seiner Partei: „Die SPD ist die Borussia der Politik; in den 70ern ein paar gute Spiele, seitdem läuft der Kampf gegen den Abstieg.“

„Und bin ich nicht Tillich, so brauch ich Gewalt!“ - er geht das Kabinett durch, de Maizière, von der Leyen, Dobrindt & Co., und entdeckt deren Schwächen und Widersprüche: „In Deutschland sind drei Prozent der Bevölkerung an der Börse aktiv. Trotzdem werden die Börsennachrichten täglich im TV ausgestrahlt.“ In den fast ausverkauften Reihen im Aegi sind sie am Kreischen und Klatschen, viele Besucher nicken mit dem Kopf und pflichten bei. Zustimmung wie beim Gottesdienst einer ländlichen Kirche in den USA.

Priol persifliert Gerhard Schröder, der eine Agenda 2030 vorschlägt. Wie letztes Mal, die SPD wird die Kastanien schon aus dem Feuer holen und danach abgewählt werden. Priol leidet unter den Realitäten, verwendet viele unausgesprochene Sätze, stottert sich in pathologische Ungläubigkeit wie einst Dieter Hildebrandt. Dabei kann es so einfach sein: „Die EU-Subventionen für unsere Landwirte abschaffen, dann weiß der Kleinbauer in Afrika auch zu überleben.“ Randnotiz: Der Fischbestand vor der somalischen Küste hat sich fast erholt, seitdem die Piraten dort unterwegs sind und sich kein europäischer Trawler mehr in die Gewässer traut.

Bis nach 23 Uhr arbeitet sich Priol durch sein langes Programm, in dem er am Ende alle, aber auch wirklich alle Ungereimtheiten ausgesprochen hat - und sich einen Reim darauf gemacht hat. Viel Beifall.

Bewertung: 4/5

Am 20. Januar kommt Urban Priol mit seinem Jahresrückblick „Tilt“ zurück ins Theater am Aegi.


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