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TÖDLICHE LEBENSLUST:Das Mädchen Lucinda (LauraSchuller, jeweils links) stirbtan Magersucht. Lucindas Schwester Malina (Sophie Krauß) merkt das erst, als es zu spät ist.Fotos: Isabel Machado Rios

TÖDLICHE LEBENSLUST: Das Mädchen Lucinda (Laura
Schuller, links) stirbt an Magersucht. Lucindas Schwester Malina (Sophie Krauß) merkt das erst, als es zu spät ist.© Isabel Machado Rios

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Theater

"Und auch so bitterkalt" - beklemmendes Stück über Magersucht

„Still“ heißt es an dieser Stelle im Roman, ein Wort nur, einzeln auf eine sonst leere Seite geworfen. Im Ballhof zwei kreischt in dem Moment die E-Gitarre. Ein Junge hat sich umgebracht, ein beklemmender Moment, finster. „Und auch so bitterkalt“, Paulina Neukampfs Inszenierung von Lara Schützsacks gleichnamigem Jugendbuch, hatte nun beim Jungen Schauspiel Premiere. Das geht nicht ohne Freiheiten.

Hannover. Ein Mädchen, Lucinda, hat sich verirrt, in seiner Fantasiewelt, in seinem Traum, Muse zu werden, in seiner kindlichen Grausamkeit den Jungen gegenüber, die ihm verfallen sind. Lucinda verrennt sich, bis sie buchstäblich schwindet, abmagert. In ihrem Hunger nach Leben verhungert sie. Im Roman erzählt das ihre jüngere Schwester Malina und bleibt blass. Hier ist sie ein Energiebündel, dem eine überbordend aufspielende Sophie Krauß etwas rotzfrech Koboldhaftes gibt, breites Grinsen, große Posen, die Finger zur Heavy-Metal-Pommes-Gabel gereckt. Punkrock!

Blutleer wirkt da Schauspiel-Gast Laura Schuller als Lucinda. Dass alle Menschen ihr erliegen, bleibt Behauptung. Vielleicht soll das so sein, weil ihre Wirkung nun einmal nur in den Augen des Betrachters liegt. Vielleicht ist es aber auch keine Absicht.

Was famos aufgeht, ist, den Monolog des Buches eben nicht in eine Vielstimmigkeit zu übertragen. Schuller und Krauß erzählen ihre Geschichte mehr ins Publikum hinein als miteinander: „Ihr, wir und über uns, rund und unglaublich gelb, der Mond“, wie es eingangs heißt. Haarteil vor den Mund? Schon ist es der bärtige Psychiater. Matte vor dem Gesicht? Der schwärmerische Nachbarsjunge.

Immer dann, wenn Menschen ins Spiel kommen, die einfach nicht die Sprache der Mädchen sprechen - die hilflose Mutter zum Beispiel -, übernimmt die hauptberufliche Souffleuse Annette Köhne-Fatty: Ihre Lesestimme ist eindeutig nicht die einer Schauspielerin, so wird überdeutlich, dass sie nicht dazugehört. Auf einen Ballon am Bühnenhimmel wird ihr Gesicht projiziert. So ist sie da und nicht da. Am prägnantesten auf der so vielsagend kargen Bühne (Julia Berndt) ist ansonsten der Traumraum der Mädchen, mit Tüchern und Kissen ausstaffiert wie das Zelt einer Märchenerzählerin.

Was das Stück, in dem das Wort Magersucht nie vorkommt, über Magersucht zu sagen hat, bleibt ungesagt und hallt dadurch umso mehr nach: Darüber wird zu sprechen sein. Es geht direkt in den Zauber der Jugend, in „das Gefühl, im Moment zu sein“, ein Gefühl, das sein Schwinden schon in sich trägt. Und das mitunter eine tödliche Sehnsucht weckt. In diesem Stück über das Sterben geht es eben auch ganz viel um das Leben. Das Leben trotz allem.HHH HH

Wieder am 28. November im Ballhof zwei. Ab Januar kommt das Junge Schauspiel mit dem Stück auch in Schulen (empfohlen ab achter Klasse). Buchung und Info über Christine Klinke (Telefon: 0511/99 99 28 55; Mail: „schule@staatstheater-hannover.de“).


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