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Gipfelstürmer: Regisseur Paul Schwesig im Bühnenbild von „Zeit der Kannibalen“.

Gipfelstürmer: Regisseur Paul Schwesig im Bühnenbild von „Zeit der Kannibalen“.© Michael Wallmüller

Theater

Unter Kannibalen

Der Berlinale-Film „Zeit der Kannibalen“ tauchte 2014 als böse Groteske in die Welt der Business Consultants ein. Paul Schwesig bringt den Stoff nun im Cumberlandschen Treppenhaus auf die Bühne. Ein Interview.

Hannover. Sie operieren global und sind doch von der Welt entfremdet: Das Stück „Zeit der Kannibalen“ entführt im Cumberlandschen Treppenhaus in den Kosmos der Consultingfirmen. Wir sprachen mit Regisseur Paul Schwesig (32).

Was haben wir gerade auf der Bühne gesehen?

Das ist das Endbild. Wir starten mit einem leeren Treppenhaus, und erst während des Stücks verwandelt es sich. Ich habe lange nach einem Bild gesucht, weil ich kein Hotelzimmer auf der Bühne haben wollte; das hätte ich langweilig gefunden. Und im Urlaub auf Korsika, auf dem Monte Cinto, ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, dass es eine Bergwelt sein muss, vor allem in einem Treppenhaus.

Als Sinnbild für den Aufstieg?

Ja, es ist das Ersteigen eines Karrieregipfels und auch ein Marschieren über Leichen.

Wie sind Sie an den Stoff gekommen? Wurde er Ihnen angedient?

Nein. An diesem Haus ist es sehr schön, dass wir als Regieassistenten – was ich bis Ende der Spielzeit ja noch bin – die Chance bekommen, ein Stück zu inszenieren. Und dann begann die Stück-Suche. Ich habe den Film 2014 gesehen, in einem kleinen Programmkino und ein paar Monate nach der Berlinale, wo er ja Premiere hatte. Es waren, glaube ich, nur drei Leute im Raum. Das ergab eine beklemmende Atmosphäre. Der Stoff hat mich echt gekriegt.

Was daran?

Vor allem die Figuren. Das macht es jetzt auch so schwierig in der Theater-Umsetzung: diese Kaltschnäuzigkeit darzustellen, mit dem sie ihren Job machen, aber auch aufzudecken, worum es ihnen geht – wirklich nur ums Geld? Oder wollen sie – wie der Mitarbeiter Öllers vielleicht - auch nur hochkommen, um sich doch wieder mehr um die Familie kümmern zu können?

Wie haben Sie recherchiert?

Wir haben unter anderem mit jemandem geredet, der als Unternehmensberater gearbeitet hat und nun Medizin studiert. Der hat uns unter anderem die ganzen Hierarchien erklärt. Das war sehr spannend. Er ist auch während unserer Gespräches – ich glaube, auch mit Absicht – während unserer Gespräches, das drei Stunden dauerte, in den Duktus dieser sehr eigenen Sprache verfallen. Auch das ist ein Punkt, wo man sich fragt: Wie kann man diese Figuren kreieren? Es ist die größte Baustelle, das hinzubekommen. Die Oberfläche ist einfach.

Wie haben Sie es gelöst?

Indem wir uns sehr darauf konzentriert haben, was sie in den privaten Momenten, die es in dem Stück eben auch gibt, machen. Und mit welchem Ton sie das machen – wie Frank Öllers zum Beispiel mit seiner Frau redet, ganz zärtlich. Oder mit seinem dreijährigen Sohn. Und wie sich das wieder ändert, sobald er einem Abfertigungsgespräch ist. Oder der Kai Niederländer, der echte Ticks hat, zum Beispiel Angst vor dem Außen.

Es ist auch eine Geschichte der kompletten Entfremdung: von dem eigenen Handeln und dessen Konsequenzen, von der Welt und von den Menschen ...

Und das ist die Frage: Wie wird man so? Kann man schlafen gehen, wenn man so ist?

Und?

Das weiß ich, ehrlich gesagt, nicht so genau. Am Ende sind wir doch im Theater und haben alle diesen Job nie gemacht; es bleibt eine Interpretationsfrage.

Es ist Ihre erste große Arbeit als Regisseur in Hannover. Ist es eine andere Herausforderung als zum Beispiel „Ktzlmchr“ im Balljugend-Club?

Ist es. Ich habe ja auch schon in Berlin in der Off-Theater-Szene inszeniert. Aber es ist eine ganz andere Herausforderung. Weil es eben doch Staatstheater ist. Weil ich das erste Mal ausschließlich mit Profis arbeite. Es ist vor allem ein Aufeinanderprallen der verschiedensten Künstler, die natürlich auch alle als solche wahrgenommen und behandelt werden müssen. Und es ist eine Herausforderung der Führung.

Macht es das Kammerspielhafte des Stoffes für Sie einfacher?

Weiß ich nicht. Was es mir einfach gemacht hat, ist, dass ich ein Team gefunden habe, das mir vertraut. Gerade mit Isabel, also Isabel Tetzner, ist es eine schöne Arbeit, denn uns verbindet eine sieben Jahre lange Freundschaft. Wir haben schon in Berlin zusammengearbeitet. Da gibt es eine Verständnisarbeit ohne Worte. Und: Ich habe in meiner Assistenzzeit unterschiedlichste Arbeitsweisen von Regisseuren kennengelernt und habe mir vorgenommen: Ich habe keine Lust auf Geschreie; ich versuche immer, einen guten Ton zu wahren.

Was kommt nach Ende der Assistenzzeit?

Ich verlasse Hannover und arbeite als freier Regisseur.

Was hat Sie damals hierher geführt?

Letztlich, dass ich genommen wurde. Aber ich hatte damals auch ein anderes Angebot und habe mich für Hannover entschieden, unter anderem weil ich wusste, wie gut hier die Betreuung der Regieassistenten ist und dass man am Ende ein Stück inszenieren kann.

Wie gehen Sie aus Hannover weg?

Und aufgrund der positiven Reaktionen zu „Ktzlmchr“ besteht die Chance, dass ich als Regisseur nochmal nach Hannover zurückkomme.

Glückwunsch übrigens – Sie sind mit„Ktzlmchr“ zum Theatertreffen der Jugend eingeladen.

Danke. ich hoffe, dass man da meine Leidenschaft gesehen hat und meinen Willen, aus dem gar nicht so kleinen Rahmen des Jugendclubs noch mehr herauszuholen.

Geht es mit dem nächsten Projekt wieder in der Turbokapitalismus?

Nein, um etwas ganz Anderes. Ich will noch nicht zu viel verraten. Aber es geht um etwas ganz Schönes.

Von Stefan Gohlisch


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